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Pfingstfestival beim Dresdner Plattenlabel Discorporate Records: ein Gespräch mit Gründer Johannes Zink

Pfingstfestival beim Dresdner Plattenlabel Discorporate Records: ein Gespräch mit Gründer Johannes Zink

Ein Motto mit Sinn: "Freedom To Chaos". Johannes Zink gründete 2006 in Dresden ein Label, das schnell über den Tellerrand der Stadt hinaussah. Erfolgreich. 13 internationale Bands sind im "Portfolio", sieben davon als Kern in der stilistischen Spannweite zwischen experimentellem Punk, Folk, Noise- und Freerock.

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In Dresden fühlt sich Johannes Zink wohl und hat für sein Label das ideale Umfeld zum kreativen Arbeiten gefunden.

Quelle: PR

Immer wieder gab es in der Stadt zudem kleine, aber wirkungsvolle Konzerte unter der Flagge Discorporate. Beispiel aus dem vergangenen Jahr: Die Entdeckung des grandiosen New Yorker Duos Buke & Gase nicht nur für diese Breiten. Andreas Körner sprach im Vorfeld des Label-Festivals zum verspätet gefeierten fünften Geburtstag mit dem gebürtigen Thüringer Johannes Zink.

Frage: Johannes, über fünf Jahre Discorporate Records: Inwieweit decken sich gesteckte Ziele von einst mit dem jetzt Erreichten?

Johannes Zink: Meine Meinung darüber wechselt zwischen Tatendrang und Desillusion. Einerseits bin ich noch lange nicht dort, wo ich hin will, andererseits sehe ich in wohlwollenden Momenten, dass wir gerade auf internationalem Gebiet schon viel erreicht haben und dabei integer geblieben sind.

Dresdner Labels agierten in den 1990ern vor allem für einheimische Bands. Bert Offermanns Doxa Records war dann ab 1999 die erste Adresse für ausgestellte Internationalität. Steht Discorporate in dieser Tradition?

Für uns spielt Tradition keine Rolle. Ich bin ja ein Zugewanderter und kam vor zehn Jahren aus Gotha nach Dresden. Da gab es zwar schon eine Gruppe von gleichgesinnten Menschen um mich herum, aber natürlich noch keine Idee vom Label. Die Gründe für meinen Umzug waren eher profan: Zivildienst, Freunde, die schon hier lebten und studierten, die Schönheit der Stadt-

Wie hast du Dresden wahrgenommen?

Überhaupt nicht als musikalischen Ort. Ich war ziemlich baff, als ich gemerkt habe, was es alles schon gibt. Wir waren völlig isoliert, haben ohne eine Form von Werbung gearbeitet und Gleichgesinnte in Labels wie Altin Village, Kumpels & Friends oder Hometown Caravan erst nach und nach kennengelernt.

War das Understatement?

Unbedingt. Es spricht aber für Dresden, dass wir sofort Resonanz gefunden haben. Völlig ohne Strategie. Es war angenehm zu spüren, dass dich Dresden mit dem, was du willst, in Ruhe arbeiten lässt. Wir waren immer autark. Vielleicht hat das gar mit einer gewissen Ignoranz zu tun, obwohl wir, der Papierform nach, die Provinziellen sind, die aus der Kleinstadt hierher kamen.

Oder Fokussierung auf das, was wirklich zählt.

Ich habe Vetternwirtschaft selbst im Clubwesen immer verachtet, das ganze Getue, ein sogenannter Freund zu sein, weil man sich gegenseitig nutzt. Auch Selbstüberschätzung war mir stets zuwider, Leute, die bald einschlafen, weil sie ihre Relevanz über Stadt- und Ländergrenzen hinaus nicht beachten. Wir wollten uns eben nicht sofort auf die Schulter klopfen, nur weil 200 Leute zu unseren Konzerten gekommen sind. Wir wollten die Verwanzung nicht mitmachen, die es hier natürlich gibt. Auf der anderen Seite sind Städte wie Berlin, Hamburg oder Portland für uns der Gegenentwurf zu Dresden, dort wollen wir auch nicht sein. Diese Städte sind überfüttert, was man beim Publikum spürt. Hier haben die wirklich offenen Menschen schnell kapiert, was wir wollen. Das war pures Interesse, da war keine Manipulation im Spiel und auch kein Selbstzitat.

Vor zehn Jahren gab es längst gestandene Club-Veranstalter. Wie hast du dich beispielsweise im damaligen Star Club, heute Beatpol, gefühlt?

Ehrfürchtig angespannt. Die Leute dort standen als ältere, finstere, ernste Monumente ganz oben.

Du bist dort jetzt oft als Lichtmann am Pult. Warum das?

Weil es eine Art von Segen ist. Der Einfluss der Älteren, auch mit ihrer Schroffheit, bringt mir Bildung auf menschlicher Ebene. Und Reibung. Die Eigenständigkeit als Labelchef und das Unterordnen im Team - das sind fast zwei Wirklichkeiten.

