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Ödön von Horváths "Ein Kind unserer Zeit" als Uraufführung an der Neuen Bühne Senftenberg

Ödön von Horváths "Ein Kind unserer Zeit" als Uraufführung an der Neuen Bühne Senftenberg

Wie weit die Militarisierung seiner Zeit bereits fortgeschritten war, ist in den Texten Ödön von Horváths unzählige Male dokumentiert. Ihm deshalb prophetenhafte Eigenschaften zuzuschreiben, ist wegen dieser klaren Erkennbarkeit kommender Gewalt wohl auch überhöht.

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Das Trio in Feld-Khaki: Bernd Färber, Tanya Erartsin und Till Demuth (v.l.)

Quelle: Steffen Rasche

Zu deutlich dämmerte die düstere Zukunft herauf, damals, in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts.

In diese Kategorie fällt auch Horváths letzter Roman "Ein Kind unserer Zeit", dessen Drucklegung 1938 der Autor nicht mehr erlebte. Horváth starb vorher, am 1. Juni in Paris auf der Champs-Élysées, erschlagen von einem herabfallenden Ast während eines Gewitters. Einer der absurden, frühen Tode (Horváth wurde 36), die als auffallend markante Kreuze den Weg der Literaturgeschichte säumen.

In Horváths finalem Werk wird einer Soldat, ein namenloser Ich-Erzähler. Und er ist es gern, es gibt seinem Leben Sinn, auch das Vaterländische wird bedient. Besonders viele Illusionen hat er gar nicht, doch auch diese wenigen wird er bald verlieren. Der von ihm verehrte Hauptmann geht freiwillig in den Tod, weil er die Ehrlosigkeit des Krieges nicht mehr erträgt. Das schlägt dem Soldaten die Füße weg. Nach der Rückkehr ins Zivile, als Invalide zudem, hat er in Zeiten der Krise keine Chance. Noch dazu, weil die einzige, die ihm hätte Halt geben können - eine junge Frau, die er einst auf dem Rummelplatz sah -, im Gefängnis sitzt, weil sie ihr Baby ausgesetzt hat.

Auf der Studiobühne in Senftenberg siedelt Regisseurin Nicole Oder die Szenerie in einer Kulisse an, die den Verfall von Welt und Werten deutlich zeigt. Verschossene Fliesen, deren Farbe nicht mehr eindeutig zu bestimmen ist, werden Wände, zwischen denen sich der Niedergang abspielt. Die Bühne, an deren Rändern auf zwei Ebenen die Zuschauer auf Bänken sitzen, mutiert dabei vom S-Bahnhof über den Kasernenhof bis zum Rummel. Sie atmet gleichzeitig die Atmosphäre eines Leichenschauhauses. Damit wird sie dem Allegorischen in Horváths Roman gerecht. Der Autor thematisiert eine große Seelenkälte, deren Ausläufer im Zuge eines immer noch ausufernden Individualismus bis ins Heute reicht.

Die 90-Minuten-Fassung des knapp 200 Seiten starken Romans, produziert mit dem Theater Heimathafen aus Neukölln in Berlin, lässt vor allem die Horváthsche Sprache unangetastet. Dem erfahrenen Theatermann ist unbedingt zu vertrauen, was er in seinem Roman beweist. Er liefert einen Text zwischen Dichtung und Realismus, an dessen Bühnenkompatibilität kein Zweifel bleibt. Dafür sorgt auch und vor allem das Schauspielertrio Tanya Erartsin, Till Demuth und Bernd Färber. Demuth gibt den Soldaten in Zeiten des Abgesangs auf den Humanismus. Erartsin und Färber schlüpfen ihrerseits in zahlreiche Rollen und bilden so den personellen Kosmos des Ganzen. Diese Rollenwechsel sind mit der Dramaturgie der Handlung so eng verwoben, dass sie dem Publikum fast wie etwas Natürliches vorkommen. Nicht zu vergessen auch Daniel Mandolini, der als Musiker und menschliche Beatbox einen Soundtrack liefert, der sich nicht vor die Handlung drängelt. Aus dem Bühnenterzett sei vor allem Färber genannt. Seine Figuren sind trotz der Kürze ihres Auftritts unverwechselbar.

Was Horváth zeigt: Frieden kann die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln sein. Der Kampf ums Überleben ist im Zivilen manchmal gar härter, wenn eine entsprechende Krise das brüchige gesellschaftliche Fundament bildet. Der Soldat als personelle Inkarnation der Hoffnungslosigkeit unterstreicht diese Lesart.

Nicole Oder hat zumindest bei den Uniformen, in denen die Soldatenfiguren stecken, Anleihen bei der Gegenwart genommen: Bundeswehr-Khaki. Die einzig platte Zuschreibung des Abends. Man fühlt sich bei den Kriegsszenen deutlich weniger an aktuelle Auseinandersetzungen erinnert, eher an solche wie den Vietnam-Krieg. Horváths Hauptmann verachtet die Gewalt an Frauen und Kindern im Krieg und will auch deshalb sterben. In Stanley Kubricks "Full Metal Jacket" fragt der Kriegsberichterstatter Joker einen Hubschrauber-MG-Schützen entsetzt, dass er doch nicht Frauen und Kinder erschießen könne. Doch, sagt der, das sei leicht. Man dürfe nur nicht so sehr vorhalten.

Horváth hat nicht nur das Kriegsgeklingel seiner Zeit vorweggenommen (dass "Ein Kind unserer Zeit" von den Nazis verboten wurde, wundert nicht). Er stellt grundsätzliche Fragen. Das Ende des Soldaten, der sich einfach zum Sterben niederlegt, ist die Flucht aus einem Leben, das diese Bezeichnung nicht verdient. Er verreckt, im Krieg würde es "ordnungsgemäß gefallen" heißen. Nichts geht mehr, die Fliesen hauchen noch einmal ihre Kälte aus. Es ist Krieg, Baby. Noch immer.

Torsten Klaus

nächste Aufführungen: 17.4., 7. & 9.5.

www.theater-senftenberg.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.04.2012

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