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Poetische Natursuche und Reflexion - Seidel und Nitzsche in Galerie am Blauen Wunder

Poetische Natursuche und Reflexion - Seidel und Nitzsche in Galerie am Blauen Wunder

Jedes Jahr im Sommer richtet Gunter Ziller in den Räumen seiner Galerie eine Gedächtnisausstellung für verdiente und betagte Künstler aus, die er im Laufe seiner bereits 25 Jahre bestehenden Galerietätigkeit dem Dresdner Publikum vorstellen durfte.

Diesmal sind es der 90. Geburtstag des in diesem Jahr verstorbenen Malers Jürgen Seidel und der 80. Geburtstag des in Dresden lebenden Bildhauers Dietrich Nitzsche, die Ziller schon zu DDR-Zeiten während seiner Tätigkeit in der Genossenschaftsgalerie Kunst der Zeit kennengelernt hatte. In der Galerie am Blauen Wunder hat Ziller für beide Künstler Raum geschaffen und sie neben den anderen von ihm vertretenen Künstlern vertraut präsentiert. Beide, Seidel und Nitzsche, zeichnen sich durch eine besondere Experimentierfreudigkeit ohne Ismen aus, immer auf Natur-und Formensuche und deren Reflexion sowohl als Maler als auch als Bildhauer und Objektkünstler. Beide entdeckten schon früh die Moderne, inclusive Surrealismus, Da-Da und Konstruktivismus innovativ für sich.

Jürgen Seidel, der sich in seiner Geburtsstadt Chemnitz als Dekorateur ausbilden ließ, entdeckte seine Liebe zur Kunst in Krieg und Gefangenschaft beim intensiven Zeichnen von Mitgefangenen, dem Essgeschirr, fremden Landschaften und vielen kleinen Dingen des Soldatenalltags. Nach Rückkehr aus amerikanischer Gefangenschaft lernte er bei einem Malkurs seine spätere Ehefrau Gertraude kennen (Heirat 1952), mit der er auch künstlerisch verbunden war und für deren textile Objekte und Applikationen er anfangs die Entwürfe beisteuerte. 1947 wurde er im ersten Studiendurchgang der HfBK Dresden immatrikuliert. 1951 verweigerte man ihm jedoch aus politischen Gründen den Abschluss. Seit Ende der 50er Jahre verkehrte Seidel im Künstlerkreis der Dresdner Kunstsammlerin und Heilgymnastikerin Ursula Bahring.

Mit baugebundenen Arbeiten, Möbelintarsien, Mosaiken und Entwürfen für Kirchenparamente (Loschwitz und Gorbitz, ausgeführt von Gertraude Seidel) verdiente er den Unterhalt für die Familie und machte sich auch als Künstler schon in den 70er Jahren mit seinen experimentellen und surreal-phantastischen Arbeiten einen Namen. Erste Ausstellungen folgten, 1978 in der Galerie Nord und 1981 in der Freitaler Kunsthandlung Patzig. Damals waren auch einige jener Collagen und Baumdrucke ausgestellt, die man in der Ausstellung von Gunter Ziller in einem gesonderten Raum sehen kann. Seine Motive fand er vor der Haustür auf dem Weißen Hirsch, an der Elbe und der nahen Heide, wo er Baumscheiben und Harzschnitte abrieb und sie im Atelier farblich und mit Collageelementen verfeinerte. Besonderen Wert haben die Tuschezeichungen und Mischtechniken von Strandgut, wie Fundhölzer und Muscheln, die zu grotesken Bildern surreal weitergetrieben wurden und in ihren konvexen und konkaven, oft knochenweißen Formen, erotisch wirken.

Transformation als Roter Faden

Seidel war immer ein Schalk, schlagfertig und manchmal mit bissigem Humor, unangepasst, auf alle Dinge neugierig, die einen künstlerischen Ansatz boten, unvergleichlich kreativ. Das zeigte sich besonders in den letzten Lebensjahren, wenn er alte Arbeiten, Grafik und Malerei, lustvoll zerschnitt und zu eigenwilligen Collagen neu arrangierte. Die Collage war für Jürgen Seidel "das Mittel surrealistischer Transformation" (Roland März, 1978) und das verbindende Element seiner Kunst.

"Man kann nicht machen, was man nicht ist, ich mache meine Bildwerke aus freier Vorstellung, gewonnen aus einer summarisch angereicherten Substanz... Vorgefundenes oder spontan Entdecktes wird zum geeigneten Material, das Werk beginnt zu wachsen...", heißt es in einem Statement des Dresdner Bildhauers Dietrich Nitzsche. Und meint damit die bildnerische Reflexion. Von seinen plastischen Arbeiten der 80er Jahre erregten seine "Kastenskulpturen" Aufmerksamkeit, in denen es ihm "um reduzierte Räume ging, die mystische Beziehung zwischen Kasten und Raum, um lyrische Lichteinfälle in Schattenräume" (G. Ziller). Gestaffelte, batterieartige Röhren und metaphorische Objekte überwiegen. Kreis und Quadrat, Kugel und Würfel bilden die Grundlage für seine konstruktivistischen Objekte und Assemblagen. Oft ahnt man eine irrationale Mechanik, die nur ästhetisch "funktioniert". Vor fünf Jahren waren es auf Kreis und Linie reduzierte "Signale" in der Zeichnung, aber auch in seinen späteren Objekten.

Nitzsche: Über Umwege zur Kunst

Dietrich Nitzsche wurde 1934 in Bergen im Vogtland als Sohn kunstinteressierter Vorfahren geboren. Großvater und Vater waren Kunsterzieher, der Onkel Glasgestalter. 1950 schloss er eine Bildhauerlehre bei dem Holzbildhauer E.C. Lenk in Adorf ab und studierte danach 1952-57 an der HfBK Dresden bei Walter Arnold und Hans Steger Bildhauerei. Anregungen kamen auch von Ralf Winkler, Peter Makolies und Winfried Dierske. 1959-78 arbeitete er als Gestalter am DEFA-Studio für Trickfilme. In dieser Zeit machte er sich intensiv mit der Moderne, Lipchitz, Tatlin, Schwitters, Wotruba und Brancusi vertraut. Bis 1992 erhielt er eine Professur für Bildhauerei an der HfBK Dresden. Nach 2002 (siehe Ausstellung) schuf Dietrich Nitzsche neben raumgreifenden Holzplastiken (Exzentrik, 2010) Acrylglas-Reliefs, die in sich stark farbig (Rot/Gelb/Blau) und signalartig Malerisches und Assemblagehaftes zusammenbringen.

bis 2. August. Galerie am Blauen Wunder, Pillnitzer Landstraße 2, geöffnet Do-Sa 14-18 Uhr, Kontakt: Tel. 0351/268 40 20

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.07.2014

Heinz Weißflog

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