Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 12 ° wolkig

Navigation:
Google+
Patti Smiths "Horses" 2015 funktioniert als Ausblick in die Gegenwart - auch in Dresdens Garde

Patti Smiths "Horses" 2015 funktioniert als Ausblick in die Gegenwart - auch in Dresdens Garde

Ihre Musik reiße jegliche Mauern ein, hieß es in einer der ersten Kritiken jenes Sensationsdebüts spät im Jahr 1975, und helfe dem Hörer dadurch, diejenigen im eigenen Kopf ebenfalls zu durchbrechen.

Voriger Artikel
Motiv der Gerechtigkeit: Aktmalerei beim Dresdner Palaissommer
Nächster Artikel
Statement zur Demokratie - 5000 „Tank Men“ kommen ins Dresdner Albertinum

Patti Smith in der Garde holte ihr Publikum ins Heute.

Quelle: Dietrich Flechtner

Und so geschah es. "Horses", jene Urgewalt der New Yorker Underground-Poetin, mit Brüdern im Geiste live in den Räumen eingespielt, die Jimi Hendrix für sich selbst hatte bauen lassen und kaum mehr nutzen konnte, vom ebenbürtigen Genie John Cale auf Band gebannt: "Horses" verhalf Generationen von jungen Mensch in der ganzen Welt zu einem freieren Blick, einem aufrechteren Gang. Mehr kann Musik - sei sie "U" oder "E", mehr kann Kunst nicht erreichen.

Aber wir schreiben nicht mehr das Jahr 1975. Oder eines der vier folgenden Jahre, in denen Smiths kometenhafter Aufstieg erfolgte - und auf die der totale Rückzug ins Privatleben erfolgte, mit dem geliebten Fred "Sonic" Smith als Hausfrau und Mutter nach Detroit. Noch leben wir 1988, um begierig dem Lebenszeichen "Dream of Life" entgegenzufiebern. Selbst seit dem fulminanten Comeback mit "Gone Again" sind 19 Jahre vergangen. Kurzum: Die Welt hat sich mehrfach gedreht. Und die Frage lautet: Was macht Patti Smith mit "Horses" heute, was macht "Horses" mit uns an einem tropischen Sommerabend in Dresdens Garde?

Der Beginn mit "Gloria": Ein Manifest. In der allzeit gültigen Uniform der New Yorker Coolness von schwarz und weiß kommen die Musiker auf die Bühne, wobei man einen Moment lang - selbst in Short und T-Shirt schwitzend - ungläubig Frau Smith anstarrt, die Weste und Jacket, Jeans und Stiefel trägt. Und sie zelebriert den zentralen Satz jener Schallplatte, das Manifest ihres weiteren Schaffens: Jesus died for somebody's sins but not mine - Jesus starb für jemandes Sünden, aber nicht für meine. Die graue Mähne weht im Wind, und man ist drin in Song und Platte (hier geht es um Vinyl, nur in dieser Form gibt es "Horses" am Merchandising-Stand).

Das Ohr, nein, der ganze Körper, seit Jahrzehnten mit diesen Stücken verbunden, registriert einige nette Abweichungen im Gitarrenspiel von Lenny Kaye und Jungspund Jack Petruzzelli. Bei "redondo beach" erklingen Jay Dee Daughertys Drums schön prägnant, während die Gitarren weniger knallen, gefälliger klingen. Für das Mammut-Stück der ersten Seite, "birdland", werden Smith Lesebrille und ein Blatt Papier gebracht, damit sie den langen, poetischen Text über den kleinen Jungen auf der Farm in Neuengland, dessen Vater starb..., ablesen kann. Nichtsdestotrotz führt sie das Stück regelrecht auf, begleitet die Erzählung mit Gesten.

Kämpft weiter und glaubt daran: Ihr könnt die Welt vereinen in Frieden

Dennoch bleibt es letztendlich aus, das erwartete zurückgeholte Gefühl, der wiederholte Auf- und Ausbruch. Richtig deutlich wird das bei "Free Money", bei dem man den aufkommenden Wind als kostenloses Geschenk genießt, die Band alles richtig macht, Smith den jungen Petruzzelli bei "I'll buy you a jet plane, darling" antanzt. Trotzdem stimmt es nicht mehr. Patti Smith mag mit ihrer Art Musik nicht reich geworden sein, aber die Zeiten, in denen sie mit Robert Mapplethorpe # 1017, das kleinste Zimmer im Chelsea Hotel, bewohnte und beide nur hoffen konnten, weiter mit Kunstwerken dafür bezahlen zu dürfen, sind vorbei. Und damit die Sehnsucht des Songs. Auch "kimberly", geschrieben für die jüngere Schwester, lässt eher kalt, ebenso wie "birdland", der Song für Jim Morrisson, dem sie in einem Smith-typischen Vergleich den "eingesperrten Allchemisten in Meißen" quasi zur Seite stellt.

