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Oper zum Rosa Winkel - Der Seattle Men's Chorus gastierte in der Dresdner Theaterruine St. Pauli

Oper zum Rosa Winkel - Der Seattle Men's Chorus gastierte in der Dresdner Theaterruine St. Pauli

Botschafter auf Deutschland-Tournee: Der Seattle Men's Chorus gastiert derzeit mit einer Holocaust Gay Opera und einem dazu passenden Song-Programm. Zwischen Berlin, Leipzig, Buchenwald (!) und Köln machte der Männerchor am Mittwoch in Dresden Station, um hier in der Theaterruine St.

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Rund 80 Männer auf der Bühne: der Seattle Men's Chorus in Dresden.

Quelle: PR

Pauli die Oper "For a Look or a Touch" von Jake Heggie und Gene Scheer vorzustellen. In Europa war dieses 2011 entstandene Musikdrama bisher nicht zu sehen, allerdings wagte die Semperoper bereits 2006 eine Sicht auf Heggies recht pastoralen Opernerstling "Dead Man Walking".

Der 1961 in Florida geborene Komponist ist ein Bekenntnistäter. Mit "For a Look or a Touch" hat er ein musiktheatrales Denkmal an die rund 100 000 von den Nazis ermordeten Homosexuellen geschaffen. Die Geschichte dazu fanden er und sein Librettist Gene Scheer in einer wahren Begebenheit. Der 2012 gestorbene Gad Beck, homosexuell und Jude, überlebte den Holocaust und berichtete 1995 in seiner Autobiografie über die Schreckenszeit.

Als eine Art Stationendrama werden Gads Erinnerungen nach dem Krieg wieder laut. Ihm erscheint mehr als 60 Jahre nach Kriegsende der einstige Freund Manfred im Traum. Der ist jung und schön geblieben, während Gad natürlich gealtert ist, die Gedanken an den Holocaust aber nicht aus dem Kopf bekommt. Die meisten der von ihm erträumten Protagonisten dürften den Vernichtungen der Nazis anheimgefallen sein. Wer homosexuell war oder dessen auch nur verdächtigt wurde, bekam einen Rosa Winkel an die Brust und war damit quasi ausgegrenzt.

Für diese Deutschland-Tournee hat der seit 35 Jahren bestehende Seattle Men's Chorus die nicht mal einstündige Oper neu erarbeitet, um damit unterschiedliche Spielorte flexibel adaptieren zu können. In der Theaterruine, die dank perfekter Tontechnik der Gäste erstmals ein optimales akustisches Niveau bot, eroberten die rund 80 Herren den Raum, als wäre das Stück hierfür konzipiert worden. Kip Niven als träumender Gad mimt den feinen, alten Herrn und lebt die innere Verzweiflung sichtbar, ja schreiend aus. Als ihm der einstige Geliebte im Traum erscheint, glaubt er an einen Geist, will die Gedanken verscheuchen, erinnert dann doch die sprudelnde Zeit im Berlin der 20er Jahre und lässt sich von Manfred die folgenden Kapitel beschreiben - Lagerhaft, Massenmord und nicht zu bewältigende Schuldsituation.

Der Bariton Morgan Smith leistet in seiner Partie Großartiges, bezwingend singt und spielt er solistisch, fügt sich dann aber in den Chor der Häftlinge und wird zu einem der vielen namenlosen Opfer.

Mit vielfältigen musikalischen Mitteln, die vom Swing der 20er über Klezmer-Zitate bis hin zur amerikanischen Musical-Emotion reichen, agiert ein kleines Instrumentalensemble zum brillanten Gesang. Unter der künstlerischen Leitung von Dennis Coleman wird perfekt musiziert, ist der Chor mal im Background und mal in Hauptrollen präsent.

Zum Tourprogramm gehört neben dieser politisch absolut korrekten Oper ein Stückprogramm, in dem der Chor mit einem gewissen Sendungsbewusstsein Songs von George Gershwin bis Duke Ellington anstimmt. Auch ein gefühlvoller Hymnus von Heggie zählt zu diesem Part, der in musical-geschulten Arrangements vorgetragen wurde und heftigen Beifall des Publikums erntete.

Bei so viel gut gemeinter Botschaft der freien Liebe hat die deutsche Realität die amerikanischen Gäste wieder eingeholt: Starkem Applaus zum Trotz musste auf weitere Zugaben verzichtet werden, weil die Busfahrer zum pünktlichen Start drängten.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.06.2014

Michael Ernst

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