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Orgelwochen: Pavel Cerný zu Gast in der Kreuzkirche

Orgelwochen: Pavel Cerný zu Gast in der Kreuzkirche

Ob Goethe, der eifrige Besucher böhmischer Bäder, seinen Vierzeiler "Warum in die Ferne schweifen..." beim Musikhören schrieb? Die tschechische Musik aus Barock und später Romantik hat hierzulande ordentliche Beliebtheit, doch in puncto Orgelmusik gibt es merkwürdige Fehlstellen im Repertoire.

Was im orgelbegeisterten Deutschland wundert, denn sonst mühen sich die Organisten um weltläufige Programme und sparen auch nicht an Exotischem. Doch die tschechische Orgelkunst bleibt dabei ausgespart.

Der Prager Organist Pavel Cerný ist in Dresden beileibe kein Unbekannter, doch kennt das Publikum ihn eher als Interpreten seiner barocken und frühklassischen Landsleute. Zu den Internationalen Dresdner Orgelwochen kam Cerný mit einem ausgefallenen Programm tschechischer Spätromantik in die Kreuzkirche, das in seiner geradezu expressionistischen Prägung mehr verlangte, als gediegene Technik und feinsinnige Gestaltung. Schließlich waren diese uns wenig geläufigen Zeitgenossen von Dvorák und Janácek auf der Orgel nicht weniger ausdrucksvoll, als die berühmten Sinfoniker.

Wenn eins der Konzerte unter den sommerlichen Orgelkonzerten die Fülle an Ausdruck und Charakterbildern in ganzer Breite auffächerte, dann dieses. Und Cernýs Spiel zwang dabei zum konzentrierten Hören. Eine "Arbeit", die angesichts der Spanne zwischen düsterer Stimmung bis hinauf zu aberwitzigem Humor auch unerlässlich war. Dennoch war das Programm damit nicht überfrachtet.

Am Beginn nahm Pavel Cerný die letzte von Josef Klickas (1855-1937) drei "Legenden" (h-Moll op. 98) mit unendlicher Ruhe, in der die epische Weite des Stücks aufblühen konnte. Das furiose Orgelsolo aus der Glagolitischen Messe von Janácek, wir- kungsvoll mit dem vollen Werk der Jehmlich-Orgel der Kreuzkirche wiedergegeben, setzte den schärften Kontrast. Erneuter Gegenpol wurde ein Adagio (Sonate c-Moll) von Eduard Tregler (1868-1932) voller Zerrissenheit, ein Charakterzug, der sich in Bedrich Antonín Wiedermanns (1883-1932) "Impetuoso" mit harmoni- scher Experimentierfreude und Witz mischte.

Als Unikat im seriösen Tonfall erwies sich Bohuslav Martinus "Vigilie" auch als der dramaturgische Anker des Programms. Hier konnte Cerný die dynamisch ausladende Fantasia g-Moll von Miroslav Kabelac (1908-1979) in ihrer fast bestützenden Wucht anfügen.

Der längere Schlussteil des Programms mit dem ruhenden, bei aller äußeren Schlichtheit hochinteressanten "Andante cantabile - Passacaglia" von Milos Sokola (1913-1976) und einer, ein ostinates Motiv vorantreibenden Scherzo-Improvisation von Pavel Cerný (geb. 1970) nahm solche Anspannung humorvoll wieder zurück.

Mit solch "unbekannten" Werken einen großen musikalischen Bogen zu zeichnen und das Interesse bei den Zuhörern ungebrochen zu erhalten, war das eine. Das andere war die unaufdringlich virtuose, energisch gestaltende und dichte Spielweise, mit der Pavel Cerný dies vermochte.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 31.08.2012

Hartmut Schütz

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