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Öffnung und Vernetzung: Wilfried Krätzschmar ist neuer Präsident der Sächsischen Akademie der Künste

Öffnung und Vernetzung: Wilfried Krätzschmar ist neuer Präsident der Sächsischen Akademie der Künste

Den oft denunzierten Elfenbeinturm müsse eine Akademie der Künste nicht vermeiden, sondern solle ihn sogar anstreben, meint Prof. Heinrich Detering als Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

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Wilfried Krätzschmar

Quelle: Akademie

Allerdings nicht als Institution, sondern als intellektuell-gesellige Lebensform. Und dieser freie Gedanken- und Ideenaustausch, das gemeinsame Spiel mit den Musen, wenn man so will, stehe keinesfalls im Widerspruch zum Appell, sich gleichfalls öffentlich einzumischen und zur Wirklichkeit Stellung zu beziehen.

Detering äußerte solche dialektischen Gedanken am vergangenen Freitag, als die Sächsische Akademie der Künste sich über ihr Selbstverständnis verständigen wollte. Der denkbar passendste Auftakt zur jährlichen Mitgliederversammlung, denn es gibt in der Kunstszene auch Stimmen, die, böse gesprochen, die Akademie für einen bedeutungslosen Klub älterer Herren halten. Etwas mehr Vitalität täte ihr gut, kam bei dieser gar nicht penetrant akademischen Diskussion auch heraus. Und durch die spürbare Verjüngung der vergangenen Jahre bewegt sich auch etwas.

Exponenten dieser Generation wie Staatsschauspiel-Chefdramaturg Robert Koall, der Schriftsteller Ingo Schulze oder der Komponist Manos Tsangaris, die im Podium saßen, haben freilich die 40 und die beiden letzteren auch die 50 schon überschritten.

Am Donnerstag unterbreiteten der auf der Mitgliederversammlung gewählte neue Präsident und der Vizepräsident Journalisten ihre Vorstellungen von der künftigen Akademiearbeit. Seit dem Wochenende finden solche Termine nun auch offiziell im Ausweichquartier an der Ecke Palaisplatz/Königstraße statt. Das Blockhaus an der Augustusbrücke hatte im Keller zu viel vom Hochwasser 2013 abbekommen. Alle Mieter, auch die Landesstiftung Natur und Umwelt, mussten ausziehen. Auf zwei Jahre ist die bauliche Sanierung veranschlagt. Eine Absenz, mit der die Akademie gut leben könnte, wenn sie sich auf eine Rückkehroption verlassen könnte. Hartnäckig hält sich allerdings das Gerücht, das Staatliche Immobilien- und Baumanagement SIB und damit das Finanzministerium wolle wie schon beim Japanischen Palais die Landesimmobilie am liebsten kommerziell vermarkten, also Geld herausschlagen. Für den Umzug immerhin hat die Akademie 140 000 Euro zusätzlich zu ihrem nicht gerade üppigen Jahresbudget von 295 000 Euro erhalten. Und mit dem Interimsquartier in durchaus repräsentativer Lage kann man erst einmal ganz gut leben. Die wenigen Räume begünstigen eher intimere Veranstaltungsformate, der große Saal des Blockhauses fehlt schmerzlich.

"Wir werden bei unseren hilfsweise gastgebenden Partnern wie Hellerau oder riesa efau eben kaum als Akademie wahrgenommen", benennt der neue Präsident Wilfried Krätzschmar das Problem der Akademie als "Marke".

Krätzschmar war neben dem altersbedingt scheidenden Peter Gülke drei Jahre lang Vizepräsident und wurde erwartungsgemäß zu dessen Nachfolger gewählt. Nach Udo Zimmermann und Gülke der dritte Musiker in diesem Ehrenamt, den ebenfalls sehr musikaffinen Ingo Zimmermann sollte man eigentlich noch hinzurechnen. Krätzschmar war einer der bekanntesten, wenn auch bei SED-Kulturpolitikern nicht immer beliebtesten Komponisten der DDR, gründete beispielsweise 1990 das Studio Neue Musik an der Dresdner Musikhochschule und war dann zwölf Jahre lang deren Rektor. Bis heute blickt der nunmehr 70-Jährige mit wachem Geist auch auf die gesellschaftlichen Verwerfungen unserer Zeit.

Krätzschmar versteht die Akademie der Künste als "zentrale Versammlung kultureller Kompetenz", aber auch als "Störenfried", wenn sich bedrohliche Entwicklungen abzeichnen. Dann will man der Politik als "kritisches Korrektiv" ein Gesprächspartner sein. "Öffnung" ist in den zurückliegenden Jahren schon zu einem zentralen Begriff in der Akademiearbeit geworden. Das gilt zunächst nach innen im Diskurs mit jüngeren Mitgliedern. Die Absicht, eine Medienklasse zu gründen, zählt ebenfalls zu den inneren strukturellen Anpassungen. Nach außen fällt die zunehmende Vernetzung mit Thüringen und Sachsen-Anhalt auf. In Thüringen läuft seit zwei Jahren die IBA, die internationale Bauausstellung. Nach der Befassung mit Schrumpfungsprozessen zuletzt in Sachsen-Anhalt geht es bei dieser IBA um die Gestaltung städtischen Wachstums. Die nächste Jahresversammlung der Akademie 2015 wird in Erfurt stattfinden. Reformations- und Bauhausjubiläum ziehen die Mitglieder wiederum häufiger nach Sachsen-Anhalt.

Das sind Spezialstrecken für den neuen Vizepräsidenten Andreas Wolf, Jahrgang 1956. Der Architekt und Stadtplaner lebt in Leipzig und lehrt seit 1992 an der HTWK als Professor. In einem "Forum Stadt" erhebt die Sächsische Akademie Stadtplanung nun zu einem Hauptthema. Dabei wird es, wie Wolf schmunzelnd versichert, nicht nur um die Rettung des Postplatzes in Dresden gehen. Ob aus der inhaltlichen Zusammenarbeit mit Thüringen und Sachsen-Anhalt einmal auch formell eine mitteldeutsche Akademie der Künste wachsen könnte, möchten Präsident und Vizepräsident jetzt erst einmal nicht diskutieren. Entscheidend sei die Vernetzung. Darüber hinaus können die schon länger gepflegten Kontakte nach Osteuropa als vorbildlich und einmalig unter den deutschen Akademie gelten.

Diese Außenkontakte kosten allerdings Geld, erwähnt Andreas Wolf nicht ganz unabsichtlich. Es entspringe aber nicht nur der Not der Umquartierung und der knappen Finanzausstattung, wenn man daraus mit kleinen Veranstaltungsformaten eine Tugend machen wolle, fügt Präsident Krätzschmar hinzu. So wird der monatlich vorgesehene "Salon" jeweils ein Akademiemitglied vorstellen. Das gab es unter anderem Namen zwar bisher auch, aber wird nun intensiviert. Und vielleicht erlaubt der kleine Saal am Palaisplatz auch mehr Nähe und - so etwas soll es auch in einer Akademie der Künste geben - einen Anflug von Geselligkeit.

Von einer ab Herbst amtierenden neuen Landesregierung erwartet die Akademie eine deutlichere Formulierung ihrer kulturpolitischen Ziele und vor allem deren Umsetzung. "Sonntagsreden weglassen!", formuliert es der Präsident und erinnert daran, dass trotz frommer Bekundungen die Landesbühnen privatisiert und das Orchester aufgelöst und fusioniert wurden. "Ich gebe mich keinen Illusionen hin - man kann alles durchziehen", gibt sich Wilfried Krätzschmar nüchtern. Auch die Akademie treibt die Sorge um das Kulturangebot in den ausdünnenden ländlichen Räumen um. Das Kulturraumgesetz müsse dahingehend überprüft werden. In gleichem Sinn hatte sich schon der Vater des Gesetzes Matthias Theodor Vogt im Frühjahr geäußert. Akademiesekretär Klaus Michael wird in seinen Erwartungen an die Ausstattung der Akademie ganz konkret. Für das 20-jährige Jubiläum der Akademie 2016 brauchte man über die 2,25 Stellen hinaus eigentlich noch eine weitere, um die Gründergeneration zu dokumentieren und deren Erfahrungsschatz weiter zu tragen. Das gehört sozusagen zur Selbstpflege der Akademie, die ganz im Sinne Deterings auch nach Auffassung der neuen Präsidenten bleiben soll, was sie ist: Sowohl Arbeits- als auch Repräsentationsakademie.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.07.2014

Michael Bartsch

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