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Olga Grjasnowa mit ihrem Debüt "Der Russe ist einer, der Birken liebt" in der Villa Augustin

Olga Grjasnowa mit ihrem Debüt "Der Russe ist einer, der Birken liebt" in der Villa Augustin

Dieses Trauma, das sei es gewesen, worüber sie schreiben wollte, sagt Olga Grjasnowa. Ein noch nicht siebenjähriges Mädchen, das eine junge Frau vor seinen Füßen verbluten sieht.

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Es durchzieht den Roman "Der Russe ist einer, der Birken liebt". Ein erstaunliches Debüt, das die 28-jährige Autorin, die aus Baku stammt und seit 1996 in Deutschland lebt, jetzt in der Villa Augustin vorgestellt hat.

Der blutige ethnische Konflikt um Bergkarabach 1991, so zeigt ihr Roman, hat vor allem damit zu tun, wie man den anderen betrachtet: "Die Menschen hatten keine Gesichter, keine Augen, keine Namen und keine Berufe mehr - sie wurden zu Aserbaischanern, Armeniern, Georgiern und Russen." Das Individuelle verschwindet hinter der vermeintlichen Nationalität.

Dies wird zum zentralen Thema. Denn von Vorurteilen, Misstrauen gegenüber Fremden ist ihre ganze Welt erfüllt, seien es Israelis und ihre arabischen Nachbarn, die Furcht der Amerikaner vor Terroristen, der Ausländerhass von Deutschen. Den ständigen Druck, der auf Migranten lastet, erleben wir geballt, beklemmend und allgegenwärtig, vor allem in den Figuren von Maschas Freunden, einem in Deutschland geborenen Sohn türkischer Einwanderer und einem jungen Mann aus Beirut.

Eine Stärke dieses Buches ist auch, wie genau es das Lebensgefühl junger Leute von heute erfasst: Es treibt sie durch die Welt, ohne dass sie irgendwo Halt finden.

Zur Hauptfigur und Erzählerin hat die Autorin eine Frau in ihrem Alter und mit ihrer Herkunft gestaltet, die wegen ihrer traumatischen Erfahrungen große Skepsis gegenüber dem hegt, was man unter "Heimat" versteht: "der Begriff Heimat implizierte für mich stets den Pogrom". Wonach sich diese Maria (Mascha) Kogan, eine sprachbegabte, ehrgeizige Dolmetscherstudentin sehnt, scheint wenig: ein Leben in Ruhe, "fließendes Wasser, Strom und ein friedlicher Platz, an dem niemand getötet wird". Vor allem aber vertraute Menschen. Doch der, den sie liebt, Elias, der aus Thüringen stammt, stirbt - an einem nicht heilenden Oberschenkelbruch.

Wir sehen, wie das Kindheitstrauma wieder aufbricht, wie die junge Frau sich die Schuld am Tod ihres Freundes gibt. Wie sie über diesen Verlust nicht hinwegkommt. In anderen Männern nach ihm sucht. Die Leerstelle mit flüchtigen Beziehungen zu Frauen füllen will, die sie ebenso begehrt. Wie sie vor sich selber flüchtet - ausgerechnet nach Israel, wo die Konflikte besonders extrem sind. Wo sie mit ihrer jüdischen Herkunft konfrontiert, zugleich voll Misstrauen betrachtet wird, weil sie kein Hebräisch, dafür Arabisch spricht.

Geschildert wird uns das in knapper, hoch verdichteter Sprache. Die lässt uns dieses Gefühl des Getriebenseins nachvollziehen. Es ist ein Erzählen mit erhöhter Pulsfrequenz. Aber die Methode, Figuren mit wenigen Worten zu charakterisieren und festzulegen, gerät da und dort zur Oberflächlichkeit. Die Autorin bevorzugt nicht den feinen Stift bei der Figurenzeichnung, sondern den breiten Edding.

An den Nebenfiguren wird das besonders deutlich. Entweder sie bleiben farblos. Oder geraten, wie Elias Vater Horst beispielsweise, zum Kuckucksuhren sammelnden Säufer und Fremdenhasser im ostdeutschen Provinznest, über das es lapidar heißt: "In den Vorgärten taten Pudel ihren Dienst, und die NPD-Plakate hingen niedrig." Klischees wie dieses sind die große Schwäche des Buches. Gerade weil es angetreten ist, Menschen, die in Schubfächer gesteckt werden, Gesichter zu geben. Tomas Gärtner

Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt: Hanser. 285 S., 18,90 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.09.2012

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