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Peter Wawerzineks "Rabenliebe" erlebte im Dresdner Kleinen Haus eine fulminante Uraufführung

Peter Wawerzineks "Rabenliebe" erlebte im Dresdner Kleinen Haus eine fulminante Uraufführung

Das Publikum huldigte ihm, weil es ihn, einen der krassesten Außenseiter des Lebens, zuvor kennengelernt hatte, seine Kämpfe, sein Scheitern, als Heimkind ebenso wie bei Adoptiveltern. Wawerzinek hatte sein eigenes Leben zum Gegenstand des Romans "Rabenliebe" gemacht.

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Am Ende steht die Konfrontation mit der Mutter, ein übergroßer konturierter Schattenriss. Szene mit Torsten Ranft.

Quelle: Matthias Horn

nächste Aufführungen: 8. Das Publikum huldigte ihm, weil es ihn, einen der krassesten Außenseiter des Lebens, zuvor kennengelernt hatte, seine Kämpfe, sein Scheitern, als Heimkind ebenso wie bei Adoptiveltern. Wawerzinek hatte sein eigenes Leben zum Gegenstand des Romans "Rabenliebe" gemacht. Ein fulminantes Buch, dessen poetische Prosa und denkwürdigen Sätze den Leser bei den Eingeweiden packen.

Nun kam es erstmals bearbeitet auf eine Theaterbühne, erlebte im Kleinen Haus seine Uraufführung. Und die größte Überraschung des Abends ist, dass von der immensen Kraft des Textes auf den Brettern so viel zu spüren bleibt, wie sich in 100 Minuten Aufführungsdauer nur hineinpacken lässt, ohne dass Wawerzineks gut 420 Seiten umfassendes Werk simplifiziert worden wäre. Dieser Punkt geht klar an die Regie Simon Solbergs und die Dramaturgie Felicitas Zürchers.

Dazu kreiert Olaf Altmann eine Guckkastenbühne, einen offenen pechschwarzen Kubus, in dem gleich zu Beginn der Regen einsetzt. Er wird bis kurz vor dem Finale nicht aufhören zu fallen, wächst sich aus zur Illustration meist freudarmer Kindertage, ohne viel Aussicht auf Besserung. Im Buch erinnert sich der Ich-Erzähler vor allem an Schnee und Kälte, wenn er an seine Kindheit denkt. Daraus, so lässt sich sinnieren, wird naheliegenderweise der Bühnen-Regen. In einem anderen Naturzustand fühlte sich der Junge dagegen immer geborgen: im Nebel. Auch er wird rund um die Bühne wiederholt produziert.

"Rabenliebe" ist die Geschichte eines Geschundenen. Da sucht einer, findet spät, aber wiederum nicht das, was er gehofft hatte zu finden: die Mutter nämlich. Nach mehr als fünf Jahrzehnten macht der Sohn sich auf zu ihr, um Antworten zu bekommen auf die Frage, warum sie ihn als Zweijährigen gemeinsam mit seiner jüngeren Schwester 1956 in Rostock einfach zurückließ und in den Westen ging. Doch die Mutter bleibt ein Geist der Ablehnung. Ihren anderen acht Kindern, die sie im Westen bekam, erzählte sie, der Sohn sei nicht zurückgelassen, sondern tot. Ein extremes Umschreiben ihrer eigenen Erinnerung, um nicht mit den damals von ihr getroffenen Entscheidungen und deren Folgen konfrontiert zu werden.

Es ist bemerkenswert, mit welcher Genauigkeit Sentenzen des Buches hergenommen und chronologisch anders zugeordnet werden, das Roman-Gespinst neu entsteht. So heißt es im letzten Drittel des Textes: "Die Vergangenheit ist eine Höhle, in die man einfahren kann wie der Bergmann in den Berg, um in das dunkle Innere zu gelangen." Diese Aussage steht bei der Inszenierung ganz am Beginn - und beschreibt so die Funktion des höhlenartigen, dauerfeuchten Bühnenbildes sehr exakt. Darüber hinaus ist der Kubus sowohl Gefängnis als auch Schutzraum.

