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Parallel Lives Festival in Dresden: Vom unwirklichen Leben im wirklichen Leben

Parallel Lives Festival in Dresden: Vom unwirklichen Leben im wirklichen Leben

Internationale Festivals sind die Supermärkte des Theaters. Reich und bunt bestückt in ihren Programmauslagen mit Angeboten aus unterschiedlichsten und fernsten Ländern.

Auch wenn sie konzeptionelle Länder- oder Kontinente-Schwerpunkte besitzen, bleibt ihre Absicht doch vor allem Überwältigung und Bedienung eines an neuen Reizen interessierten Publikums. Theater als Ware - warum auch nicht. Erfahrungen mit anderen Ländern und Lebenswirklichkeiten lassen sich auch auf solchen Festivals machen.

Das Festival "Parallel Lives" aber ist anders. Es ist einzigartig und auf aufregende Weise neu. Denn es ist ein Konzeptfestival zu einem einzigen Thema: Zum Einfluss der Geheimdienste in Osteuropa auf die Menschen. Die Kuratoren Ján Šimko und Martina Vannayová betonen, "Parallel Lives" zeige mit "dokumentarischen Inszenierungen die Sichtweise von Autoren der jüngeren und mittleren Generation aus sechs ausgewählten Ländern des ehemaligen Ostblocks (Slowakei, Tschechien, Deutschland, Polen, Rumänien, Ungarn) auf ihre sozialistische Vergangenheit. Ausgangspunkt der Inszenierungen waren Dokumente aus Archiven der ehemaligen politischen Geheimpolizei und mündliche Schilderungen." Vom 19. bis 22. Juni sind nun alle sechs Inszenierungen im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden zu sehen.

Ach nein, könnte man jetzt reflexartig abwehren, nicht schon wieder Stasi oder Securitate. Ist doch ab- und aufgearbeitet. In Büchern, Filmen und bei der individuellen Einsicht in Akten. Also bitte, keine weiteren dieser bekannten schrecklichen Opfer- und bösen Tätergeschichten!? Gut, auch die bietet das Festival. Aber anders. Dieses Festival erforscht Geschichte, indem es das Publikum zugleich spielerisch informiert und fordert. Hier erlebt man keine nüchterne Akten-Aufblätterung, sondern sinnliches Theaterspiel. Mal als Groteske, mal als kleine Oper, mal als Erzähltheater, mal fast als multimediales Spektakel. Immer aber unterhaltsam, ob komisch oder tiefernst. Manchmal anstrengend, öfter aber anregend. Anders als das alte Dokumentartheater der Autoren Rolf Hochhuth und Peter Weiss belehrt es die Zuschauer nicht. Die müssen jetzt selber denken, bei einer Vielfalt von Darstellungsformen und bei großen Unterschieden in den nationalen Geschichten.

Sogar eine Oper über den Geheimdienst gibt es: Das Prager Nationaltheater zeigt die Oper "Toufar" über den brutalen, tödlichen Kampf des Staates gegen einen Priester als Report voller Emotionen. Mit kirchlichen Zeremonien, mit der aus Akten vorsingenden Mezzosopranistin Sona Cervená und einem Chor von Mädchen, die sich von Messdienerinnen zu Geheimpolizistinnen wandeln können.

Fast ein Kontrastprogramm dazu der Versuch des Teatr Nowy aus Krakau, zwei Lebensläufe im Setting eines Sexklubs aufeinander stoßen zu lassen. Ein ehemaliger Offizier der Geheimpolizei phantasiert sich im Rollstuhl durch sein vom Kampf gegen die katholische Intelligenz bestimmtes Leben. Er schreit seine Verletzungen mit sexuellen Beschimpfungen gegen eine junge Französin hinaus. Sie, Tochter eines emigrierten jüdischen Dissidenten aus Polen, tanzt ihm, ohne Reaktion, in Slip und BH an der Stange vor. "Parallel Lives" beweist sich als ein Festival der Kontraste. Denen man sich aussetzen sollte. Indem man unbedingt mehrere Aufführungen anschaut.

Als das Theaterfestival Divadelná Nitra das Konzept zu "Parallel Lives" vor drei Jahren entwickelte, hatte Edward Snowden noch nicht die weltweiten Überwachungsaktivitäten Amerikas aufgedeckt. Doch wie sich Denkweisen und Überwachungsmechanismen von gestern und heute ähneln, wie alte Seilschaften aus dem Osten und alte Geheimdienste aus dem Westen weiter auf Menschen einwirken, auch das erfährt der mitdenkende Zuschauer. Kurator Ján Šimko: "Wie sich die Gesellschaft mit diesen Archiven, Erinnerungen und dramatischen Geschichten auseinander setzt, beeinflusst auch die künstlerische Reflektion. So war in der Slowakei für die Künstler interessant, wie die Justiz funktioniert oder nicht funktioniert. Weil man in der Justiz in der Slowakei am stärksten die Kontinuität fühlt. Die Leute, die in der Justiz vor 89 waren, sind immer noch da und blockieren viele Fälle." Das Divadlo SkRAT aus Bratislava forscht deshalb in "Vnútro vnútra" nicht nur dem Leben und Tod eines umstrittenen Priesters nach, sondern auch heutigen Vertuschungsversuchen. Dabei entwickelt es sein dokumentarisches Theater zur surreal realistischen Spielform weiter. In einer verfremdeten Szenerie werden auf Tüchern Collagen aus historischem und aktuellem Material überblendet und kommentiert. Drei Geheimdienstoffiziere sprechen ihre Berichte über ein Opfer ab und begeben sich dabei in Formulierungskämpfe. Die Darsteller steigen sogar aus ihren Rollen und diskutieren, wie alte Geheimdienstvorgänge heute richtig darzustellen sind. Im zweiten Teil wird die Welt geheimnisvoll irreal und beängstigend undurchschaubar: Die Überwacher tragen schleimige Tiermasken, und auf der Suche nach Wahrheit und den Möglichkeiten, einen Schuldigen zum Nachdenken über sein Handeln zu bringen, wird in Filmprojektionen Hamlets Spiel "Die Mausefalle" auf den Tüchern gezeigt. Was dem erzählten authentischen Geschehen auch eine antikische Größe zuweist.

Es brauchte viel Geld aus Brüsseler Töpfen, drei Jahre Vorbereitung und Künstler, die zu Rechercheuren in staatlichen Archiven wurden, um dieses Festival im slowakischen Nitra 2013 zu realisieren und jetzt nach Dresden zu schicken. Zu sehen sind ausnahmslos Inszenierungen, in denen die Archive spielerisch in Bewegung gebracht worden sind. Von Schauspielern, Künstlern, Laien, Experten. Sehenswert, welch breites Spektrum dokumentarischer Darstellungsformen des politischen Theaters das Festival vorzeigen kann.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.06.2014

Hartmut Krug

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