Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 11 ° heiter

Navigation:
Google+
Pokal aus Dresdner Ratsschatz in Maastricht wiedergefunden

Verschollen geglaubter Fund Pokal aus Dresdner Ratsschatz in Maastricht wiedergefunden

Die Goélette des Nürnberger Goldschmiedes Tobias Wolff aus dem 17. Jahrhundert gehört zum Ratsschatz der Stadt Dresden und gilt seit Kriegsende wie alle anderen 180 Objekte des berühmten Schatzes als verschollen. Das Bundeskriminalamt Wiesbaden stieß im März 2016 auf der The European Fine Art Fair in der Niederlande auf den Pokal.

Die Goélette gehört zum Ratsschatz der Stadt Dresden und galt seit Kriegsende wie alle anderen 180 Objekte des berühmten Schatzes als verschollen

Quelle: Adina Rieckmann

Dresden. Die Goélette des Nürnberger Goldschmiedes Tobias Wolff aus dem 17. Jahrhundert gehört zum Ratsschatz der Stadt Dresden und gilt seit Kriegsende wie alle anderen 180 Objekte des berühmten Schatzes als verschollen. Das Bundeskriminalamt Wiesbaden stieß im März 2016 auf der The European Fine Art Fair (TEFAF) in der Niederlande auf den Pokal. Er wurde dort für 230 000 Euro angeboten. Adina Rieckmann sprach mit dem Direktor der städtischen Museen Dresden, Gisbert Porstmann, über den Fall.

Die Goélette des Nürnberger Goldschmiedes Tobias Wolff

Die Goélette des Nürnberger Goldschmiedes Tobias Wolff

Quelle: Adina Rieckmann

Frage: Wenn solch ein Teil auftaucht, wie fühlt man sich dann als Museumsdirektor?

Gisbert Porstmann: Erika Eschebach, Direktorin im Stadtmuseum, und ich – wir waren geradezu elektrisiert. Das sind schon Sternstunden im Museumsberuf, wenn solch ein Prunkstück, das auf unerklärliche Weise verloren gegangen ist, plötzlich wieder auftaucht. Natürlich versuchen wir immer auf verschiedenen Kanälen den Ratsschatz zurückzugewinnen. Aber natürlich können wir nicht weltweit sämtliche Auktionshäuser observieren. Dazu fehlen uns schlicht das Personal und die finanziellen Mittel. Umso mehr sind wir jetzt höchst überrascht und beglückt.

Wie haben Sie von dem Fund des Schiffspokals erfahren?

Durch eine Mail des BKA an Frau Eschebach. Wenig später kam der Anruf aus Wiesbaden. Die Information war unmissverständlich: Das BKA hat auf der TEFAF in Maastricht die Goélette, den Schiffspokal von Tobias Wolff aus dem 17. Jahrhundert identifiziert. Frau Eschebach und ich hatten beide den gleichen Reflex. Eigentlich wollten wir den Händler am liebsten sofort anrufen und mit ihm ins Gespräch kommen. Die Mitarbeiter der Sonderkommission vom BKA erklärten uns allerdings klipp und klar, dass wir das dienlich zu unterlassen haben. Weil sie sehr, sehr oft, sehr schlechte Erfahrungen in der Kooperation mit Händlern gemacht haben. Ich bin dann auf Anraten des BKA zu der Abteilung für Sondereigentumsdelikte zum LKA Sachsen gegangen. Dort habe ich dann die Strafanzeige wegen des Verdachtes auf Hehlerei gestellt.

Woher hatte das BKA die Sicherheit, dass es sich um die vermisste Goélette aus dem Dresdner Ratsschatz handelt?

Das BKA hat uns Fotos geschickt. Solche, wie sie jeder Besucher selbst auf der TEFAF durch die Vitrine, durch das Glas der Vitrine fotografieren kann. Sie schickten uns mehrere Ansichten, so dass man sich ein Bild machen konnte. Interessant war für uns, dass genau dieser Pokal im TEFAF-Katalog und auf der Homepage der Galerie Neuse nicht zu finden war. Wir haben dort natürlich sofort nachgeschaut. Aber da war er nirgendwo verzeichnet. Mit den Fotos vom BKA aber konnten wir mit unserem eigenen historischen Inventarfoto von 1911 den ersten Abgleich durchführen. Die Echtheit bestätigte dann noch einmal ein Experte vom Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg.

Was wissen Sie über die Reise dieses Schiffspokals?

Wir haben herausbekommen, dass der Schiffspokal aus der Sammlung Otto Bernheimer 1960 in München im Auktionshaus Weinmüller versteigert worden ist. Eingeliefert hat den Pokal dann bei Christies ein, wie es so schön bei Christies heißt: „Distinguished Swiss Gentleman“. Durch die Ermittlungen der Polizei haben wir dann erfahren, dass es ein Schweizer war, der diesen Pokal eingeliefert hat und ihn wiederum von seinem Schwiegervater geerbt hatte. Wir wissen leider nicht, ob der Schwiegervater derjenige war, der ihn 1960 in München erworben hat, oder ob es dazwischen weitere Besitzer gegeben hat. Ebenso wenig wissen wir, wie die Goélette von Dresden nach München in die Sammlung des Konsul Bernheimer gekommen ist.