Dann aber versöhnt das Kernstück der b-side, das dreigeteilte "land", ganz und gar und hundertprozentig. Denn hier wird verändert, neu auf-ge-führt. Beginnend mit einem längeren Sprechtext zu Tony Shanahans Basstönen, steigert sie die Spannung, lässt einen den Song wie zum ersten Mal erleben, die ganze Poesie spürbar werden. Auch musikalisch entfaltet sich die Welt erneut, und nachdem Smith nun auch warm geworden ist und sie sich aus dem Jacket helfen lässt, ändert sie den Text ab, lässt die Hauptfigur der Erzählung, jenen Nachkömmling von William S. Burroughs Johnny, nicht den ganzen Trip von "la mer(de)" erleben, sondern ihn stattdessen "in der Stadt Dresden siedeln, und er sieht die Kathedrale, den Platz, wo sie die Leichen auftürmten, die Kirche, die zerbombt und wiederaufgebaut wurde". Und sie ruft das Publikum an, es könne stolz sein auf seine Vorfahren, die Großväter, die Väter, die die Stadt wiederaufgebaut haben. Johnny genießt es, am Leben zu sein und in den Straßen von Dresden zu spazieren, wo er - Rückkehr zum Originaltext mit dem Bezug zu "gloria" - das junge Ding sieht, an die Parkuhr gelehnt. "G - L - O - R - I - A" - Smith, Band und Publikum sind mit "Horses" im Jahr 2015 und in der Garde angekommen.

Schwierig, danach wieder runterzukommen. "elegie", letztes Stück des Albums, die traurige Würdigung Jimi Hendrix', erfordert es und macht es möglich. Die Liste der verlorenen großen Künstler, sie ist für Smith wie für uns seitdem sehr viel länger geworden. Etliche von ihnen werden durch Nennung geehrt.

Und - es beginnt der richtig spannende Teil des Abends. Es ist dunkel geworden im Großen Garten, und die Fünf starten mit "Pissing in a River" von "Radio Ethiopia" in den Zugaben-Teil. Das hat zwar auch nicht mehr die anarchistische Kraft von 1976, aber allein die Tatsache, es einmal live zu hören, zaubert ein Lächeln aufs Gesicht. Smith gönnt sich eine Pause, und die Band gibt ein eher überflüssiges "Medley" von Velvet-Underground-Songs ("White Light / White Heat", ein Stück über die Gefühle beim Spritzen von Methamphetaminen, als Schunkel-Song zu bringen, geht einfach nicht), bevor sie uns ins Jahr 1996 holt, wo sie quasi ihr zweites Debüt ablieferte. "Beneath The Southern Cross", dem Leben gewidmet, ist so vielschichtig wie die Patti Smith der Gegenwart; darin stecken die Abgründe der Trauer, aber eben genauso auch die Liebe zum Leben. Nur folgerichtig schließt sie mit "Because the Night" nicht ihren größten Hit an, sondern ihr persönliches Liebeslied für "my boyfriend" - und Fred "Sonic" Smith solle genau das für immer bleiben, ihr "boyfriend. Und nur jemand wie Frau Schmidt darf singen: "wie es sich anfühlt unter deinem Kommando"...

Vor "People Have The Power" - schöner, geliebter, Live-Standard und Manifest - erfreut sie das Publikum mit der Aussage, dass sie "den Job in Dresden" unbedingt wollte, und jener Job, er endet mit "My Generation", Punk-Explosion auf Smith-Bühnen seit 1975, nun die desaströse, nihilistische Seite, komplett gewandelt in: "Meine Generation hatte Ideale, sie hat gekämpft, mit Rock'n'Roll. Unser Kampf war Rock'n'Roll, und wir haben etwas erreicht. Kämpft weiter und glaubt daran: Ihr könnt die Welt vereinen in Frieden." Und das Wunderbare ist: Nach so einem Patti-Smith-Konzert ist man fast geneigt, das zu glauben.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.08.2015

Beate Baum

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr