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Peter Maffay in der Dresdner Messe: Mehr als Sommer unterm Dach

Peter Maffay in der Dresdner Messe: Mehr als Sommer unterm Dach

"War früher nicht alles besser?" lautet der Titel eines beliebten Gesellschaftsspiels. Antwort wird oft ein Unentschieden. Gewiss, das Gesundheitswesen war viel billiger, überließ einen aber viel früher der Ewigkeit.

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Eine Pose, die an Springsteen erinnert: Peter Maffay in der Dresdner Messehalle.

Quelle: Patrick Johannsen

Bleibt die Sache mit dem Wetter. Offensichtlich gab es früher Phasen län-ger anhaltenden Sonnen-scheins, die es verdienten, als "Sommer" bezeichnet zu werden. Es muss so gewesen sein, denn nur so konnte Peter Maffay in jungen Jahren darauf verfallen, in einem "31-jährige-Frau-entjungfert-16-jährigen-Jüngling-am-Strand"-Song lapidar zu erklären: "Es war Sommer".

Der diesjährige "Sommer" hatte ja dazu geführt, dass Maffays Konzert vom Elbufer in die Messehalle verlegt werden musste, was vom Ambiente her in etwa das Gefühl vermittele, den Ostseeurlaub nicht im Kurhotel von Binz, sondern KdF-Bau Prora verbringen zu müssen. Wer hinten stand, blickte dann unweigerlich doch auf die großen Bildschirmmonitore rechts und links, nicht auf die eigentliche Bühne. Voll war die Bude. Entzückt konnte Maffay konstatieren: "Ihr steht kuschlig zueinander!" Dicht an dicht standen viele mit Maffay durch und in die Jahre gekommene ältere Semester, aber auch viele nachgewachsene "Maffys", denen die von Boogie-Rock getriebenen Schlager Maffays augenscheinlich ebenfalls durch und durch gehen. Einfühlsam wie er ist, Rocker mit Herz eben, erkundigte er sich auch, als er besonders kleine Steppkes erblickte, umgehend bei den Erziehungsberechtigten: "Haben die Kinder Stöpsel im Ohr?" Hatten sie, der Abend konnte den geplanten Verlauf nehmen.

Nachdem Maffay zuletzt sich bemüßigt gefühlt hatte, wie schon so viele andere Musiker auch "alte Sünden aufzupolieren", sprich mit einem Klassik-Orchester auf Tournee zu gehen, kehrt das verdiente Deutschrock-Urgestein nun zurück zu den alten Wurzeln. Er lässt es krachen. Es wird nicht nur Sommer. Es wird laut. Inklusive Zugaben drei Stunden lang. Stehvermögen kann man dem mittlerweile nun auch schon 63-jährigen Rocker, der die Größe hat, über sein Alter wie über seine eher mäßige Körpergröße Witze zu machen, nicht absprechen. Ebenso wenig, dass der 1,68-Meter-Mann ein Herz und einen Blick für die Dinge hat, die uns alle angehen: Wo kommen wir her, und wie kommen wir am Ende wieder nach Hause? Apropos Herz: Maffay, der Rocker, der fast schon so viele, allerdings schönere Tattoos am Körper öffentlich ausführt wie Ryan Gosling derzeit in dem Film "A Place Beyond the Pines", erweist sich als voller Mitgefühl für die Flutopfer. Er erwähnt es im Konzert nicht - Bescheidenheit ist eben eine Zier -, aber es sei an dieser Stelle gemäß dem alten Leitspruch "Ehre wem Ehre gebührt" nochmals festgehalten, dass er 15 000 Euro für den Wiederaufbau des vom Hochwasser zerstörten Spielplatzes am Käthe-Kollwitz-Ufer spendete, nachdem er schon beim Konzert in Leipzig seine gesamte Gage in Höhe von 100 000 Euro den Flutopfern zukommen ließ.

Maffay testet beim Dresden-Konzert einige neue Songs aus, "Babies, von denen wir hoffen, das sie schön werden, dass sie gut geraten". Nun, den Publikumsreaktionen nach muss sich der auf Harmonie bedachte Künstler keine Sorgen machen. Er hatte ohnehin immer ein Näschen für Songs, die berühren oder zumindest nicht kalt lassen. Wäre vielleicht interessant zu wissen, wie viele Menschen im Saal ihren Sohn "Peter" genannt haben aus Verehrung. Naja, besser als Kevin oder Rocco-Xaver.

Die Zuschauer feiern letztlich jeden Song - ob alt oder neu. Maffay kann dem Publikum auch deshalb etliche unbekannte Songs vorspielen, weil sie so vertraut klingen. An schmusig-schmalzigen Oden auf die Liebe ist kein Mangel. Der Steppenwolf dreht seine Runde. Und der Kalte-Krieg-Schockfroster "Eiszeit" wird nicht vergessen. Jubel brandet auf, als Maffay mit seiner unverwechselbaren Stimme versichert: "Das geht tief". Natürlich folgen die Fans dem Star auch "Über sieben Brücken", werden bei diesem Hit von Karat wie schon vorher bei anderen Songs textsicher zu einem einzigen überdimensionalen Chorkörper.

Das ist der Moment, wo auch Tour-Gast Laith Al-Deen ins Geschehen eingreift. Danach taucht Maffay erst mal ab, überlässt dem gebürtigen Karlsruher das Feld, der mit Liedern wie "Dein Lied" oder etwa "Bilder von dir" dank guter Stimme und Performance-Qualitäten die Hochstimmung hält. Auch einige der vielen anderen Mitmusiker Maffays, von ihm immer wieder benannt und gelobt (Schlagzeuger Bertram Engel etwa als "Motor der Familienkutsche"), dürfen jeweils einen Song zu Gehör bringen - was sie mit Bravour meistern. Nur der "King of the USA"-Verschnitt von Gitarrist Carl Carlton nach dem Rio-Reiser-Hit "Wenn ich König von Deutschland wär" fällt ab, ist nicht minder peinlich als das Original. Immer diese Unlust, ein Land zu nehmen, wie es ist, stattdessen der nervende Drang, dem Diktator in sich freien Lauf zu lassen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 01.07.2013

Christian Ruf

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