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Peter Schreier: Die heutigen Kruzianer singen zu brav

Interview Peter Schreier: Die heutigen Kruzianer singen zu brav

Das Auge hört mit: Der Sänger Peter Schreier hat seine Partien nicht einfach gesungen, sondern gestaltet. Dafür liebt ihn die Musikwelt bis heute. Hohe Anforderungen stellt er auch an den Nachwuchs.

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Peter Schreier

Quelle: dpa

Dresden. Der Tenor Peter Schreier (80) fordert vom sängerischen Nachwuchs mehr Haltung. „Ich habe immer noch das Gefühl, dass die Sänger nur Stimme zeigen wollen“, sagte Schreier im Interview der Deutschen Presse-Agentur.  

Frage: Schwelgen Sie beim „Weihnachtsoratorium“ noch in Erinnerungen an ihre Zeit im Dresdner Kreuzchor?

Antwort: Die Kinder- und Jugendzeit ist doch die, die man am nachhaltigsten aufnimmt. Mir geht es auch heut noch so: Die Kreuzchorzeit ist für mich, als ob sie erst gestern gewesen wäre. Ich lebe noch gedanklich in dieser Zeit. Die Art und Weise des gemeinsamen Musizierens, die Disziplin, das Hören auf die Nebenstimmen, auf seine Mitsänger. All das sind Dinge, die ich im Kreuzchor kennengelernt habe, sozusagen mit der Muttermilch eingesogen habe. Rudolf Mauersberger hat die Entwicklung des Kreuzchores ungeheuer geprägt. Manche seiner Aufnahmen klingen heute wie aus einer anderen Welt. 

Beim Hören von Bachs Oratorien gewinnt man manchmal den Eindruck, die christliche Botschaft durch Musik vermittelt zu bekommen. Sind Ihnen solche Aspekte wichtig? 

Ich komme ja aus einem Kantorenhaus; wenn man in diesem Umfeld großgeworden ist, sieht man Bach natürlich auch von der Glaubensseite. Ich meine, ich wurde nicht gefragt, ob ich an Gott glaube, ich hatte einfach daran zu glauben! Diese unterschwellige Erziehung hat natürlich jeden geprägt. Bach selbst hat mit diesem christlichen Glauben, der in ihm so verwurzelt war, diese Musik schreiben können. Und wenn man mich fragt, ob ich an Gott glaube, sag ich ja. Bach ist mein Gott.

Sie sind für eine leidenschaftliche Interpretation der Evangelisten-Partie auch im „Weihnachtsoratorium“. Warum?

Der Evangelist ist doch jemand, der beteiligt ist, der Partei ergreift! Über dieses Thema habe ich übrigens im Clinch gelegen mit John Eliot Gardiner, der nach einer Matthäus-Passion einmal zu mir sagte, ihm fehle da die Distanz. Ich finde, schon allein durch die Art und Weise, wie Bach die Rezitative geschrieben hat mit diesen unglaublichen Intervallsprüngen, das fordert zu einer Deutung doch geradezu heraus! Da kann man nicht sachlich bleiben. Nein, im „Weihnachtsoratorium“ und vor allem in der Matthäus-Passion ist ein Evangelist gefragt, der Stellung nimmt.

Sie haben in den 80er Jahren mit der Staatskapelle Dresden das „Weihnachtsoratorium“ eingespielt und als Dirigent auch gesungen. Eine Aufnahme, die in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich ist, oder? 

Das ist, glaube ich, überhaupt einmalig, und übrigens gar nicht so sehr auf meinem Mist gewachsen: Ich sollte das Werk eigentlich nur dirigieren. Bei den Proben meinte die Aufnahmeleitung dann: Herr Schreier, Sie bereiten ja alles vor, indem sie es vorsingen. Wäre es nicht eigentlich gut, Sie würden auch den Evangelisten singen? So ist das zustande gekommen! Dann habe ich das in der ganzen Welt so gemacht: in Australien, in Neuseeland, auch in Amerika. Die Amerikaner hören doch auch mit dem Auge; wenn da ein Evangelist in der Mitte steht und singt, ist das für sie eine neue und interessante Weise zu musizieren. Der Evangelist wird sozusagen zum „Spiritus Rector“.

Ist das nicht von der Kondition her schwierig?

Ach, die Doppelbelastung ist gar nicht so groß. Man denkt die Musik ja gewissermaßen voraus; die Konzentration ist erhöht, und das macht es einem auch leichter, die Tempovorstellungen auf Chor und Orchester zu übertragen. Es war ganz klar: wenn ich als Evangelist ein Tempo vorgegeben habe, hat das Orchester es ganz mühelos aufgenommen. 

Gibt es heute interessante junge Solisten, die Sie aufhorchen lassen?

Ehrlich gesagt: zu wenig. Ich habe immer noch das Gefühl, dass die Sänger nur Stimme zeigen wollen. Ich merke aber bei den jungen Leuten, dass sie keinen Mut haben, sich freizumachen und eine eigene sängerische Persönlichkeit zu zeigen. Klar, es gibt auch ein paar gute Kruzianer, die jetzt nachrücken. Aber alle singen zu brav, gehen zu wenig aus sich heraus!

Welche Anforderungen sehen Sie für junge Sänger?

Wir haben ja einen Riesengenerationswechsel gehabt in den letzten Jahren, und das ist auch gut so. Wir können nicht stehenbleiben. Aber es wird eben immer von den Persönlichkeiten der Sänger abhängen, wie etwas beim Publikum ankommt. Vom einzelnen Musiker hängt es ab, was er aus der Musik macht. Ob er dahintersteht. Der Sänger darf nicht glauben, er sei ein Produzent. Er ist ein Gestalter! Und er muss das Publikum ansprechen können. Bei der Interpretation spielen auch außermusikalische Seelenzustände mit. Die augenblickliche Weltlage kann uns keinesfalls unberührt lassen. Auch so etwas muss ein Sänger reflektieren. 

Ihre Gesangskarriere haben Sie beendet; aber werden Sie denn zu Weihnachten heimlich im Familienkreis ein bisschen singen?

Nein, mit dem Singen habe ich nichts mehr im Sinn. So halbe Sachen mag ich auch nicht. Ich höre mir in diesen Tagen einfach viel Musik an, ich habe ja eine Riesen-Plattensammlung. Da komme ich endlich mal dazu, meinen Nachholbedarf zu befriedigen.

ZUR PERSON : Peter Schreier (80) gilt als einer der führenden lyrischen Tenöre des 20. Jahrhunderts. Auch wenn er sich schon lange von der Opern- und Konzertbühne verabschiedet hat, ist sein musikalischer Rat als Dirigent und Lehrer noch immer gefragt.

Martin Morgenstern, dpa

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