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Peter Kube inszenierte "Paarungen" von Assous auf dem Theaterkahn

Peter Kube inszenierte "Paarungen" von Assous auf dem Theaterkahn

Beziehungskomödien für mehr oder weniger gereifte Jahrgänge haben seit geraumer Zeit ihren Platz im Spielplan des Theaterkahns, auch wenn sie es vergleichsweise schwerer haben, sich im Langzeitrepertoire zu etablieren.

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Mario Grünewald, Wiebke Adam-Schwarz, Tom Mikulla und Cornelia Kaupert (v.l.) sind das Quartett des Beziehungsterrors.

Quelle: Carsten Nüssler

Neuester Versuch sind die von Peter Kube inszenierten "Paarungen" des tunesisch-französischen Autors Eric Assous, ein Stück über den Zusammenhang von Midlife-Crisis und suboptimalen Partnerschaften beziehungsweise deren Optimierung innerhalb der sozialen Kleingruppe als Alternative zur penetranten ehelichen Treue respektive Monogamie - mit szenenweise besonderer Hervorhebung der Rolle des Geldes.

An dem sollte es eigentlich nicht fehlen angesichts einer chic im Farbrasterdesign eingerichteten Wohnung (Ausstattung Barbara Blaschke), die eigentlich viel zu frisch wirkt für das Domizil einer nach zwanzig Jahren doch deutlich von Routine, Langeweile und gegenseitigem Desinteresse angefressenen Ehe; sie ist an dem Punkt, wo sich lange aufgebaute Spannungen lösen oder entladen müssen. Delphine, durchaus attraktive Blondine im kanariengelben Kleid, das aber auch ihre Neigung zur Hysterie unterstreicht, macht ihrem Xavier (eher die graue Maus in Jeansblau) heftige Vorwürfe, weil er seinen Freund Bob, obwohl dieser gerade erst seine Ehefrau (und ihre beste Freundin) schmählich verließ, mitsamt seiner neuen Beziehung zum Essen eingeladen hat. Beim Zustandekommen der neuen Liaison, die das Ende einer langjährigen Vierergemeinschaft bedeutet, wittert sie im Übrigen eine Beteiligung von Xavier. Den scharf gezielten Nachfragen seiner besseren Hälfte entgeht er erst einmal, weil der mehr oder weniger ungebetene Besuch eintrifft und Delphine ganz in Anspruch nimmt. Gegen ihre Schimpfkanonade und die zur Schau getragene Verachtung gegenüber seiner Neuen weiß sich Bob mit schwerem Geschütz zu behaupten. Nicht nur mit dem Verweis auf die überkritische Masse seiner Angetrauten, die im Stück gar nicht auftritt, also von vornherein zur Verlierergruppe der Frauen gerechnet wird, die so um die fünfzig gegen Jüngere ausgewechselt werden. Wobei ihnen erst einmal kaum ein Trumpf bleibt außer finanziellen Ansprüchen.

Gegen die aber hilft in diesem Fall ein Lottogewinn von nicht weniger als 16 Millionen Euro, mit dem Bob unerwartet auftrumpft. Um zu verstehen, warum Delphine sein angebotenes Geschenk von erst einer halben, dann gar einer ganzen kategorisch ablehnt, während Xavier gar nicht abgeneigt wäre, bedarf es eines etwas tieferen Blicks in die Vergangenheit. Und so wird das weiße Sofa, das Prunkstück der Wohnung, zur Zeitmaschine, die auch einen Blick auf die Umstände vermittelt, unter denen Garance, eigentlich die heimliche Geliebte von Xavier, die Seite ausgerechnet zu Bob gewechselt hat, der aber eigentlich auf Delphine scharf ist. Und zwar seit seiner per Zufall gemeinsam mit der von Xavier und Delphine gefeierten Hochzeit. Sogar Avancen hat er ihr schon gemacht, beinahe einen Rubinring geschenkt, den er freilich später ganz unverfroren als Verlobungsring für Garance auspackt, was Delphine wiederum nicht verborgen bleibt. Trotzdem unterscheidet sich der Hergang dieser Komödie vom üblichen Muster, indem noch so peinliche Enthüllungen nicht zum Desaster führen, sondern zur letztlich von allen Beteiligten ersehnten Lösung.

"95 Prozent aller Probleme lassen sich mit Geld regeln", ist Bob überzeugt. Er ist in der nicht ganz harmonischen, unverhofft dynamischen Viererbeziehung entschieden das Alphatier, als Rolle ein gefundenes Fressen für Mario Grünewald, der sich weidlich produzieren darf, mal mit frecher, offener Berechnung, mal schmierenmäßig sentimental. Ob als Ironiker oder Choleriker, immer steuert er ganz ausgebufft auf Ziele hin, die die anderen nicht sehen. Tom Mikulla als Xavier mit viel Lust, aber wenig Mut hat es schwerer. Als mäßig verdienender Mathelehrer zur Inkarnation des Mittelmaßes gestempelt, immer unentschieden lavierend, kann er außer Mitleid kaum Sympathiewerte aufbauen.

Delphine ist, wie sich zeigt, nicht ohne, aber mit ihrer fordernden Intelligenz für einen wie Xavier auf Dauer zu anstrengend. Cornelia Kaupert trifft die Balance zwischen disziplinierter Zurschaustellung, Reizbarkeit und emotionaler Berührbarkeit. Wiebke Adam-Schwarz ist die umstrittene Garance, eine Frau, die ihr Glück nicht auf dem kürzesten Weg sucht. Fast ein bisschen still wirkt sie hier, wie sie mit einnehmender Anpassungsfähigkeit und Beharrlichkeit ihr Lebensziel ansteuert.

Kube lässt gegenüber seinen Akteuren etwas die Zügel schießen, feinere Nuancen gehen dabei ein wenig unter. Aber die wechselnden Konstellationen sind witzig und sehr schwungvoll inszeniert. Ohne tiefer gehende Systemkritik oder moralischen Zeigefinger, aber so, dass sich der einschlägig Vorbestrafte ein bisschen wiedererkennen kann, ohne sich getroffen zu fühlen. Ist es Ironie oder schlichte Utopie, wenn die alten Freunde beziehungsweise neu Gepaarten am Ende, statt ihr frisches Glück jeweils für sich zu genießen, miteinander einen Reigen tanzen? Die neue Harmonie bestens geschiedener Paare ist meist nur eine kurze Euphorie. Wie der Beifall nach einer fein ausgedachten Komödie, die mehr aufs Zwerchfell geht als ans Herz.

Weitere Aufführung gibt es am 10., 11. und 30. Juni im Theaterkahn, Terrassenufer

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.06.2015

Tomas Petzold

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