Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Google+
Parodien als verkappte Lebensbeichte - Birgit Schallers neues Soloprogramm im Kabarett Herkuleskeule in Dresden

Parodien als verkappte Lebensbeichte - Birgit Schallers neues Soloprogramm im Kabarett Herkuleskeule in Dresden

Bei Birgit Schaller herrscht "Alarmstufe Blond".Wer seine Erwartung vor allem darauf richtet, ist eigentlich eher fehl am Platz. Zwar wartet die Schaller auch mit ein paar (harmloseren) Blondinenwitzen auf, etwa dem von den beiden, die sich nach stundenlanger Weihnachtsbaumsuche im Wald entschließen, doch einen ohne Kugeln und Lametta mitzunehmen.

Voriger Artikel
Verkehrsmuseum Dresden zeigt neue Ausstellungen über Gläser-Karossen und Elektroautos
Nächster Artikel
Voller Spielwitz und Tiefe - Emanuel Ax, Donald Runnicles und die Sächsische Staatskapelle beim Konzert in Dresden

Birgit Schaller reüssierte mit ihrem neuen Soloprogramm "Alarmstufe Blond".

Quelle: HL BOEHME

Bei Birgit Schaller herrscht "Alarmstufe Blond". Neun Jahre nach ihrem "Letzten Schrei", laut Statistik ganze 280 Mal ausgestoßen landauf landab, nun eine Art von Panikattacke, solange sich der Sachverhalt noch überprüfen lässt? Ein spätes, aber in ihrem Fall doch eigentlich überflüssiges Anrennen gegen das Vorurteil, mit dem sich, wie eine befragte Leidensgefährtin in der Premiere mit hörbarem Frust bestätigt, im allgemeinen noch immer "schei-" leben lässt? Ein Schwelgen in Verwandlungskünsten, mit denen die Darstellerin brilliert, nicht zuletzt dadurch, dass den Parodierten kräftig Maß genommen wird?

Wer seine Erwartung vor allem darauf richtet, ist eigentlich eher fehl am Platz. Zwar wartet die Schaller auch mit ein paar (harmloseren) Blondinenwitzen auf, etwa dem von den beiden, die sich nach stundenlanger Weihnachtsbaumsuche im Wald entschließen, doch einen ohne Kugeln und Lametta mitzunehmen. Trotzdem stellt sich die Frage, ob dieser Abend noch in das landläufig gepflegte Kabarett passt. Das ja, seit die große Politik weniger Pointen als Krisen liefert, selbst in eine solche geraten ist, denn einerseits machen aktuelle Konfliktlagen auch die Scharfzüngigen oft ratlos, und andererseits ist Realsatire nur schwer durch Kunst zu überbieten.

Wenn die Dummheit eine der schlimmsten Geißeln der Menschheit ist, kommt es darauf an, sich nicht verdummen zu lassen - anmaßende Plattheiten im Kabarett sind da schlicht die Katastrophe. Wolfgang Schaller als Programmautor im Verein mit den Textern Peter Ensikat und Philipp Schaller, Matthias Nagatis als Regisseur haben sich das offenbar sehr zu Herzen genommen, aber ihre Protagonistin, unterstützt von den Musikern Thomas Wand, Christoph Hermann und Sascha Mock, lebt geradezu vor, wie man sich mit Intelligenz und Mutterwitz, aber auch Offenheit und Neugier in einer multimedial vernetzten Welt einigermaßen zurechtfinden und behaupten kann. Im kurzen roten, etwas zippeligen Fummel, den sie im ersten Teil des Abends über schlichten Pantalons trägt, erzählt Birgit Schaller viel über Alltägliches und noch mehr über sich selbst, auch wenn sie sich mal wieder an Mozart-Koloraturen übt. Und wenn sie die ursprünglichen Motive der Vorbilder gern umkehrt oder ihnen ganz gegenwärtige Plots unterschiebt, macht sie doch nie billige Späße auf deren Kosten: Ihre Parodien sind vielmehr eine verkappte Lebensbeichte. So vielfältig sie sich mit Hilfe kleiner Accessoires in ganz unterschiedliche Figuren verwandelt, sie haben am Ende genauso mit ihr zu tun wie die Flötistin im Entree als erste und wohlstudierte Wunschrolle. Sie "stellt sich blond", zitiert in Anlehnung an Max Raabe Neurosen und Ängste, denkt laut nach über mediale Demenz und Schwarmintelligenz, die sie auch gleich mal testet mit der Behauptung, der spanische Philosoph Gustave Flaubert habe das Internet dadurch charakterisiert, dass es einer großen Zahl von Menschen ermögliche, zusammen dumm zu sein.

