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Pioniermusik: Großartige Minimalismen von Steve Reich und Kristjan Järvi im Festspielhaus Hellerau

Pioniermusik: Großartige Minimalismen von Steve Reich und Kristjan Järvi im Festspielhaus Hellerau

Am ersten Abend im Mai wurde es mal wieder besonders deutlich, wie wichtig das Festspielhaus Hellerau nicht nur für Dresden ist, sondern mindestens für ganz Sachsen und die Welt der Musik.

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Steve Reich (r.) und Kristjan Järvi bei der Aufführung von "Clapping Music" beim Konzert des MDR Sinfonieorchesters im Festspielhaus Hellerau.

Quelle: Peter Fiebig

Beispielhafte Architektur und Akustik. Geschaffen für Wagnisse, dann lange missbraucht; für Wagnisse wieder hergestellt. Aber ist "Steve Reich in Concert" wirklich ein Risiko? Der Publikumszuspruch bewies das Gegenteil.

Skeptiker mochten vielleicht eine Mogelpackung erwartet haben, eine Art öffentlicher Generalprobe für Folgekonzerte, wurden aber im besten Sinne enttäuscht. Eher war es ein Testballon, dieses Konzert. Ob das Ansinnen, die Musik von Steve Reich dem Publikum im Leipziger Gewandhaus am heutigen Sonnabend und zwei Tage später in der Salle Pleyel in Paris ausgefeilt offerieren zu können, wohl auch funktioniert? Die Probe aufs Exempel gab es im Hellerauer Tessenow-Bau.

Im Beisein des 1936 in New York geborenen Komponisten Steve Reich, derzeit Composer in Residence der MDR-Klangkörper, gab Kristjan Järvi sein Debüt im Festspielhaus. Weit mehr als eine Generalprobe. Gemeinsam mit Sinfonieorchester und Rundfunkchor des MDR widmete der gebürtige Este diesen Abend dem (schon Hellerau-erfahrenen) Pionier und Vater der Minimal Music. Die eingangs aufgeführte "Clapping Music" entstand 1963 und beinhaltet lediglich ein klatschendes Duo. Wie vertrackt die synchron startenden und nach zwischendurch ausgeführten Phasenverschiebungen auch wieder endenden Rhythmen tatsächlich sind, erschloss sich nur dem aufmerksamen Zuhörer. Nach wenigen Handschlägen zogen Järvi und Reich die meisten der Gäste im ausverkauften Haus in ihren Bann.

Ansteckend für alle war hingegen das "Duet" für zwei Soloviolinen und Streichorchester von 1995, das Yehudi Menuhin gewidmet ist und unter seiner Leitung zum Gstaad Festival auch uraufgeführt wurde. In Hellerau übernahmen Konzertmeister Waltraut Wächter und Andreas Hartmann die Soloparts. Sie taten es beide mit Hingabe und Perfektion. Die begleitende Streicherfraktion allerdings blieb da einiges schuldig, denn gerade bei dieser Musik wird minimalstes Schludern überdeutlich hörbar. Der Beifall war dennoch enorm, den treibenden Rhythmen vermag sich kaum einer zu entziehen.

Weit stärker spürbar noch wurde dies in "The Four Sections", einem knapp halbstündigen Orchesterstück von 1987, dessen Sätze nach der Besetzung von Streichern, Schlagzeug, Bläsern und Orchester-Tutti gegliedert sind. So entstehen ineinandergreifende Klangwelten, die elegantes Blühen mit tragischem Unterton zu zauberhaft kanonischem Umranken der Einzelstimmen hin trägt.

Nach der Umbaupause erwartete das Auditorium dann ein massiger Apparat aus Vibra- und Marimbafonen, gepaart mit Pauken, Trommeln sowie zwei Flügeln und Synthesizern für Reichs "The Desert Music". Das Orchester in teils gespiegelter Aufstellung hatte die Damen und Herren des Chores im Rücken. Ohne Verstärkung hätte der keine Chance, so aber sang, hauchte und fetzte er die Zitate aus William Carlos Williams gleichnamigem Album in den Saal, dass sie wie feinste Körnchen aus Wüstensand in die Gehörgänge treffen. Mit dem durchgehenden Drive der fünf Sätze ist ein auf- und absteigendes Hämmern verbunden, das ganz gewiss nicht wie die Emotionalität etwa der Romantiker wirkt, aber eine nicht minder starke Wirkung auslöst. Der getriebene Mensch, der nur in Eile zum Nachsinnen kommt, dem aber die Wiederkehr gleicher Themen und Takte ein Bezugnehmen auf sich und sein Umfeld erlaubt, er ist hier trefflich mit Tönen beschrieben. Järvi, der sein Spitzenensemble so eloquent wie präzis durch den Abend geführt hat (Ausnahme siehe oben), bedankte sich für die heftigen Ovationen noch mit dem Schlusssatz aus den "Three Movements" als Zugabe. Dann ging es via Autobahn wieder nach Leipzig. Dort erwartet heute Abend ein noch schönerer Saal die Musik des Amerikaners. Im September erhält der 77-Jährige für sein Lebenswerk einen Goldenen Löwen der Biennale Venedig.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.05.2014

Michael Ernst

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