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Onkel Wanjas leuchtende Hosen oder warum die Russen immer grimmig schauen - Wladimir Kaminer in Dresden

Onkel Wanjas leuchtende Hosen oder warum die Russen immer grimmig schauen - Wladimir Kaminer in Dresden

Es hat wieder „kaminert“ in Dresden. Beim zweiten Auftritt des Leningrader Exportschlagers Wladimir Kaminer innerhalb weniger Wochen in der Elbestadt erlebten rund 300 Gäste im ausverkauften Buchhaus „Thalia“ einen Abend zwischen Dorfdisko und renitenten Töchtern mit dicken Augenbrauen.

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Autor und Exilrusse Wladimir Kaminer signiert im Dresdner Buchhaus "Thalia" Ausgaben seines neuen Buches für Fans.

Quelle: Jane Jannke

 

Dass Kaminer mit seiner „Russendisko“, die ihn einst als Vorzeigemigranten mit explizit sowjetischen Wurzeln bekannt machte wie einen bunten Hund, bereits seit mehr als zehn Jahren unterwegs ist, merkt man mittlerweile auch dem Publikum an, das mit seinem Star langsam in die Jahre gekommen ist. Weit jenseits der 40 lag am Mittwoch im „Thalia“ am Dr.-Külz-Ring der Altersschnitt. Kaminer wäre aber nicht Kaminer, wenn er darum nicht selber wüsste und diesen Umstand auf die Schippe nähme.  

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Wladimir Kaminer las am Mittwoch im ausverkauften Buchhaus "Thalia" in Dresden.

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Wie bereits beim Auftritt im Dezember im Theater Wechselbad hatte Kaminer seinen neuesten Streich „Onkel Wanja kommt – eine Reise durch die Nacht“ im Gepäck, in dem er über den Besuch eines (vermutlich ebenso erfundenen wie) skurrilen Anverwandten erzählt. Der Onkel, einem längst versunkenen Jahrhundert entstiegen, will die Welt sehen, bevor er sie – bereits schmerzgebeugt – verlassen wird. Und so steigt er in den „Russenzug“ aus St. Petersburg und landet bei Neffe Wladimir in Berlin. Dort vagabundieren beide durch Dönerstuben und Kneipen und geben sich den Erinnerungen des Onkels hin, an Zeiten, als Boris Jelzin ihm höchst persönlich auf die Schulter klopfte. Dabei erfährt man unter anderem in haarsträubend morbiden Geschichten, wie Onkel Wanja zu seiner leuchtenden Hose kam.  

Zwischen kleinen Passagen aus dem neuen Werk gab Kaminer Kurzgeschichten zum Besten, die allesamt rings um den kleinen Äquator seines Alltages kreisen, und die ihm meist auf Zugreisen zwischen Terminen einfach aus der Feder fließen. Dabei glänzen Frau, Sohn und Tochter derart häufig nicht immer schmeichelhaften Hauptrollen, dass man sich fragt, ob daheim nicht des Öfteren der Haussegen schief hängt. Ob die zerrissenen Jeans oder die Facebook-Partys von Tochter Nicole oder die exorbitanten Telefonrechnungen des liebestollen 14-jährigen Sohnes Sebastian, der den Papa auf dessen Suche nach dem günstigsten Anbieter fast in den Wahnsinn treibt: Kaminers Geschichten sind meist deshalb so lustig, weil sie bodenständig wirken und sogar real, obgleich sie es wohl selten wirklich sind.  

Und weil das Leben immer weitergeht, ist sichergestellt, dass dem umtriebigen Kaminer der Erzählstoff niemals ausgeht. Manchem mögen sie bei dem atemberaubenden Tempo, mit dem er seine Werke auf den Markt wirft, fast wie Fließbandware vorkommen. Bei manchen Anekdoten ist denn auch mal die Luft raus. Bei Kaminers Erinnerungen an Nachbar Köpke, der seine russischen Arbeitshandschuhe aus Trassen-Zeiten vermisst, nickte gar der Erste ein. Vielleicht war es auch dem etwas unmotivierten Auftritt des Autoren am Mittwoch geschuldet, den man sonst so nicht gewohnt ist.  

Wirkliche Fans schätzen an ihm jedoch ohnehin nicht nur den Erzählwitz, sondern vor allem die kautzigen Geschichten aus dem Leben eines Mannes, der der Enge der sowjetischen Heimat einst als 23-Jähriger entfloh, sie aber doch nie endgültig verlassen hat – und die Menschen im Deutschland des Jahres 2013 am rauen Leben der Russen teilhaben lässt. So soll schon Leo Tolstoi die Anonymen Alkoholiker als anonymes Saufstadl für sich entdeckt haben. Die eigene Geschichte aufs Korn nehmen, den russischen Großkopferten von Zar Iwan über Leonid Breschnew bis hin zu Wladimir Putin die Hörner aufsetzen, ohne dabei verbittert zu wirken, das kann er, der Kaminer.

Jane Jannke

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