Gespür für Ambivalenz

Nun ja, das Zitat bezog sich in Wahrheit auf die Eisenbahn, den Rest dürfen Sie im Zweifel selber googeln, aber das eigentlich Wichtige an der Sache ist das Gespür für die Ambivalenz, die Vieldeutigkeit der Realität, was letztlich darauf hinausläuft, dass jede(r) zu seiner eigenen Haltung finden muss. Mit fast traumwandlerischer Sicherheit bewegt sich die Schaller zwischen Diva und Vollzeitmutter, doch wenn ihr auch abseits der Bühne die eine Rolle ebenso wenig liegt wie die andere, so macht sie doch keinen Hehl daraus, dass ihr fast nichts mehr verhasst ist als die Klischees neudeutschen Spießertums und des medialen Geschwätzes über Skandale, das sie nur noch andeutungsweise zitiert, um seine Nichtigkeit zu belegen. "Ich will lieber Schokolade", setzt sie der legendären Trude Herr entgegen. Nein, sie will sich keine Falten wegbügeln lassen, bekennt sich zum Älterwerden genauso wie zum Anspruch auf Eigensinn.

Beinahe müßig ist es, sich darüber auszulassen, mit welcher Einfühlung, welcher Urwüchsigkeit und glaubhaften Hingabe Birgit Schaller auftritt, wie sie in Posen, Gesten und Tonfall jeder Spiel- und Stilart, jedes Milieus und jeder Stimmungslage gerecht wird. Wie sie es schafft, das Eitle so uneitel auf Augenhöhe mit dem Publikum zu produzieren, lässt die Suche nach dem Haar in der Suppe, das sich sicher hier und da finden ließe, schlicht zur Peinlichkeit werden.

Und das ist weniger eine Frage der Perfektion als der Aufrichtigkeit im Umgang mit Grenzen, die sich wohl nur so auch einmal überschreiten lassen. Etwa dann, wenn uns eine (vergleichsweise nur etwas) gealterte Marilyn Monroe begegnet mit ihrem unsterblichen "I Wanna Be Loved By You" und dem spirituellen Geständnis eines vorgetäuschten Suizids. So wird aus einer nur kunstvollen Parodie ein im Grunde tiefernstes Nachdenken über Lebensperspektiven. Danach geht es im zweiten Teil doch erst einmal deutlich schriller zu, wenn sich die Schaller als Daniela Katzenberger auf- und gegen das Publikum motzt, eine Studie des gewollten einträglichen Danebenseins. Doch schon bei der angeblichen Wieder-Begegnung mit Jirí Korns Yvetta, die auf dem Landstrich bei Petrovice eine ziemlich schräge Biografie beichtet, lässt sich bei aller Ironie eine mitfühlende Grundierung kaum überhören. Besonderer Höhepunkt vor einem stillen und ernsten Ausklang mit Kästner ist eine Variation auf Freddy Mercurys (bzw. The Queens) "Mama", in der sich die Tochter in die Wärme und Geborgenheit des Mutterleibs zurücksehnt, angesichts der unliebsamen Erfahrungen außerhalb, auf die der Mensch nach wie vor schlecht vorbereitet wird und auch nur höchst unvollkommen reagieren kann.

Immerhin, so lässt es sich schon mal zwei Stunden aushalten, und das gaben am Ende nicht nur die offensichtlich eingefleischten Fans in aller Deutlichkeit zu verstehen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.03.2013

Tomas Petzold

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr