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Poetische Bilder in der Kunstausstellung Kühl

Der verwunschene Garten Poetische Bilder in der Kunstausstellung Kühl

Der Garten als spirituelles Zentrum der Welt ist immer eine Art Kulturraum der Natur und mythisches Paradies im Diesseits gewesen, das die Künstler und Philosophen zu allen Zeiten bewegt hat.

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Brian Curling. „Liminal state“, Farbholzschnitt.

Quelle: Boswank/Galerie am Damm

Dresden. Der Garten als spirituelles Zentrum der Welt ist immer eine Art Kulturraum der Natur und mythisches Paradies im Diesseits gewesen, das die Künstler und Philosophen zu allen Zeiten bewegt hat. Zwar muss auch hier die helfende (manchmal rigorose) Hand des Gärtners eingreifen, um das Chaos zu verhindern, aber ist er einmal schön angelegt, mit Wegen und befreit vom „Unkraut“, so wähnt man sich im Reiche Gottes und wandelt auf seinen Pfaden wie ein König. Gerade die bildende Kunst, allem voran die Malerei und der Holzschnitt, beziehen ihre Kraft und ihre Anregungen aus der Gartenkultur, wenn es auch nur ein kleiner Ausschnitt oder ein Plätzchen hinter dem Haus ist.

Schon der Blick auf einen vor dem Fenster sich im Wind biegenden, knospenden oder blühenden Pfirsichzweig (wie schön, wenn auch ein Vogel darauf sitzt) gibt die Sicht frei auf den Kosmos, der uns überall umgibt. Solcher Art Motive haben die alten Tuschezeichner und Holzschneider Japans und Chinas, aber auch deutsche Künstler bereits vor einigen Jahrhunderten liebevoll auf Leinwand und zu Papier gebracht.

Das Refugium ihres heimatlichen Dresdner Gartens

Stefan Georges Gedichte unter dem Titel „Der verwunschene Garten“ sind Kronjuwelen deutscher Dichtkunst, schlafwandlerische Rhythmen, golden gefasst in kräftig-lebendigen, farbig-leuchtenden Metaphern. Die Dresdner Malerin Cornelia Schuster-Kaiser (geb. 1966 in Dresden) debütierte mit ihrer Diplomarbeit unter gleichnamigen Titel und schuf ein sorgfältig ausgeführtes Künstlerbuch mit zwölf Holzschnitten/Holzritzungen zu den Gedichten des deutschen Symbolisten, die in der Hagedorn Presse der HfBK Dresden 1992 gedruckt wurden.

Das wertvolle Buch liegt zur Zeit in der Kunstausstellung Kühl aus (man kann sich im Internet über das Buch und die Abbildungen informieren), gemeinsam mit den Gartenbildern und Landschaftsimpressionen, sowie ausschnitthaften Stillebeninszenierungen, in denen Gartenblumen und Früchte zelebriert werden („Stilleben mit Kapuzinerkresse“, Öl 2015). Es ist das Refugium ihres heimatlichen Dresdner Gartens mit seinem flutenden Licht und den aus allen Winkeln leuchtenden Farben, das sie immer wieder in ihrer Malerei in den Bann zieht und zu Motiven im Wandel der Jahreszeiten führt, aber auch zu einem dunkel-samtenen Nachtstück sowie mehreren allegorischen Gartenbildern („Gartentraum“, Öl 2008) mit einer schlafenden Frau, die sie zu einer echten Intimistin machen, wie man sie häufig in der Tradition der Dresdner Moderne in Dresden kennt.

Mit altchinesischer Lyrik verschiedener Quellen hat sich die Radebeuler Malerin/Grafikerin Friedrike Curling-Aust (geb. 1976) beschäftigt und sie in ihren holzrissähnlichen Farbholzschnitten interpretiert und kommentiert. Neben szenischen Landschaften, die in der ostasiatischen Malerei verbreitet sind, hat sie dem Motiv die Gedichte beigefügt (mit aufkaschiertem Textblatt).

Auf den Holzschnitt „Frühlingswind“ (2015) zum Beispiel ist das elegische Gedicht von Li Ling (um 265) geschrieben: „Ich lieb die milden Blumen/im ­Wald zur Frühlingszeit/lieb ist mir auch der Vogelsang/voll sanfter Traurigkeit./Am liebsten aber ist mir doch mit seiner Zärtlichkeit/der Frühlingswind/der mir aufbläst mein Seidenunterkleid“. Eine Frau sitzt allein und in sich versunkenauf einer Bank mit dem Rücken zum Betrachter mitten im Blätter-und Blütenregen. Hinter einem Baum verfolgteine ganz in Rot gehüllte Gestalt das Geschehen. Geheimnisse hier und dort...

Durch die Jahreszeiten begleitet der Radebeuler Maler/Grafiker Brian Curling (geb. 1976) den Betrachter mit seinen zarten, sensibel empfundenen Farbholzschnitten und Holzrissen von Natur-und Gartenstücken. Er eröffnet mit ihnen gleichsam einen west-östlichen Dialog, bei dem das Eigene eine Bereicherung durch die Formenwelt Ostasien erfuhr, aber auch eigenständig Neues erkundet. Bei den Holzschnittten wurden neben einer Goldauflage 2 bis 3 Papiere übereinander geklebt, die eine besondere Transparenz und Tiefe des Bildes erzeugen („January“, 2015). Neben ihrer Räumlichkeit haben die verschiedenen Ebenen auch ein spirituelle Funktion, die durch das Grau des Seidenpapiers verstärkt wird. Feine Rosatöne überwiegen, an die blühende Kigankirsche erinnernd. Manchmal aber auch tauchen die Knospen der Pflaumenblüte auf.

Regelmäßig holt sich der Künstler auf Reisen nach Japan Anregungen von dortigen Holzschnittmeistern. In jüngster Zeit bevorzugt Curling aber die Nahsicht auf blühende Zweige und Knospen und führt den Betrachter durch das Jahr. Viele seiner Blätter wurden unten oder am rechten oder linken Bildrand mit fein strukturierten, rechteckigen Farbfeldern versehen, die auf Mikro-und Makrostrukturen verweisen und ein poetisches Verhältnis von nah und fern, Erde und Himmel, Natur und Kosmos herstellen.

So druckte Curling auf Japanpapier auch seine fein geschnittenen Blüten und Gräser und fügte am rechten Bildrand ein senkrechtes Blatt mit einem Sternenhimmel hinzu, der durch hunderte exzentrische Bohrungen im Holz entstand („As the Crow flys II“, 2013). Die Schau von Naturformen mit Versatzstücken der modernen Kunst ist auf eigenwillige Art gelungen, artifizielles Pathos und große Gesten wurden zugunsten eines stillen Klangs vermieden.

Curlings Liebe zu Hilde Domin, der deutsch-jüdischen Dichterin, drückt sich auch in einem programmatischen Blatt mit den fragilen Stengeln des Vergissmeinnicht aus, unter dem folgende kurze und klare, bekennende Sentenz von ihr steht: „Nicht müde werden, sondern dem Wunder leise/wie ein Vogel die Hand hinhalten“.

Bis 20. Februar . Kunstausstellung Kühl, Nordstraße 5, Tel. 0351/ 80 455 88; Mi-Fr 11-19 Uhr, Sa 11-16 Uhr.

www.kunstausstellung-kuehl.de

Heinz Weißflog

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