In der Schwärze dieses Raumes teilen sich fünf Schauspieler die Figur des Jungen, schlüpfen ebenso in Nebenrollen wie in die des notwendigen Erzählers. Diese fünf - Christine Hoppe, Torsten Ranft, Nele Rosetz, Lea Ruckpaul und Sabine Waibel - werden eins, finden und ergänzen sich immer wieder neu. Sie - alle in Grau gehüllt (Kostüm: Katja Strohschneider) - personifizieren den Widerstreit der Geister, Gedanken und Gemütszustände. Mit durchaus komödiantischen Einsprengseln, wie der Fahrt des Fünfers im imaginären Wagen, dem munteren Zwischenspiel sexueller Selbstentdeckung mit Hilfe einer Walter-Ulbricht-Briefmarke oder der Beschreibung der Mutter anhand eines Bulldoggen-Fotos. Doch nie überdeckt das Burleske die eigentümliche Grundschwingung des Textes. Auch die Live-Musik von Miles Perkin, die sich unter anderem im Pop-Themen-Kanon wie bei Queens "Mama" bedient, schält sich als passende Untermalung heraus.

Andererseits wird das tragische Fundament des Ganzen auch nicht doppelt gegossen. Es herrscht ein Urvertrauen in die literarische Vorlage, das sich auszahlt. Wer das Drama des Heimkindes überhöhen wollte, würde sich hollywoodeskem Kitsch gefährlich annähern. Ein Risiko, das zu keinem Zeitpunkt auch nur aufschimmert.

Das Resultat von Buch und Bühnengeschehen: "Ich bin das Opfer eines Opfers", wie es Wawerzineks Ich-Erzähler konstatiert. Das Geschriebene als Dokumentation des Geschehenen und doch weit mehr. Es ist die Ochsentour eines erwachsenen Mannes in die eigene Geschichte, eine späte Heimkehr zu sich selbst, auch ohne Hilfestellung der vermissten Mutter. Ein Gang an die Grenze dessen, was sich ein Einzelner nur zumuten kann.

In der Bühnenbearbeitung (die eigentlich Armin Petras übernehmen wollte, der aber durch Verletzung ausfiel) bleiben die lyrischen und kinderreimlichen Einschübe Wawerzineks außen vor, ebenso die von ihm genutzten Pressemeldungen und Nachrichten, die erst von verlassenen Kindern berichten, später von wieder gefundenen.

Dass "Rabenliebe" darüber hinaus noch andere Aspekte bereithält, auch davon zeugt die Theaterfassung. Wie Wawerzinek damals schon das heute weltpolitisch allgegenwärtige Flüchtlingsbild vorwegnahm und Solberg seine Bühnencrew die Köpfe dazu immer wieder in Wassereimer stecken lässt, um das Ertrinken zu verbildlichen, bleibt haften. Und ist eben kein Anbiedern an tagespolitische Gegebenheiten.

Am Ende hört es auf zu regnen. Der Abgesang auf der Bühne ist eine Schuldzuweisung. Der Ich-Erzähler Wawerzineks klagt den Westen an, ihm die Mutter genommen zu haben. "Der Westen hat meiner Mutter die Sinne vergiftet und dergestalt verdreht, dass sie mehr über ihn als über das Wohl ihrer Kinder nachgesonnen hat, dem Westruf höriger geworden ist als ihrer Mutterpflicht." Im Besoffenheitstaumel der Feierlichkeiten zum 25. Jahrestag des deutschen Zusammengehens eine ganz andere Stimme. Kein Einheitsstück. Und was für keins.

nächste Aufführungen: 8. & 27.10. www.staatsschauspiel-dresden.de

von Torsten Klaus

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