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PeterLicht zeigte im Beatpol seine Unzufriedenheit mit der Welt

PeterLicht zeigte im Beatpol seine Unzufriedenheit mit der Welt

Interessant, dass Texte über PeterLicht, den Mann auf dem "Sonnendeck", der im Jahr 2000 im Solarium der Neuen Deutsche Welle ein paar Leuchtstoffröhren auswechselte, dass über ihn geschrieben wird, er verberge sein Gesicht vor den Medien.

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Wer wissen will, wie PeterLicht aussieht, der besuche seine Konzerte oder greife zu Buntstiften.

Konsequenterweise führt er Interviews nur übers Telefon oder in getrennten Räumen, lässt sich nicht fotografieren und photoshopt auf seinen Platten allerlei Gegenstände vor sein Gesicht. Wenn man dann auf sein Konzert geht, erwartet man, dass er hinter einer Diskokugel sitzt oder vielleicht hinter einer Leinwand. Nur nicht, dass er gut sichtbar auf der Bühne des Beatpols steht und umstandslos mit seinem Konzert beginnt.

So ist er selber schuld, wenn die Aufmerksamkeit in den ersten Minuten sein Gesicht abtastet und diese erstaunt zur Kenntnis nimmt, dass er völlig unspektakulär aussieht mit seiner Hornbrille und dem schütteren rotblonden Haar und er wahrscheinlich weit weniger Beachtung gefunden hätte, hätte er diese Tatsachen von Beginn an in die Kameras gehalten. Der große Kapitalismus- und Öffentlichkeitskritiker, er weiß natürlich genau, wie beide Systeme funktionieren und arbeitet sich stückweise daran ab, bis all das Licht in ihm ausgelöscht ist, er seine Bühnenperson abgeschafft und der letzte Ton, das letzte Lied ihn verlassen hat ("Neue Idee"). Mit seinem sechsten Album "Das Ende der Beschwerde" (Motor Music, 2011) verabschiedet er sich von ein paar weiteren Gedanken, von seinen Träumen, der Illusion der Selbstbestimmtheit und seinem iPhone − alles unter der systemtheoretischen Annahme, selber Teil des Ganzen zu sein, das man kritisiert und zugleich als natürlichen Arbeitsraum annimmt. Nun muss man kein diplomierter Soziologe oder Niklas Luhmann höchstpersönlich sein. Allerdings hilft eine gewisse Vorbildung, um Lichts zwischendrin gelesene Ausführungen zu den Merkwürdigkeiten des Spätkapitalismus (als was unsere Gesellschaft alle Entwicklungen ab dem zweiten Weltkrieg bezeichnet, die im Osten vor 1989 ausgenommen), nicht als musikalische Verschnaufpause an sich vorbei ziehen zu lassen. Einige Besucher entscheiden sich für engagierte, eigene Gespräche - ziemlich selbstbestimmt aber etwas störend für Zuhörwillige.

Aber auch wer rein gar nichts verstehen will, nimmt von PeterLicht und Band etwas mit nach Hause: die Musik. Die Band ergänzt sich nach den ersten Liedern zu einem fünfköpfigen Ensemble und bietet in gut zwei Stunden und einer dreifachen Zugabe eine freundliche Bühnenshow und eine erstaunliche Bandbreite an Untermalung, die sich vom ruhigen Anfang in großen Schmelzpop hochschaukelt und bis zu launigen Noise- und Ska-Hymnen tobt. Dazu spielt Licht A- und E-Gitarre, geigt über ein Cello oder tanzt ekstatisch zum älteren Song "Wettentspannen" , wobei er die Worte ins Mikro spuckt. Sogar "Sonnendeck" ist wieder im Programm, in der aktuellen Version dem Indierock näher als dem NDW-Pop. Schließlich vertont Licht noch eine sperrige Pressemitteilung des Arbeitgeberpräsidenten Hundt, in der es um mangelnde Schulausbildung geht, und fordert das Publikum auf, diese nachzusingen. Eine wunderbar verdrehte Umdeutung der üblichen Mitsingzeilen und Lalalas des auf Gleitfähigkeit setzenden Popbusiness, derer Melodien er sich konsequent bedient. In seinem Bedürfnis das Problematische mit dem Schönen zu vereinen, ist er somit Rainald Grebe näher als den Goldenen Zitronen. Am Ende seiner Beschwerde steht alles andere als Zufriedenheit mit der Welt. Eher sowas wie eine neue Handlungsanweisung: der kategorische Imperativ, nicht der rationale nach Kant, sondern der absurde nach PeterLicht. "Schüttel' den Barmann/Vergrab' den Archäologen/Schlag' den Trommler/Zerhack' den Metzger/Nimm's persönlich und komm', komm' zur Sache/Stell' dich nach vorn/Trag' aufrecht dein Horn!"

Juliane Hanka

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.03.2012

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