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Per Bus Lausitzer Kunst entdecken

Regionalentwicklung mit Hilfe der Kultur Per Bus Lausitzer Kunst entdecken

Von Kirschau und dem Friese-Verein ging 2014 die Initiative für das jährliche Kunstbus-Wochenende aus. Hauptorganisator Helfried Christoph von der FLOX-Galerie im Friese e.V. ist überzeugt, dass Kunst und Kultur nicht nur weicher Standortfaktor sind, sondern die Regionalentwicklung entscheidend beeinflussen.

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Aus dem Bus, der am Steinhaus auf der zentralen Bautzener Steinstraße hielt, tönten afrikanische Trommeln. „Santiago & Friends“ sind eine von sechs Musik- und Performancegruppen, die die Lausitzer „Kunstbusse“ bespielten.

Quelle: Sebastian Locke

Lausitz. Aus dem Bus, der am Steinhaus auf der zentralen Bautzener Steinstraße hält, tönen afrikanische Trommeln. „Santiago & Friends“ sind eine von sechs Musik- und Performancegruppen, die die Lausitzer „Kunstbusse“ bespielten. Trommler Ralf Jurschik ist seit 2014 hier Überzeugungstäter. „Kunst ist wichtig geworden in dieser Zeit. Menschen können sich mit ihrer Hilfe Standpunkte erarbeiten oder einfach nur entspannen – je nachdem“, äußert er seine Motivation. „Wir bekamen selbst Rasseln und Schlagwerk in die Hand gedrückt und haben die Fahrzeit von Löbau gar nicht bemerkt“, stellt eine junge Löbauerin fest. Im Steinhaus warten zwei Ausstellungen auf sie, Thomas Kern und Jan Besser, der Eisenbahnwaggons besprüht hat. Wer möchte, kann hier auch selbst an einem Graffiti-Workshop teilnehmen.

Im Kamenzer Sakralmuseum der Annenkirche erklären Leiter Sören Fischer und eine Mitarbeiterin die Sonderausstellung über den Heiligen Franziskus und seinen Orden. Auffallend sachkundiges Publikum vergleicht die Figurendarstellung auf den Flügelaltären, Bilder, die seinerzeit das wichtigste Medium für das einfache Volk bildeten. An drei weiteren Orten warteten ähnliche Angebote. Die Blumenhalle in Löbau zeigte eine Ausstellung Bildender Künstler aus der Oberlausitz und Niederschlesien. Wandergesellen der Steinmetze, Bildhauer und Holzschnitzer trafen sich im Steinbruch Miltitz. Und die Galerie im Friese e.V. Kirschau tat, was sie auch sonst tut: Sie verband die Ausstellung mit einer Tanzperformance.

Von Kirschau und dem Friese-Verein in der alten Industriebrache ging 2014 die Initiative für das jährliche Kunstbus-Wochenende aus. Die Gründe, die der Vereinsvorsitzende Karl Dominick nennt, klingen auf den ersten Blick nicht nach künstlerischem Interesse. Der Mittelständler, der mit seiner Elektronik-Reparaturfirma etwa tausend Mitarbeiter in ganz Europa beschäftigt, spricht zuerst vom Fachkräftemangel und von der Abwanderung zu vieler junger Menschen aus eher ländlichen Räumen. „Ohne junge Leute keine Kreativität, keine Entwicklung einer Region“, sagt der entschlossen und zupackend wirkende Mann. Mit dem Hauptorganisator des Kunstbus-Projektes, Helfried Christoph von der FLOX-Galerie im Friese e.V., verbindet ihn die Überzeugung, dass Kunst und Kultur nicht nur ein so genannter weicher Standortfaktor sind, sondern die Regionalentwicklung entscheidend beeinflussen.

In Kirschau hat sich an der „Friese“ schon Erstaunliches entwickelt. Das alte Werksgelände könnte zu einem Oberlausitzer Kulturmekka werden. Es schafft nicht nur genügend Platz für Wechselausstellungen, sondern auch eine eigene, an eine Manufaktur erinnernde Arbeitsatmosphäre. Der Tanz ist das wichtigste zweite Standbein am Haus. Weitere sollen folgen, vor allem Künstler, die sich hier ansiedeln. Christoph träumt von einer Künstlerkolonie, die ausstrahlt. „Kreative gehen wieder aufs Land – denen muss man Kunst und Kultur bieten“, ist er überzeugt. Gentrifizierungsprozesse und Mietwucher erschweren Künstlern und ambitionierten Start-Up’s zunehmend das Leben in Großstädten. Kleinstädtische Angebote könnten da eine Alternative bieten, meint Christoph, der ursprünglich aus einem Ingenieurberuf kommt.

Wie Vereinschef Dominick erwähnt auch er die Faktoren Mobilität und Zusammenarbeit. Isoliert haben die vielen rührigen Vereine und Initiativen keine Chance. Ein Gedanke, der maßgeblich zum Kunstbus-Projekt geführt hat. „Es geht um den Vernetzungsgedanken, damit wir Kunstschaffende, die allesamt schwer Publikum gewinnen können, miteinander verknüpfen“, formuliert Karl Dominick das Anliegen der nunmehr dritten Kunstbus-Aktion. „Dazu brauchen wir Unternehmer und Sponsoren, die Busse und Geld zur Verfügung stellen!“ Was in erstaunlichem Umfang auch funktioniert. Es geht also nicht nur um regionale Zusammenarbeit, sondern auch um die zwischen Kunst und Wirtschaft.

Noch mobilisiert der Kunstbus keine Massen. Es sind ungefähr ein Dutzend Interessenten verschiedensten Alters, die jeweils aus den Bussen steigen. Drei Linien, fünf Orte. Viele lernen auf diese Weise ihr Heimat neu kennen, erleben einen Sonnabend oder Sonntag der anderen Art. Manche haben sich spontan entschieden, andere haben lange geplant, weil sie bewusst die Vielfalt Lausitzer Schätze und junger Initiativen kennenlernen wollen. Auf Entdeckertour begab sich auch ein VIP-Bus. Unter den Fahrgästen war Sachsens Kunstministerin Eva-Maria Stange, über deren zumindest verbale Anerkennung und Unterstützung sich die Kirschauer sehr gefreut haben. Schließlich hatte sie Ende Mai den Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien besucht und am Abend in Kirschau diskutiert. Kultur werde zu sehr mit den Großstadtangeboten in Verbindung gebracht, sagte die Ministerin vorab. „Ich sehe es als eine Aufgabe gemeinsam mit der Landesregierung an, einen vergleichbaren Wert auch in den ländlichen Regionen zu schaffen oder zu erhalten. Oft fehlt es an der Mobilität der Menschen, und so empfinde ich den Kunstbus als eine sehr gute Initiative“, lobte Stange das Projekt.

Von Michael Bartsch

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