Das Stadtmuseum stellt sukzessive Stück für Stück des Dresdner Ratsschatz in das Lost Art Register, in die Datenbank für Kulturgutverluste. Der Pokal wurde bereits 2012 mit einem Schwarzweißfoto aus dem Jahr 1911 in die Datenbank hineingegeben. Die Galerie Neuse behauptet, sie hätte den Pokal gutgläubig gekauft und nie dafür 100 000 Euro bei Christies bezahlt, wenn sie dessen Geschichte gekannt hätte. Sie sei davon ausgegangen, dass Christies die Provenienz vorab geprüft habe. Wie erklären Sie sich das?

Ich glaube, da haben einige ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Christies hat offensichtlich nicht in das Lost Art Register reingeguckt. Denn wenn man dort Goélette und Tobias Wolff eingibt, ist man – ich hab es vorhin gerade noch einmal gemacht mit zwei Klicks – auf der Verlustanzeige des Stadtmuseums Dresden. Also wenn Christies recherchiert hätte, dann hätten sie zu 100 Prozent den Eintrag über die Goélette finden müssen.

Die Galerie Neuse wollte den Pokal auf der TEFAF für 230 000 Euro nach eigenen Aussagen an ein Hamburger Museum weiterverkaufen. Die Bremer sagen, sie hätten nach dem Gesetz gehandelt und alles richtig gemacht. Sehen Sie das auch so?

Das ist eine schwierige Frage. Und es geht hier wohl eher um Moral als um Recht. Wenn die Galerie Neuse in dem Augenblick, wo sie den Pokal bei Christies erworben haben, recherchiert hätten, hätten sie ja auch mit diesen berühmten zwei Klicks darauf kommen müssen, dass sie gerade ein Verlust aus dem Stadtmuseum Dresden erwerben. Wenn sie uns dann informiert hätten, hört mal zu, wir haben euren Pokal entdeckt, der wird gerade bei Christies versteigert, dann hätten wir überhaupt handeln können! Und wenn dann die Galerie Neuse gesagt hätte, ja, wir wissen, wie es den Museen geht, sie haben in den seltensten Fällen das Geld, wir helfen ihnen, dann wäre das sauber gewesen. Aber so war es nicht. Sondern das BKA entdeckte den Schiffspokal auf der TEFAF in der Vitrine. Dort sollte er an den Mann gebracht werden, an wen auch immer.

Die Galerie Neuse behauptet, dass sie das Gespräch mit dem Museum gesucht habe, dass sie die Provenienz mit Ihnen gemeinsam klären wollte.

Also eine Einladung zu einem gemeinsamen Gespräch war dieses Telefonat keineswegs. Wenn, dann hätte ja die Galerie sagen können, hören Sie mal zu, Herr Porstmann, wir haben hier einen Pokal. Wir sind der Meinung, der gehört zu Ihnen. Wie wollen wir jetzt weiter verfahren? Aber die Galerie hat nur nach Fotos von Pokalen gefragt. Sie hat im Nebulösen gelassen, worum es ihr eigentlich ging.

Noch einmal zum Stichwort Gutgläubig. Haben Sie vor Gericht denn wirklich noch eine Chance?

Die deutsche Rechtsprechung ist mitunter schon schwer zu verstehen. Der Pokal war fast 40 Jahre im Besitz einer Schweizer Familie. Und es gibt eine Regel, sowohl in Deutschland, als auch in der Schweiz im Zivilrecht, dass man, wenn man zehn Jahre gutgläubig etwas besitzt, es dann ersessen hat. Dann kann einem das Eigentum tatsächlich zufallen. Diese Regel könnte uns zum Verhängnis werden.

Wie geht es jetzt weiter? Das Deutsche Zentrum für Kulturgutverluste in Magdeburg spricht davon, dass sich in solchen Fällen beide Parteien an den Tisch setzen sollten und dass das Museum der Galerie so eine Art Finderlohn, eine finanzielle Entschädigung zahlen sollte.

Also erstmal läuft das gerichtliche Verfahren ja noch. Das strafrechtliche Verfahren ist zwar bereits abgeschlossen, aber zivilrechtlich wird ja immer noch gestritten. Und solange wir noch eine Chance haben, den Pokal zurückzuerhalten, glaube ich auch daran. Aber natürlich, wenn das Amtsgericht Bremen gegen uns entscheidet, müssen wir viel Geld auf den Tisch legen. Denn dass dieser Schoner, die Goélette, wieder hierher zurückkommen muss, steht außer Zweifel. Das ist ja ein Teil des Ratsschatzes. Und der Ratsschatz gehört zur Identität dieser Stadt. Er gehört nur hierher nach Dresden.

Bis jetzt sind Sie davon ausgegangen, dass der Ratsschatz auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist. Nun ist der Schiffspokal aufgetaucht. Rechnen Sie mit noch ganz anderen Teilen?

Natürlich ist es fantastisch, dass solch ein Stück auftaucht, aber unausgesprochen heißt das selbstverständlich auch, dass noch mehr Teile im Umlauf sind. Deswegen ist es für uns auch so wichtig, möglichst lückenlos den Weg dieser einen Goélette zurückzuverfolgen. Nur so können wir Rückschlüsse daraus ziehen, wo sich eventuell noch weitere Teile des Ratsschatzes befinden.

Von Adina Rieckmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr