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Olaf Schubert verbesserte mal wieder live in Dresden-Hellerau die Welt

Olaf Schubert verbesserte mal wieder live in Dresden-Hellerau die Welt

"Das ist der 11. September des MDR!", wütet der Gastgeber und verliert mal eben die Contenance. Haben da etwa zwei die Rollen getauscht? Anders scheint nicht nachvollziehbar, dass Olaf Schubert für einen Moment das Alleinstellungsmerkmal seines Gastes, des aus der "heute-Show" bekannten Berufscholerikers Gernot Hassknecht, adaptiert und sogar einen Kameramann zu Boden streckt.

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Weltverbesserer Olaf Schubert.

Quelle: Arno Burgi

Aber das kleine Schreiduell ist eingeplant, Olaf schluckt seinen gespielten Ärger (über das gegen Hassknecht verlorene Quiz) alsbald hinunter, geht in die Horizontale (um vom am Boden liegenden Kameramann noch erfasst zu werden) und leitet in den nächsten Clip über.

Die zweite Episode von "Olaf verbessert die Welt" wurde wiederum aus dem Festspielhaus Hellerau übertra-gen - ein Heimspiel ohne große Hürden für den mitteldeutschen Messias, dem die Dresdner Herzen ohnehin zufliegen. Mit missionarischem Eifer verarztet der Gastgeber im öffentlich-rechtlichen Fernsehen die pressierenden Probleme der Menschheit und verspricht diesmal Ratschläge in Sachen Toleranz, von ihm selbst definiert als "die Fähigkeit, mit offenem Herzen sagen zu können: Das akzeptiere ich - obwohl es mich ankotzt." In Angriff genommen wird das Thema u.a. durch Einholen medizinischer Expertise (Schubert lokalisiert per MRI-Scan das Toleranzzentrum seines Hirns), das von Schubert-Faktotum Bert Stephan zackig geleitete Quiz sowie eine voll-endet versemmelte Völkerverständigungsparade mit Vertretern aller Kontinente ("Ach, Brasilien - da muss ich immer an Argentinien denken!"). Der Ernst der Lage ist klar - allerdings weniger im geopolitischen Sinn, sondern wohl eher auf Ebene des MDR. Nachdem Schubert zur Premierensendung im Januar die Sendezeit um beinah 100 Prozent überzogen (DNN vom 21.1.14) und dem Programmdirektor vermutlich ein rhombenförmiges Magengeschwür beschert hatte, unter-blieb diesmal alles Extemporieren. Hinfort mit dem improvisatorischen Gestus, stattdessen 45 Minuten im gestreckten Galopp ohne Verschnaufpause. So konzentrierte sich die Schubertiade darauf, ihre Fähigkeit zur souveränen Bewältigung zeitlicher Vorgaben unter Beweis zu stellen, was leider auch den Eindruck aufkommen ließ, hier werde Dienst nach Vorschrift verrichtet. Das Gästesofa bleibt Kulis-se, statt sich einem Gespräch zu stel-len, spielt der von Schubert liebevoll als "Schrumpfgermane" angekündigte Wutbürger Hassknecht, der bereits zum Warm-up vor der Sendung als Appetitanreger fürs Publikum kurz hereinschaut und sich in der spontanen Interaktion sichtlich unwohl fühlt, ein leidlich amüsantes Solo zum Gesundheitswahn herunter. Er wirbt für seine anstehende Tournee und lernt beim wissenschaftlichen Exkurs durch den sendungseigenen Yogeshwar-Verschnitt Klaus Magnet gemeinsam mit Schubert allerhand über rassische Durchmischung im Hamsterkäfig. Erwartbare, brav aufgesagte Pointen, flankiert von regelmäßigen Applausbefehlen von der Seitenlinie.

Schuberts Sternstunden schlagen, wenn er mit der zur Faust geballten philosophischen Halbbildung sein persönliches Evangelium verkünden, sich um die eigene Denkachse winden und dabei Neologismen und Paradoxien anziehen darf wie ein rhetorischer Hurrikan. Derlei zeitintensiven Abgründigkeiten bietet das strikt durchgeplante Format keinen Raum, es sei denn, der MDR ist bereit, künftig die Stoppuhr wieder aus der Hand zu legen und Schubert machen zu lassen. Seine unvergleichliche, sanfte Anarchie bricht beim abschließenden Trommelsolo kurz hervor, ein wenig Absurdität birgt auch seine Top-5-Liste der toleranten Nationen (wo neben dem Nordpol u.a. Senegal für seine vorbildliche Integration Farbiger in die Gesellschaft vertreten ist). Insgesamt dürfte jedoch in der aktuellen Fernsehlandschaft die Weltrettung durch Schubert gegenüber der Anhebung des Humorstandards das realistischere Ziel sein. Anregung fürs ZDF: Bert Stephan bitte für die Neuaufstellung von "Wetten, dass -?" erwägen. Ein passiv-aggressiver Gastgeber, der seine prominenten Gäste gründlich zusammenfaltet, das hätte doch mal was.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.03.2014

Wieland Schwanebeck

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