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Papier-Schöpfen bis Book-Slam: Eindrücke von der ersten Dresdner Literaturmesse "schriftgut"

Papier-Schöpfen bis Book-Slam: Eindrücke von der ersten Dresdner Literaturmesse "schriftgut"

Auf der Bühne werden die Bücher lebendig. Im munteren Dialog tragen zwei Mädchen eine Szene aus "Red Riding Hood - Unter dem Wolfsmond" vor.

Das kommt an. Die vier Mädchen vor dem Podium im selben Alter halten Pappkarten mit 9 und 10 hoch. Bestnoten für die Krimi-Adaption des Grimmschen Märchens vom Rotkäppchen. "Book-Slam" nennt sich das, was die jungen Leute mit Martina Reinhold von der Dresdner Jugendbibliothek "medien@age" hier demonstrieren. Eine von den Poetry-Slams entlehnte Form spielerischer Literaturvermittlung mit Publikumsbeteiligung. Der erste Tag der ersten Dresdner Literaturmesse "schriftgut" gehört vor allem den Schülern.

Sebastian und Luisa, beide 14, Schüler der 8. Klasse stellen ihre Rucksäcke ab, an denen sie einen ganzen Strauß blaue Werbeballons befestigt haben, eben bei einem Quiz gewonnen, wie Sebastian berichtet. Aus Zittau sind sie angereist. Ihre Schule, das Christian-Weise-Gymnasium, hat ihnen den Messebesuch als Exkursion ermöglicht. Im Gebäude der Börse Dresden führt sie die zu den Ursprüngen der Buchproduktion.

Beate Ritter von der Papierfabrik Hainsberg drückt Sebastian ein gerahmtes, rechteckiges Sieb in die Hand. Lässt es ihn in die milchige Brühe im Bottich tauchen. "Ein Prozent Stoff, 99 Prozent Wasser", erklärt sie. "Dass Papier aus Baumwolle hergestellt wird, habe ich noch nicht gewusst", sagt der Junge.

Im Raum nebenan kommen die Buchstaben drauf. Klaus Mischke vom Dresdner Typostudio Schumacher-Gebler in historischer Buchdruckerkluft des 16. Jahrhunderts, auf dem Kopf ein Barett, zeigt Nancy, wo im Setzkasten sich die Bleilettern der Walbaum-Antiqua 16 Punkt für ihren Namen befinden. Die 14-Jährige muss spiegelverkehrt denken. Dann darf sie den Hebel der kleinen Boston-Presse runterdrücken - und sieht sich auf einem Pappkärtchen zum ersten Mal gedruckt.

Grafik-Designer Sven Lehmann, der auch Bücher illustriert, zeigt Ema und Sera sechs Entwürfe, die er gezeichnet hat, beschreibt den Weg der von ihm erfundenen Figur bis zu jenem grünen freundlich-grimmigen Monster. Ema gefällt besonders, wie viel sie hier auf der Messe selbst ausprobieren kann, ohne Anstehen. Die beiden Schülerinnen einer 7. Klasse des Dresdner Romain-Rolland-Gymnasiums haben die Hände voll Papier. Einen gefalteten Brief mit Siegellack, ein Blatt, auf dem ihre Namen in kalligraphischer Pracht mit Feder geschrieben stehen, einen farbigen Linolschnitt. Den haben sie beim Dresdner Buchkinder-Verein angefertigt. Seit dreieinhalb Stunden sind sie unterwegs. Und haben darüber das Mittagessen vergessen.

An den Ständen ist für die ganze Familie was dabei. Zwei ältere Frauen betrachten bei der Buchbinder-Landesinnung Sachsen Marmorpapier, Herrnhuter Leimpapier, verschiedene Arten von Leinen und Leder. Am Stand des Bundes für deutsche Schrift und Sprache legt sich Franz Neugebauer beredt für bedrohte Fraktur und Sütterlin ins Zeug.

In der Abteilung mit den Zeitschriften blättern Besucher in "Cynal", "Signum" oder "Päng". Axel Helbig, Redakteur bei "Ostragehege" vermisst einen kleineren, intimeren Raum für Lyriklesungen. Vor den Bühnen stehen um die hundert oder mehr Stühle. In der großen "Verlags-Lounge" in Halle 3 tönt die Stimme einer Fantasy-Autorin im großen Buchmessen-Sound: mit Hall. Der Geruch von gebratenen Kalbfleischstreifen und Kaffee mischt sich mit dem frisch gedruckter Bücher von regionalen Verlagen wie Not-Schriften, Erzenbergische Verlagsgesellschaft, Edition Avicenna oder Dresdner Buchverlag. Ein älterer Mann lässt sich vom Vertreter einer Radebeuler Firma einen R-Book Reader erklären. Auch ruhigere Inseln wie das runde Märchenzelt gibt es.

Gewühl herrscht nicht. Dafür gibt es reichlich Gelegenheit für die ausstellenden Verleger, Buchhändler oder Künstler zu gründlicheren Gesprächen mit Besuchern. Der 62-jährige Bernd Arnold hat einen Antiquar nach jene seltenen Büchern über Galizien befragen können. Gefunden hat er keine. Doch enttäuscht ist er nach mehr als fünf Stunden keineswegs. "Hier findet man alles - von alten Büchern bis ganz modernen Sachen. Da nimmt jeder was mit."

1. Dresdner Literaturmesse "schriftgut", 9.-11. November, Messe Dresden

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.11.2012

Tomas Gärtner

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