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Peter Shaffers "Komödie im Dunkeln" in Zittau

Peter Shaffers "Komödie im Dunkeln" in Zittau

Der Mensch hat seine Augen, um wahrzunehmen, was in seiner Umwelt vor sich geht. Doch wenn das, was er da sieht, nicht seinen Erwartungen entspricht, drückt er lieber eins nach dem anderen zu, um sich nicht den Realitäten stellen zu müssen.

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Brindsley (Stefan Sieh) und Carol (Renate Schneider) tappen eher im übertragenen sinn im Dunkeln.

In seiner "Komödie im Dunkeln" zieht Peter Shaffer daraus den Schluss, dass es besser wäre, gleich das Licht auszumachen, um so die Menschheit, die ihm vor allem die spektakulär spekulative, psychologisch tiefgründige Geschichte um Mozart und Salieri verdankt, mit Hilfe des bewähren Prinzips "Wer nicht hören will, muss fühlen" vielleicht doch zu bessern. Im Unterschied zu "Amadeus" handelt es sich bei der original mit "Black Comedy" betitelten Farce aber allenfalls um eine böse Gesellschaftssatire. In der Inszenierung, die Axel Stöcker jetzt am Gerhart-Hauptmann-Theater Zittau herausgebracht hat, ist es vor allem eine turbulente, weniger schwarzhumorige als gar etwas gutmütige Boulevardkomödie mit ein wenig Hintersinn. Die Mühe einer differenzierten Gesellschaftskritik umgeht Stöcker, um nicht erst erklären zu müssen, was die very British angelegten Typen aus den 60ern des vorigen Jahrhunderts in etwa bedeuten, die weniger von unglücklichen Zufällen als vielmehr durch falsche Erwartungen aus ihrem Gleichgewicht gebracht werden. Etwas sehr Typisches aber ist die absolute Unsicherheit dieser wie jener Gesellschaft gegenüber der Kunst, die sie wohl als Statussymbol für unverzichtbar hält, deren Wert sie aber nur an gezahlten Preisen misst. Auch der Künstler selbst hat da keine Illusionen und bemüht sich gar nicht erst um den Anschein, er habe etwa all sein Herzblut in seine Kreationen ergossen. Statt dessen versucht er, sich mit den richtigen Leuten gut zu stellen, um endlich aus der Boheme in einen sozial angesehenen und gesicherten Status zu wechseln. Helfen sollen dabei allerdings ein paar gar zu billige Tricks und schlichte Verdrängungsmethoden.

So hat dieser Brindsley Miller, den Stefan Sieh bei aller Gewitztheit auch als etwas unbedarften, fast bemitleidenswert harmoniesüchtigen Jungen spielt, gemeinsam mit seiner angehenden Verlobten Carol (Renate Schneider: gutbürgerlich, aber handfest) ein Date arrangiert, mit dem sich alles zum Besten wenden soll. Sie haben sich Möbel und Antiquitäten aus der Wohnung des übers Wochenende abwesenden Nachbarn Harold "geborgt", um das ansonsten mit Kunst wie aus dem Baumarkt dekorierte Atelier (Ausstattung Peer Palmowski) aufzuwerten und erwarten hier außer Carols Vater, einem offenbar kriegsinvaliden Colonel alter Schule (Detlef Vitzthum), auch noch einen schwerreichen russischen Kunstsammler - Brindsley hofft, diesen für seine Arbeiten zu interessieren und damit auch dem vielleicht zukünftigen Schwiegervater imponieren.

Das alles nimmt der Zuschauer freilich nur unvollkommen wahr, denn auf der Bühne herrscht nur Notlicht. Erst als ein plötzlicher Kurzschluss und Stromausfall die letzten Vorbereitungen des Pärchens stört, wird es in Umkehrungen der Realitäten für den Beobachter taghell, damit er sich daran weiden kann, wie die handelnden Personen mehr oder weniger hilflos durch die Wohnung tappen und stolpern, vor allem aber daran, wie mancher sein wahres Gesicht zeigt, wenn er sich unbeobachtet bzw. unsichtbar wähnt. Das Dilemma, das sich für Brindsley ergibt, wird schnell ein vielfaches und unauflösbares. Nicht nur, dass er weder Kerzen noch Streichhölzer findet, schneien außer dem erwarteten Colonel noch weitere Besucher herein, neben der an sich harmlosen, aber manchmal gefährlich drauflosplappernden Nachbarin (Christine Gabsch) völlig unverhofft auch Harold (Marko Bullack), in dessen Gegenwart nun selbst der Dämmerschein, den der Colonel mit seinem Feuerzeug verbreitet, schnell gefährlich werden könnte, wäre er nicht ein so naiver, nur an der Nähe zu Brindsley und daher eher durch andere Indizien abgelenkter Schwuler. Doch die vielen Fäden, die der arme Künstler da geknüpft hat, gleiten ihm zunehmend aus den Händen, und Godunow will sich immer noch nicht einstellen. Der wegen seiner pfiffigen Kunstkenntnis vermeintliche Experte (Philipp von Schön-Angerer) outete sich als der bestellte Mitarbeiter des Elektrizitätswerks, wird aber am Ende gar zum deus ex machina hochstilisiert, der auch in Sachen Godunow (ein spartanisch-parodistischer Auftritt für Uwe Körner) nichts dem Zufall überlässt und ohne Rücksicht auf realistische Dramaturgie das Licht an- respektive ausmacht. Will heißen: den Gang der Dinge zurechtrückt und unseren Blicken gnädig entzieht. Höchste Zeit, denn unterdessen hat sich auch die von Brindsley vermeintlich kaltgestellte Ex-Geliebte und Kollegin Clea (Natalie Renaud-Claus) eingeschlichen, die mit ihrer katzenhaften Anschmiegsamkeit, Verwandlungskunst und Kratzbürstigkeit erst Brindsley und dann die ganze Gesellschaft aufmischt. Das ist einerseits etwas bieder, andererseits mit viel Liebe für situationskomische Details vorgeführt, so dass Schwung und Spaß bis zum Schluss erhalten bleiben. Tomas Petzold

In Zittau wieder am 19., 23. und 30. 11.

www.theater-zittau.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.11.2011

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