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Peter Schreier dirigierte zur Schumanniade in Kreischa Bachs Johannespassion in der Schumann-Fassung

Peter Schreier dirigierte zur Schumanniade in Kreischa Bachs Johannespassion in der Schumann-Fassung

Als Felix Mendelssohn Bartholdy 1829 - auf die Spur gebracht durch seinen Lehrer Carl Friedrich Zelter - Bachs Matthäuspassion aufführte, erregte er mit dem vergessenen Werk nicht nur in seiner Welt große Aufmerksamkeit, sondern entdeckte den Komponisten auch für die folgenden Generationen wieder.

In jenem Konzert der Berliner Sing-Akademie war die Passion um die Hälfte gekürzt, im Chor versammelten sich stolze 150 Sänger, wo Bach Instrumente vorgesehen hatte, die mittlerweile aus dem gängigen Kanon verschwunden waren, spielten andere zum Ersatz. Knapp zwei Jahrhunderte musikwissenschaftlicher Forschung haben uns inzwischen dem Bachschen Klang wieder so nah wie möglich gebracht. Wo die Original-Version vorhanden, soll sie bitte auch erklingen, lautet der Tenor. Zu Mendelssohns Zeit war das anders und die Bearbeitung ein Mittel, dem Publikum die fremde Musik überhaupt nahe zu bringen.

Zu denen, die sich in Mendelssohns Nachfolge mit Bach beschäftigten, gehörte Robert Schumann. Ihm hatte es u.a. die Johannespassion angetan, Choräle und Chöre daraus führte er mit seinem 1848 in Dresden gegründeten Verein für Chorgesang auf. 1851 dirigierte er als Musikdirektor des Allgemeinen Musikvereins in Düsseldorf erstmals das ganze Werk, dass ja Bach selber mehrmals umgearbeitet hatte. Hören zu können, wie Schumann die Passion damals präsentierte, ermöglichte jetzt Peter Schreier, der die Bearbeitung im Rahmen der Schumanniade in der Kreischaer Kirche mit einer namhaften Solistenriege, dem Thüringischen Akademischen Singkreis (TASK) und den Dresdner Kapellsolisten vorstellte. Wenn auch manches ungewohnt war, bleibt zu konstatieren, dass Schumann sensibel mit dem Bachschen Opus umging. Hinzugefügtes, wie die beiden Klarinetten, die u.a. bei den Chorälen das Orchester erweiterten, wirkte kaum fremd, eher wie ein klangliches Amalgam, mit dem Schumann Hörgewohnheiten bediente. Wo ihm Instrumente fehlten, wie im Bass-Arioso "Betrachte meine Seel" Viole d'amore und Laute, fand er geschickten Ersatz, hier mit zwei gedämpften Violinen über Bratschen-Pizzicato und Klarinette.

Das Hammerklavier (Jobst Schneiderat) in den Rezitativen liefert zwar manchen Kommentar zum Text, enthält sich aber jedweden Versüßens. Dass Arien wegfielen, geschah in den meisten Fällen ebenfalls in Ermangelung besonderer Instrumente und wohl kaum, weil Schumann sie für nichtig erachtet hätte. Den Hörer schmerzt zwar vielleicht etwa das Fehlen der wunderschönen Sopran-Arie "Zerfließe, mein Herze", manchem Sänger ersparte das freilich auch Arien, die wegen ihrer Tücken nicht zu den Lieblingsstücken des Stimmfachs zählen, wie die Tenor-Arie "Erwäge, wie sein blutgefärbter Rücken".

Dieses Schumann-Bild der Johannespassion also präsentierte Peter Schreier in einer unablässig vitalen, die Handlung stringent fortschreibenden Aufführung. Den berühmten winzigen Tick zu viel im Tempo mag mancher an der ein oder anderen Stelle wohl empfunden haben. Das Kraftvolle freilich untermauerte die Entschiedenheit der Aussage, wie es etwa Britta Schwarz (Alt) in der Arie "Von den Stricken meiner Sünden" und Ute Selbig mit der Sopran-Arie "Ich folge dir gleichfalls" klangschön demonstrierten. Sopranistin Jana Büchner hatte sich nach Schumanns Willen der heiklen Tenor-Arie "Ach, mein Sinn" anzunehmen und tat dies mit viel Intensität. Des Tenors Markus Schäfers Pensum blieb damit tatsächlich auf die Evangelistenpartie beschränkt. Diese unter Peter Schreier zu interpretieren, bedeutet immer, an selbigem gemessen zu werden. Schäfer stellte sich dem überzeugend mit großer Ausdrucksstärke, erzählerischer Klarheit und ansprechend fließendem Duktus. Der Christus-Partie verlieh Gotthold Schwarz viel Natürlichkeit, ebenso ging Andreas Scheibner mit den Pilatus-Worten um, gab zugleich mit dem Arioso sowie der Arie "Eilt, ihr angefochtnen Seelen" erneut beeindruckendes Zeugnis seiner sängerischen Noblesse.

Mit dem TASK hatte Schreier natürlich einen versierten und von Jörg Genslein bestens präparierten Chor zur Verfügung, der auch dank hervorragender Sprache das Geschehen entscheidend mittrug, einzig für die klangliche Ausgewogenheit noch ein, zwei Altstimmen hätte gebrauchen können. Mit flexiblem Spiel rundeten schließlich die Dresdner Kapellsolisten die Aufführung ab.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.07.2012

Sybille Graf

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