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Otto Dix´ Kriegs-Triptychon entging der Vernichtung - Ausstellung in Dresden öffnet demnächst

Otto Dix´ Kriegs-Triptychon entging der Vernichtung - Ausstellung in Dresden öffnet demnächst

Aus Anlass des Beginns des Ersten Weltkrieges im Sommer 1914 zeigt die Galerie Neue Meister ab 5. April die Ausstellung "Otto Dix. Der Krieg - Das Dresdner Triptychon".

Dix' Werk ist seit Jahrzehnten eines der Schlüsselbilder der Sammlung. Im Vorfeld sprach Lisa Werner-Art mit Kuratorin Birgit Dalbajewa, Konservatorin der Galerie Neue Meister.

Frage: Otto Dix war 1914 bis 1918 Soldat. Wie sah er den Krieg? Wie schlug sich dies künstlerisch nieder?

Birgit Dalbajewa: Dix' Denken war damals stark von Nietzsche beeinflusst. Der Krieg erschien ihm als Teil eines ewigen Kreislaufs, als etwas Gewaltiges, einem Naturereignis Vergleichbares: "Man muss den Menschen in diesem entfesselten Zustand gesehen haben, um etwas über den Menschen zu wissen...", äußerte Dix später. Da, in den 1960er Jahren, sprach er auch öffentlich von den Träumen, in denen seine Kriegserlebnisse ihn zehn Jahre lang verfolgten. Fest steht: Der Reservist Dix, 1914 eingezogen, wollte "selbst erleben, selbst gekreuzigt werden" und vor allem "alles selber sehen". Mehr als drei Jahre war er an vorderster Front ein "tüchtiger Gewehrführer", der, sobald es die Situation zuließ, Stellungen, Lauf- und Schützengräben, Detonationen oder zerstörte Dörfer zeichnete. Am Ende waren es mehr als 500 Blätter, im Duktus oft realistisch, einige auch futuristisch-kubistisch.

Wie verarbeitete Dix das Kriegserlebnis künstlerisch weiter?

Nach der Rückkehr nach Dresden eher indirekt in kubistisch, auch dadaistisch orientierten Bildern zum Thema Eros und Tod. Sichtbarer wird der Krieg wenig später, als Dix zu einem provokanten Verismus findet, wie er etwa seinen jeder Heldendarstellung abholden "Kriegskrüppel(n)" von 1920 eigen ist. Bald folgen Studien in der Pathologie. Was er dort zeichnet - Gehirne und Gedärm etwa -, ist Vorarbeit für den als Ort des Todes und der Verwesung gemalten "Schützengraben" (1923). Dieses große Kriegsbild von Dix löst im Kontext des zehnten Jubiläums des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges eine der vehementesten Debatten der Weimarer Republik aus. Hier ist auch der 1924 geschaffene Grafikzyklus "Der Krieg" eingebettet, den Dix nach Fotografien radiert. Die 50 Blätter, die auch als Buch publiziert wurden, nehmen Themen des "Kriegstriptychons" vorweg und stehen in einer Reihe mit den verwandten Zyklen Callots und Goyas.

Wieso widmet Dix sich dem Thema etwa ab 1928 erneut? Wie entwickelte sich das zwischen 1929 und 1932 gemalte Triptychon?

Begünstigend wirkte gewiss das mit Dix' Dresdner Professur ab 1927 verbundene große Atelier. Hier vollendete er zunächst sein Triptychon "Großstadt" (1927), gezeigt in der Ausstellung zum 100. Jahrestag des Kunstvereins. Um 1927 entstanden auch die ersten Vorarbeiten zum "Kriegstriptychon". Zum Schlüsseljahr wird 1928, der zehnte Jahrestag des Kriegsendes. Bis etwa 1930 kam eine Flut von Büchern, darunter Remarques "Im Westen nichts Neues", und Filmen heraus. In diesem Umfeld begann Dix, der zudem den neu aufflammenden, revanchistischen Nationalismus zur Kenntnis nahm, 1928 mit der Zeichnung des Kartons. Im November 1929 stand die Komposition weitgehend fest, wie Max Sauerlandt nach einem Besuch vermerkte. Trotzdem gab es im Malprozess selbst Änderungen im Interesse einer formal stimmigen Bilderzählung, für die Dix die Gestalt des Altarbildes nutzte. Im Mittelteil stützte er sich auf den "Schützengraben", fügte Marschierende und Verwundetentransport - bei letzterem stellte er sich schließlich selbst dar - als Flügel an. Der ursprünglich als solcher gedachte "Grabenkrieg" (1932) wurde nicht Teil des Werks. Auch die Predella reifte erst mit der Zeit. Wiederholt finden sich im Werk überlieferte Elemente christlicher Ikonografie - etwa ein auf dem Kopf stehender "Gekreuzigter", ein Haupt im Dornenkranz, eine im Todeskampf gespreizte Hand nach Grünewald -, die aber nicht religiös gemeint sind. Das Werk kennt auch keine Auferstehung.

