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Peter Richters „89/90“ am Dresdner Staatsschauspiel uraufgeführt

Auferstanden aus Vitrinen Peter Richters „89/90“ am Dresdner Staatsschauspiel uraufgeführt

Der gebürtige Dresdner Peter Richter schildert in seinem autobiografischen Buch „89/90“ anhand anekdotischer Erinnerungen, wie Erwachsenwerden und das Ende der DDR Hand in Hand gingen. Das Staatsschauspiel Dresden hat jetzt einen Bühnenfassung im Kleinen Haus zur Uraufführung gebracht.

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Szene mit DŸSE und Matthias Luckey

Quelle: David Baltzer

Dresden. Nach 15 Sekunden war für den Rezensenten das Stück gelaufen. Wenn es mit dem unvermeidlich scheinenden Pionierlied „Unsere Heimat“ losgeht, verglichen mit heutigem Patriotismusgegröle ja von geradezu liebenswürdiger Anmutung, dann weiß man, was kommt: Die DDR einmal mehr als Karikatur. Reduziert auch noch um eine Dimension, die zumindest Klassiker wie „Sonnenallee“ oder „Good bye Lenin“ aufweisen, die allzumenschliche Innenwelt der Subjekte nämlich. Peter Richters „89/90“ ist ja kein Roman, sondern eine originelle tagebuchartige Wende-Anekdotensammlung aus der Perspektive von Heranwachsenden. Sicher ein glitzerndes Steinchen im historischen Mosaik dieses für deutsche Verhältnisse einzigartigen Volksaufruhrs. Der in Dresden geborene Autor, später New-York-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, illustriert markante Daten auf dem keineswegs klar vorgezeichneten Weg in die staatliche Einheit. Aber es gibt nur einen Ich-Berichterstatter, der ebenso wenig Persönlichkeitskonturen gewinnt wie andere vage und eindimensionale Prototypen seiner Clique. Eine denkbar ungeeignete Vorlage für eine Verstückung also. Aber es musste wohl sein, vielleicht mit Blick auf den in diesem Jahr in Dresden zu feiernden Einheitsjubel.

Es kommt denn auch wie befürchtet. Klassische Dramaturgie geht nicht, also bleibt nur szenische Lesung oder Originaltextdeklamation mit manchmal verteilten Rollen. Illustration zur Illustration. Wenn das Buch schon unbedingt auf die Bühne muss, was für die Nachgeborenen und später Zugereisten durchaus einen ähnlichen Lehrnutzen haben kann wie die zahllosen Nachhilfe-Fußnoten im Buch, dann kann man es wahrscheinlich gar nicht anders machen als die Schweizer Regisseurin Christina Rast. Es wirkt nur konsequent, wenn Ben Daniel Jöhnk im zweiten, sehr knapp ausfallenden Teil zum Jahr 1990 dann das Buch mit sich herumträgt und darin blättert.

In diesem Teil herrscht dann nur noch Statik, wird überwiegend an der Rampe gesessen und Text vorgetragen. Das gilt leider auch für eines der stärksten Kapitel des Buches, das Beispiele für den frisch aufbrechenden Hass zwischen Rechts und Links in Dresden aufführt. 13 Baseballschläger mit schwarz-rot-goldenen Griffen bleiben still als Dekoration liegen, während Fälle von Zeckenklatschen und Glatzenjagd seltsam isoliert berichtet werden.

Dem ersten, vitalen Teil zu 1989 kann man durchaus noch den vehementen Einsatz der sechs Spieler und zwei Musiker abgewinnen. Die pubertäre Suche nach Rausch und Fülle, der Lebenshunger, die Sucht nach originellem Anderssein in einer erstarrten Ordnung vermitteln die beiden vertrauten und die vier neuen Ensemblemitglieder geradezu mitreißend. Sie sind alle zu jung, um dabei gewesen zu sein, aber es scheint sich eine Ahnung von einer Freiheit, ja geradezu Anarchie zu übertragen, die es laut der historischen Mastererzählung gar nicht geben durfte. Und doch beschreibt sie Richter sehr treffend und impliziert damit die subtile Sehnsucht einer heutigen lustlosen Wohlstandsgeneration nach dem Deftig-Urwüchsigen, für die die späte DDR paradoxerweise auch stehen kann. Maßgeblichen Anteil an der Vermittlung dieses Lebensgefühls haben die beiden Punk-Rocker von „DŸSE“, die immer wieder auch als Sprecher fungieren. Wer vor 1989 einmal in den Westen reisen durfte und eine Punk-Kneipe erlebte, weiß, dass die Punker in Ost und West die Einheit vorwegnahmen. Im Prozess der Selbstabschaffung der DDR aber verändern sich die agierenden Richterschen Jungmänner mehr und mehr zu nur noch Reagierenden.

Es sind nur Männer auf der Bühne, klar, das Buch ist ja auch aus Macho-Perspektive geschrieben, und die Mädels gelten überwiegend als Objekte der erwachenden Begierde. Bei der Lektüre und der Light-Version auf der Bühne reizt auch deshalb die immer wieder zu stellende empathische Frage, was am Stoff 89/90 allgemein für die Phase der Adoleszenz gilt und was in den konkreten Zeitbezug zu stellen ist. Bei letzterem bedient die Inszenierung leider tatsächlich die eingangs befürchteten Klischees. In der Kulisse einer stilisierten Europakarte öffnet sich ein spießiges Wohnzimmer. Ein Honecker-Bild aber hing nicht einmal beim Parteisekretär über dem Sofa. Ein Statist in NVA-Trainingsanzug lümmelt hartnäckig darin herum, im zweiten Teil baut er eine symbolische Mauer wieder auf. Die Großkopfeten jener Zeit werden als Pappköpfe wie auf Maidemos herumgetragen. Halbwegs originell sind noch die eingespielten Videos im Monty-Python-Stil. Heroisiert werden die Straßenkämpfer der ersten Oktoberwoche 89, obschon sich der Allgemeinfrust damals auch in sinnlosem Vandalismus Bahn brach. Der Geist der entscheidenden Wochen bis spätestens zur Kohl-Rede vor der Frauenkirche, als noch eine Emanzipation aus eigener Kraft möglich schien, bleibt ohnehin in Buch und Stück außen vor. Eine starke halbe Seite im Buch zumindest deutet die innere Verfassung derjenigen an, die aus überzeugtem Eintreten für die Wahrheit keine Angst mehr kannten.

Die Wiedergabe der Kohl-Rede vom 19.Dezember, die auch zu den lesenswerten Passagen gehört, missrät dem eigentlich dafür prädestinierten Matthias Luckey leider. Einen fähnchengespickten Kohlkopf in der Hand, wird es einfach keine gekonnte Parodie. Eine Verstückung sollte zumindest einen szenischen Mehrwert über die Imaginationsfähigkeit des Lesers hinaus bringen – und Zwischentöne und Metaebenen. Da geht man halt seufzend hinaus, wenn zum unendlichsten Male wieder nur der Parteikindergarten mit FDJ-Hemd und Winkelementen persifliert wird. Die Zone als Karikatur eben, und wenn einige sogar über Gerhard Gundermann johlen, lernt man auch etwas über das Publikum.

Bescheinigen darf man dem Team um Christina Rast erstaunlicherweise dennoch, dass zumindest im ersten Teil der zweieinhalb Stunden keine Langeweile aufkommt. Die Heiterkeit versprechenden ausgewählten Passagen und der vehemente Einsatz der Akteure, wo sie die Vor-Lesung wirklich szenisch gestalten konnten, sorgen dafür. In einem zufällig mitgehörten Pausengespräch bescheinigte der anwesende Autor der Bühnenfassung, sie sei „gut geschnitten“. Und die Spieler deklamierten besser, als er vorlesen könne. Für alle, die keinen zeitlichen oder räumlichen Bezug zu den beiden schicksalhaften Jahren haben und keine Zeit, die 412 Buchseiten zu lesen, kann sich ein Vorstellungsbesuch tatsächlich lohnen.

Aufführungen: 1., 10., 16., 24.9., 19. und 26.10., Kleines Haus

Von Michael Bartsch

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