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Oscar Wildes "Das Gespenst von Canterville" im Dresdner Schauspielhaus

Oscar Wildes "Das Gespenst von Canterville" im Dresdner Schauspielhaus

"Ooou keeeeei!" Mit diesem Schlachtruf werden die Gemäuer des alten Canterville-Familiensitzes in England bis ins Mark und in den Keller erschüttert.

In einer Allwetter-No-Problem-Manier ergreift die fünfköpfige Familie des amerikanischen Sonder-Gesandten Mr. Hiram B. Otis Besitz von ihrer neu erworbenen englischen Immobilie. In der Inszenierung von Oscar Wildes "Das Gespenst von Canterville" (Theaterfassung von Susanne Lietzow) im Schauspielhaus in der Regie von Susanne Lietzow wirken die Otis' wie aus verschiedenen altmodischen Reklamespots zusammengestellt. Der unerschrockene dauerlächlende Mr. Otis (Thomas Eisen) könnte ein Werbeträger für Gute-Laune-Pillen sein, die schön aufgedrehte Mrs. Otis (Oda Pretzschner) müsste eine Modeikone für unausgelastete Hausfrauen sein. Die Zwillinge Idaho und Washington (die Schauspielstudenten Duran Özer und Tobias Krüger), in ihren Kostümen kugelrund ausgepolstert, würden zu einer Anti-Fast-Food-Kampagne passen. Nur die zurückhaltende Tochter Virginia (Schauspielstudentin Nadine Quittner) taugt nicht so recht für Werbung, dafür ist sie zu - geistreich.

Apropos "Geist" - ein auf der Inventarliste nicht genau gekennzeichnetes Objekt entpuppt sich als Hausgespenst. Sir Simon de Canterville spukt seit 300 Jahren, nachdem er seine Frau getötet hat und aus Rache von ihren Brüdern lebendig eingemauert wurde. Seither geistert er herum und rächt sich, indem er Generation um Generation Familienmitglieder und Gäste vor Schreck zum Stottern (wie den Herzog Sir Cecil von Kenilworth) oder reihenweise zum Umfallen bringt. Das hören die Amerikaner vom Schlosspersonal: dem Butler Beaston (Philipp Lux) und der Köchin Miss Umney (Sascha Göpel), die sich offenbar gehörig vor dem Spuk fürchten. Doch die praktisch veranlagten Amis haben immer das passende Mittel zur Hand - gegen den alten Mords-Blutfleck auf dem Teppich zunächst einen effektiven Fleckenentferner, Typ "organic", was wohl dem neuen Bio-Trend geschuldet ist. Auch gegen quietschende Gespenster-Ketten sind die innovativen Amerikaner gewappnet, ganz nach der "worst-case"-Präventionsmentalität ihres Landes - eine Schlimmste-Fälle-Vorbeugestrategie also.

Dass diese nicht immer funktioniert, wusste schon Oscar Wilde (1854-1900), als er 1887 die Erzählung "The Canterville Ghost" als eine Mischung aus wohlgesitteter Satire und Burleske veröffentlichte. Er persifliert darin sowohl den Materialismus der Neuen als auch den romantischen Gespenster-Fetischismus der Alten Welt. Die Geschichte erwies sich als zeitlos und wurde in verschiedenen Formen vom Film über Hörspiel bis zum Theater- und Opernstück umgesetzt, sogar eine Bollywood-Produktion nutzte sie als Inspirationsquelle. Die Geschichte ist also unverwüstlich, Wildes gepflegte Ironie wirkt heute allerdings stellenweise etwas umständlich. So erklärt zum Beispiel Mr. Otis in der Erzählung Lord Canterville, von dem er das Schloss gekauft hat: "My Lord", erwiderte der Gesandte, "ich - komme aus einem modernen Land, wo wir alles haben, was für Geld zu kaufen ist, und angesichts all unserer rührigen jungen Leute, die mit ihrer Unternehmungslust etwas Leben in die Alte Welt bringen, - denke ich mir, wenn es so etwas wie ein Gespenst in Europa gibt, dann haben wir es in kürzester Zeit zu Hause in einem unserer öffentlichen Museen oder als Sehenswürdigkeit einer Wanderschau."

Es erscheint also legitim aus heutiger Sicht, den Text schnörkelloser zu halten und sich auf der Bühne auf das Schau-Spiel und die Kernaussage zu beschränken: Unglückseliges Gespenst kommt durch den respektlosen Umgang mit ihm an seine Grusel-Grenzen und wünscht sich sehnlichst Erlösung, die ihm laut einer alten Prophezeiung eine Unschuldsseele bringen kann. Ja, und Virginia, das liebe Kind, tut ihm den Gefallen und betritt mit ihm die Hölle, wo er zur Ruhe kommen will. Ob das gutgeht, kann man selbst sehen, wenn man noch Karten für eine der Vorstellungen erwischen kann - die vorweihnachtlichen Familieninszenierungen im Schauspielhaus sind nunmal sehr begehrt.

Was man aber schon vorher verraten kann, ist, dass es dem Team um Susanne Lietzow - dazu gehören auch Aurel Lenfert (Bühne), Marie-Luise Lichtenthal (Kostüm), Petra Zöpnek (Video) und alle Darsteller - eine witzige und unterhaltsame Produktion gelungen ist. Sie nutzt die Mittel der Groteske, um komisch zu sein, aber auch die der Haus-Theatertechnik, um Luftschlösser aufzufahren, oder Videoprojektionen, um wunderschöne Geisterstimmungen zu erschaffen.

Ahmad Mesgarha mimt überzeugend ein in die Jahre gekommenes Gespenst, das von "grauenvoll" zum "lächerlich" degradiert wird und im Tod seine Würde sucht. Die Otis' ziehen ihren amerikanischen Geist mit breitem Lächeln und Posing durch, die dicken Zwillinge erlauben sich dank der Polsterung ihrer Kostüme freche Akrobatiknummern. André Kaczmarczyk hat die Rolle des verliebten Herzogs Sir Cecil zwei Tage vor der Premiere vom erkrankten Justus Pfankuch übernommen und glanzvoll umgesetzt. Philipp Lux, der aus kleinen Rollen Großes zaubern kann, ragt hier wortwörtlich als Butler hervor - allein wie biegsam er die Zügel eines unsichtbaren Pferdes hält oder mit den Lutschern der Zwillinge als Verkehrspolizist agiert, ist zum Totlachen. Würdig an seiner Seite steht Sascha Göpel als vollbusige, womöglich schottische Köchin Miss Umney, die furchterregende traditionelle Mahlzeiten serviert und kurz zur Unabhängigkeitsrede ansetzt, vom Butler jedoch daran gehindert wird.

So ist in dieser Inszenierung für jeden etwas Unterhaltsames dabei, und der begeisterte Beifall des Premierenpublikums klang wie Dank dafür.

Aufführungen: 4., 5., 23. und 30.11.; 1., 2., 3., 11., 13., 14., 15., 18., 21., 22., 23., 29. und 31.12.; 4. und 18.1.; 22.2.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.11.2014

Bistra Klunker

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