Wo sehen Sie die Gründe für die die Zeiten überdauernde Wirkung des "Kriegstriptychons"? Wo liegen die Ursachen für teils extreme Anfeindungen, aber auch Instrumentalisierungsversuche der Kriegsbilder von Dix?

"Der Krieg" zeigt das kaum Darstellbare, zeigt, ohne zu überhöhen oder zu moralisieren, die "Wunde". Das macht den Unterschied zu Kollwitz oder Barlach. Für extrem Konservative und Parteigänger des Naziregimes war etwa der "Schützengraben" "gemalte Wehrsabotage". Nicht zufällig sind dieses Bild sowie die "Kriegskrüppel" heute verschollen, nachdem sie in den Nazi-Schandausstellungen "Entartete Kunst" gezeigt und dann zur Verwertung freigegeben wurden. "Der Krieg" entging dem Schicksal, weil Fritz Bienert ihn einlagerte. In der I. Allgemeinen Deutschen Kunstausstellung 1946 war er dann eins der wenigen Zeit reflektierenden Werke. Die DDR-Offiziellen versuchten später, es als "Anklage der imperialistischen Kriegsmaschine" und Vorläufer für den "Sozialistischen Realismus" zu vereinnahmen. Von Letzterem war Dix wenig begeistert. Zum Thema selbst sagte er später, er habe "warnen wollen". Fest steht: Als eines der Hauptwerke der Moderne in Dresden berührt "Der Krieg" bis heute - auch weil es zulässt, es immer wieder "neu zu lesen".

Warum gab Dix das "Kriegstriptychon" als Leihgabe nach Dresden? Wie kam es zum Ankauf?

Dix war ja mit Dresden sehr verbunden. Halle und Berlin, wo es zeitweise zu sehen war, hätten das Werk ebenfalls gern gehabt. Nach Wiederherstellung des Semperbaus wurde es erst in der Osthalle, dann unter den Altdeutschen gezeigt. Die Nachbarschaft mit Dürer und Cranach gefiel Dix sehr. 1963 war "Der Krieg" auch in Darmstadt zu sehen. Seit das Werk ins Albertinum kam, zu dessen Eröffnung 1965 war auch Dix da, hat es einen zentralen Platz. In den späten 1960ern kündigte er deutschlandweit einige Leihgaben - 1967 auch den "Krieg". Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden entschlossen sich, da die Regierung der DDR keine Mittel bereitstellte, zu Verkäufen aus den Beständen, um die nötigen 500 000 D-Mark aufzubringen. Aus München war dazumal ein ähnliches Verfahren bekannt. 1968 wurde der Kaufvertrag geschlossen. Dix stiftete 44 Zeichnungen zu.

Warum sollten möglichst viele Menschen die kommende Dix-Ausstellung besuchen?

Eine künstlerisch und kunstgeschichtlich so intensive Ausstellung hat es zu diesem Dix-Werk noch nicht gegeben. So werden im zentralen Raum - sonst der "Slevogt-Saal" - Zeichnungen und Gouachen von der Front, Meisterblätter aus den frühen 1920er Jahren, darunter Vorarbeiten zum "Schützengraben", Zeichnungen zum "Kriegstriptychon" und der Zyklus "Der Krieg" zu sehen sein. Diese Zusammenführung macht die Entwicklungsschritte und die damit verbundenen Mühen sichtbar. Vertieft wird das mit der Dokumentation der maltechnischen Untersuchung sowie entdeckten Fotos von 1929 mit Zwischenzuständen des Triptychons. Dokumentarisches Material und Filme weisen auf den Bildkanon, der dazumal mit dem Krieg verbunden war. Ein besonderes Ereignis ist zudem, dass Dix' Schlüsselwerk erstmals seit 1963 wieder mit dem "Grabenkrieg" zusammenkommt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.04.2014

Lisa Werner-Art

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