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Party mit den Firebirds im Alten Schlachthof

Party mit den Firebirds im Alten Schlachthof

Die Gründe sind an einer Hand abzuzählen, die es pro Jahr wirklich rechtfertigen, dass viel zu viel Gel in die Haare gekämmt wird, die Lieblingsjeans unten aus dem Schrank hervorgeholt werden müssen, die Mädchen sich Blumen und Bänder ins Haar binden und Petticoats die Beine umspielen.

Ein wirklich guter Grund dafür ist eine Geburtstagsparty der Firebirds, und das steht nicht erst seit gestern fest. Denn mit der Leipziger Band kamen nicht nur alle drei Ex-Sänger auf die Bühne und Gus Backus, der den alten Häuptling so fantastisch "Uff" ausstoßen lässt, sondern auch Wanda Jackson, die wohl eingängigste Rock'n'Roll-Stimme. Wenn Wanda Jackson auch mittlerweile in die Jahre gekommen ist und auf dem Weg zum Mikrofon eine stützende Hand brauchte, sie sich rein körperlich auch nicht mehr ganz so behände bewegen konnte, so kann sie aber ihre Stimme noch immer derartig präsent zum Einsatz bringen, dass einem beim flüchtigen Hören bereits ein warmes Gefühl durch den Körper zieht, wenn man nur ansatzweise ein Herz für Rockabilly hat.

Aber die fünf Geburtstagskinder packten noch einige Portionen oben drauf, um das musikalische Sahnehäubchen zu unterfüttern. Ihrer Einladung folgten ebenfalls Gus Backus, die MSL Big Band, die Boogie-Woogie-Tanzweltmeister Bärbl Kaufer und Marcus Koch aus München, die mit ihrer Show neben der Musik etwas fürs Auge taten, und der transportfähige Rest der legendären Comets, Bill Haleys Originalband, kurzum der Drummer und der Saxophonist, wobei Erstgenannter wohl der Großvater der Geburtstagskinder hätte sein können. Immerhin ist Dick Richards mittlerweile 88 Jahre alt und erstaunlicherweise immer bereit, seine Hände über das Schlagzeug fliegen zu lassen. Es ist in dem Falle tatsächlich kein leerer Spruch, wenn zwei von sich sagen: "Wir sind für den Rock'n'Roll geboren."

Das waren jetzt unterm Strich gut und gerne fünf Gründe, die eine besondere Anzugsordnung rechtfertigen, jeder für sich betrachtet hörens- und sehenswert, doch der schönste Augenblick im ausverkauften Schlachthof war das Intermezzo von Wanda Jackson. The Queen of Rock, wie sie genannt wird, hatte und hat viel mehr zu bieten als ihren Titel "Let's have a Party". Für das Amerika der 50er und 60er Jahre des letzten Jahrhunderts war sie zu wild. Sie war eben eine der ersten Frauen, die sich in einer Männerdomäne Gehör verschaffte und der Elvis Presley nach gemeinsamen Tourneen riet, von Country auf Rockabilly umzusteigen - heute ist sie eines der schönsten Beispiele, wie provokant und exzessiv der Rock'n'Roll sein konnte und dass vieles, was wir heute auf der Bühne als normal ansehen, sich damals den Weg erst schmerzhaft bahnen musste, vom aufrüttelnden Schrei bis hin zur verführerischen Pose. Jacksons Worte schleifen heute immer noch jedes Reibeisen glatt, und wenn sie sich auf der Bühne mehrfach an den Hals fast, dann wird klar, dass ihr mittlerweile einige Grenzen gesetzt sind. Trotzdem ist Wanda Jackson eine der aufsehenerregendsten Frauen im Musikgeschäft, die mit jungen Kollegen gern das Duett sucht, sich in einer roten Fransenbluse auf die Bühne stellt und ihre Konkurrenz genüsslich an die Wand singt. Wie lange ihre Kraft reicht, um sich in Europa immer wieder auf die Bühne zu arbeiten, wird die Zeit zeigen, aber es ist ein frommer Wunsch, ihr noch oftmals über den Weg zu laufen.

Ganz ähnlich sah es aus, als Dick Richards sich hinters Schlagzeug setzte, langsam hob er die Arme in die Höhe, gab das Signal: Hier ist mein Platz, hier habe ich den Takt für mein Leben gefunden, und hier werde ich die Menschen bis zum Schluss verzaubern. Ganz im Sinne von Bill Haley, mit dem er und Joey Ambrosia lange die Konzerte bestritten. Beide sind die letzten Zeitzeugen jener Ära - und sie gaben dem Geburtstagskonzert der Firebirds das gewisse Etwas, den Hintergrund für ihre Coversongs, fast waren die Gäste eine Art Vermächtnis mit der Aufforderung: Behaltet uns in Erinnerung, spielt weiterhin unsere Songs, lebt dieses Musikverständnis, lasst euch nicht weichspülen und zu Marketingfiguren präparieren; passiert das, dann verliert die Musik ihre Seele.

Naturgemäß lastet solch eine Aufgabe schwer auf den Schultern der Erben, aber die Firebirds haben sich schön entwickelt, fanden ihren Stil, der kein Abklatsch der amerikanischen Stars ist, sondern spielten mit ihren Eigenarten, entzündeten das Klavier mit persönlichem Engagement, entlockten "Great Balls of Fire" etwas Zeitgemäßes und stellten ihr "Lonely Weekends" gern zur Diskussion. Das ist deutlich mehr, als eine Coverband üblicherweise leisten kann, deren eigenen Stücke weitaus weniger wahrgenommen werden. Es war etwas anderes, mit dem die Firebirds am Donnerstag für Aufsehen gesorgt haben: ihr Herzblut für Musik, das sie in eine beachtliche Party pumpten und vielleicht den besten Grund lieferten, im Stil und Outfit der 50er Jahre über drei Stunden zu feiern und zu tanzen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.11.2012

Stephan Wiegand

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