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Philipp Hochmair spielt in "Jedermann reloaded" alle Rollen

Philipp Hochmair spielt in "Jedermann reloaded" alle Rollen

Die roten Grablichter stehen überall auf dem Gelände des LAB15 im Industriegebiet. Ein atmosphärischer Empfang, der den Tod schon vorwegnimmt. Denn "Jedermann" muss auch in der "reloaded"-Fassung sterben.

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Philipp Hochmair, künstlerisch daheim am Thalia Theater Hamburg, als Jedermann auf der Dresdner Bühne.

Quelle: Marlen Mieth

Dresden. Am Ende kleben nur noch die goldenen Girlandenstücke, die sein Schweiß festhält, an Philipp Hochmairs nacktem Oberkörper. Er verkörpert den Jedermann. Den Schmuck hat er gerade abgestreift und auch das Geld ist ihm nicht mehr wichtig. Er ist geläutert und bereit zu gehen. Die beiden Musiker spielen ihm elektronisch Verzerrtes hinterher, da ist es schon dunkel auf der Bühne. Nur die Grablichter brennen noch.

"Jedermann Reloaded" ist eine Art moderne Rockoper eines unzerstörbaren Klassikers von Hugo von Hofmannsthal. Und der geht so: Jedermann ist reich. Er hat Besitztümer, jede Menge Bedienstete und eine Buhlschaft, der er einen Lustgarten bauen will. Vergnügung ist sein oberstes Ziel, mit der Nächstenliebe oder überhaupt mit anderen Menschen hat er es nicht so. Sein Geld erfüllt ihm alle Bedürfnisse. Doch dann beschließt Gott, dass er Jedermann zu sich holen will. Eine Stunde hat der nun noch Zeit, um jemanden zu finden, der mit ihm geht. So hat es Hofmannsthal 1911 in seinem Theaterstück geschrieben und daran hält sich auch die aktuelle Version. Ebenso an Sprache und Reimform der Vorlage. Nur in der Aufführungsweise entfernt man sich 2013 deutlich vom Original. Regisseur Bastian Kraft dampft auf ein Minimum ein, was hunderte Male vorher als pompöses Schauspiel aufgeführt wurde, und inszenierte es als musikalisch begleitetes Ein-Mann-Stück am Thalia Theater in Hamburg. Als Koproduktion mit den Salzburger Festspielen, wo es natürlich weiter pompös aufgeführt wird.

Philipp Hochmair, Ensemblemitglied des Thalia Theaters, übernimmt alle Rollen: den Schuldner, die Buhlschaft, die Vettern, die Mutter und die metaphorischen Figuren wie Gott, den Glauben, den Tod oder den Mammon - alle werden zu einer Art schizophrenen Teil von ihm und er damit tatsächlich zu einem Mann, der von jedem etwas in sich trägt. Hochmair redet sich hinein in den Wahn, den sein reicher Jedermann lebt. Er sagt Sätze wie: "Gott weiß: viel Geld macht klug", reibt sich mit seinem Geschlecht an einem Geldsäckel und trägt das silberne Kreuz ganz sicher nur zum Schmuck auf seiner Brust. Als Gott dann abrechnen will, will Jedermann es nicht: "Unbereit bin ich." Doch aller Übermut nützt ihm ab jetzt nichts mehr und so verlagert Hochmair sich aufs Betteln, aufs ekstatische Schreien - das allerdings tut er auch als lebensfroher Jedermann schon gern - und gelangt zur Einsicht, bisher auf die falschen Werte gesetzt zu haben, nachdem keiner seiner Getreuen mit ihm gehen will. Die aufs Wichtigste zusammengekürzten Auseinandersetzungen sind trotz aller Dramatik ganz lustig. Wenn er zum Beispiel, in der Rolle seiner sich rausredenden Vettern, zu sich selber spricht: "Sie gehen, mit Krampf in den Zehen. Auf Wiedersehen!"

Das Stück widmet sich allerdings deutlich mehr dem Exzess als der Reue. Deshalb wirkt sein finales Glaubensbekenntnis wie die letzte Option in einem Spiel, das er verliert, wenn er sich nicht auf die Sache mit Gott einlässt. Er gibt sich jedenfalls kaum freiwillig oder gar aus reinem Herzen seinem Glauben hin. Sein innerer Konflikt - den es ja geben müsste, wenn einer vom selbstverliebten Turbokapitalisten zum einsichtigen Sünder wird - kommt deutlich zu kurz. Da erscheint ihm Gott und sagt, das war es jetzt leider; der Teufel droht mal kurz und alsbald ist Jedermann überzeugt von der Religion und muss deshalb nicht allein vors Jüngste Gericht treten.

"Ich glaube, dass ich glaube, dass ich gerettet werden kann", ruft er vorher immerhin noch ein paar Mal und lässt damit offen, ob er es wirklich glaubt. Aber er tut es letztlich nur für sich und sein eigenes Seelenheil, es gibt nichts Selbstloses an diesem Akt. So gleicht auch sein Tod einer Inszenierung und ist eher zum Schmunzeln - wenn Hochmair, nun voller Empathie, sich noch von einigen im Publikum verabschiedet, ihnen die Hand reicht oder über ihre Köpfe streichelt.

Beeindruckend ist seine Leistung allemal. Hochmair, der sich in anderthalb Stunden kein einziges Mal hörbar im Text verhaspelt und der mit einer Intensität spielt, die sicher noch im Fitnessstudio Freudentränen auslösen würde. Extreme Körperlichkeit nennt man das wohl, wie er sich da in Rage das Bier über den Kopf schüttet und mit dem Mikrofonständer gefährliche Tänze aufführt. Er tanzt zur Musik, nein, zur mystischen Klangkulisse zweier Dresdner Musiker, mit denen er die Tour-Version von "Jedermann Reloaded" erarbeitet hat.

Tobias Herzz-Hallbauer (Gitarre, Effektgeräte) und Jörg Schittkowski (Bass, Synthesizer) werkeln zuweilen sehr unterhaltsam hinter ihm an ihren Instrumenten herum und machen den Jedermann zu einem egozentrischen Frontmann einer düsteren Rockband, der eine Party mit dem bestmöglichen Exzess beendet. Mit dem eigenen Tod. Doch obwohl auch Die Elektrohand Gottes, so der Name der Performance-Band, über Jedermann richtet und ihn sterben lässt, bleibt er uns mit seiner Gier vermutlich noch ein paar Jahrhunderte erhalten.

von Juliane Hanka

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