Gerade die "Beatpoler" sind angestrengt dabei, Generationen zu verbinden...

Ich seh' das für uns enorm wichtige Generationsding nüchtern: Wir sind die Söhne unserer Väter, und unsere Väter sind fast allesamt ziemlich coole Typen. Damit meine ich den Kern von Discorporate, der sozialisiert ist mit Zappa, Jazz und Blues, mit der Thüringer "Kunden"-Szene, von der wir ganz viel mitgenommen haben. Wir suchen selten aktiv nach anderen Jugendkulturen, die hip sind und mit denen man vielleicht feine Sachen machen kann. Eher suchen wir nach gemeinsamen Sprachen. Es gibt für uns sehr wohl einen Grund, weshalb wir nach Brooklyn schauen oder zum Primavera Sound Festival nach Barcelona fahren oder auf der "Zappanale" in Bad Doberan einen Stand haben. Dort stehen 1000 Jeansjackenträger rum, alte Säcke, die einfach Bock auf Musik und inzwischen alle Eitelkeiten abgeworfen haben. Wir wollen die Versöhnung dieser zwei Generationen auf musikalischer Ebene.

Eine Discorporate-Band wie die österreichischen Broken Heart Collector hätte in den 1990ern hervorragend in den Jazzclub "Tonne" gepasst. Arbeitet das Label strategisch?

Das lief und läuft über Unterhaltungen, Kontakte, Entwicklungen ohne Abmachungen. Es gab nie ausgeschriebene Ziele, aber sehr wohl künstlerische Ausrichtungen. So etwas wurde und wird aber nicht am Tisch entschieden. Die ersten Discorporate-Bands gab es schon, da war das Label noch gar nicht gegründet. Ich bin nie sonderlich aktiv geworden, um Bands aufs Label zu holen.

Du schwankst immer zwischen dem Ich und Wir, wenn du über Discorporate sprichst.

Weil die Trennlinie eher schwierig zu ziehen ist. Das Wir sind vor allem die Musiker, weil sie mitbestimmen und gestalten, aber auch unser sozialer Kosmos. Wir treten als Rudel auf. Ich persönlich stehe für das Label und bin als Ein-Mann-Betrieb relativ gut organisiert.

Kämpft das Hobby dabei schwer mit der Betriebswirtschaft?

Das ist immer ein Zwiespalt, der mal stärker, mal schwächer zu spüren ist. Wirtschaftlicher Gewinn ist für Discorporate reine Illusion. Es schwankt zwischen amateurhaftem Wir-wollen-unser-Ding-Machen und dem Drang, unsere Umwelt musikalisch zu erziehen.

- Signale zu setzen.

Genau! Es geht nicht um richtig und falsch, gut oder schlecht. Ich hasse Ideologien. Und ich finde Menschen, die mit universellen Statements Werte für eine Masse generieren wollen, langweilig bis gefährlich.

Dient das zweitägige Discorporate-Festival in der Scheune als "Rausguck"?

Nein, eher als "Reinguck". Ich will sehen, was Label und Basis hier in der Stadt hergeben. Die Stunde der Wahrheit also.

JOHANNES ZINK (28) wurde in Gotha geboren und durch den Vater in Sachen Musik, Kunst und Literatur sozialisiert. Er hörte mit sechs Alice Cooper und Iron Maiden, sah wenig später Guns'n Roses live, bevor er sich über King Crimson und die Doors mit der älteren Generation versöhnte. 2002 leistete Zink in Dresden seinen Zivildienst und zog ein Jahr später ganz hierher. Zudem begann er ein Studium der Philosophie/Psychologie, das er jedoch nicht abschloss. 2006 ging Zink für ein Praktikum beim Roots-Label Glitterhouse nach Beverungen. Im selben Jahr gründete er Discorporate Records. Er hat eine zweijährige Tochter.

DISCORPORATE RECORDS ist Heimatadresse für offengeistige zeitgenössische internationale Bands. Aktuelle Hausnummern sind SchnAAk (Berlin), Dead Western (USA), Broken Heart Collector (Österreich), Za! (Spanien), Staer (Norwegen), Tarentatec (Dresden) und Dyse (Berlin). Details unter www.discorporate-records.com

DAS FESTIVAL präsentiert am Pfingstsonntag und -montag, jeweils ab 18 Uhr in der Scheune Extra Life (USA), Electric Electric (Frankreich), Vuk (Finnland), Dead Western (USA), Elfin Saddle (Kanada), Cotton Ponies, Don Vito, Gnarled Bikers, Tarentatec, Garda, Conny Ochs, Distraction (Deutschland). Zum Ein- hören: http://discorporate.bandcamp.com/album/discorporate-festival- sampler. -dre

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.05.2012

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