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Nora Gomringer und das Wortart Ensemble bringen bei ihrem Auftritt in Dresden Lyrik auf die richtige Temperatur

Nora Gomringer und das Wortart Ensemble bringen bei ihrem Auftritt in Dresden Lyrik auf die richtige Temperatur

Gedichte wollen nicht still gelesen, sie wollen gesprochen sein. Wie man sie auch auf Bühnen präsentiert und möglichst wirkungsvoll über die Rampe kriegt, dazu werden immer mal Experimente gewagt.

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Nora Gomringer und das Wortart Ensemble

Quelle: Alexander Deck

Eins haben Nora Gomringer und das Wortart Ensemble jetzt in der Schauburg zelebriert - eine Station auf ihrer gemeinsamen Deutschland-Tournee. Um es gleich zu sagen: Der Versuch ist gelungen. Ein grandioser Abend.

Je länger man zuhört, desto stärker wird der Eindruck: Hier haben sich Partner gefunden, die ausgezeichnet zusammenpassen, bei denen im Zusammenspiel mehr entsteht als jeder für sich zustande brächte. Wortart, ein Dresdner a-cappella-Ensemble, drei Frauen, zwei Männer, 2008 gegründet, hat sich auf die Vertonung anspruchsvoller Lyrik spezialisiert. An diesem Abend waren deshalb auch Gedichte von Mascha Kaleko, Wolf Wondratschek, Bertolt Brecht oder Sarah Kirsch in ausgefeilten Gesangsarrangements zu hören. Eines Tages bekam auch Nora Gomringer per E-Mail und Telefon die Mitteilung, sie hätten sich mit ihr beschäftigt.

Nun schreibt die ja nicht nur Verse, sondern ist als bekannte Poetry-Slamerin auch deren unerreichbare Interpretin. Ein Stimmwunder von ungeheurer Energie. Mit ihrem ersten Text "Ich werde etwas mit der Sprache machen" setzte sie das Thema: verschiedenste Arten des Sprechens als Ausdruck von Beziehungen zwischen Menschen, auch das Schweigen oder Verschweigen gehören dazu.

Aufwärmphase braucht sie nicht, sie ist sofort ganz da. Füllt mit ihrer Stimme den Raum, zeigt keinen Augenblick Schwäche. Mal beschleunigt sie, dann wieder dehnt sie Vokale und Konsonanten - bei dem Wort "Langsamkeit" etwa - bis zum Gehtnichtmehr, donnert, schimpft, haut mit beiden Händen auf den Tisch, mimt quakend den Froschkönig, keckert, jauchzt, schmollt, schmachtet, lässt in den Tiefen Erotik vibrieren, albert mädchenhaft, haucht, flüstert, gibt der Stille Raum. Noch ihr Schweigen hat seinen unverwechselbaren Klang.

Man meint die Energie der Mütter des Jazz und des Soul zu spüren, wenn sie ihre Dichtung auf höchste Temperatur bringt. Eine Dichtung, die sich thematisch in einem Spektrum bewegt, das breiter kaum denkbar ist. Vom Todernst des Holocaust über alle Spielarten der Liebe bis zu den kleinsten Alltagsdingen. Noch aus einem banalen Vorgang: Weichtier auf Weg ("Ich gebe zu, so'ne Schnecke ist wenig ergiebig", räumt sie in einer Zeile ein), gestaltet sie ein Minidrama aus Ekel und Hysterie, das uns eine ganze Menge über unsere stete Bereitschaft zur Panik erzählt.

Ich gebe zu,so'ne Schnecke ist wenig ergiebig

Gern stellt sie sich, wie sie plaudernd bekennt, Aufgaben. Dichtkunst als Hochsprung, die Latte möglichst weit oben platziert. Zum Beispiel: Schreib doch mal ein Liebesgedicht ohne all die üblichen Zutaten. Solche Höhen nimmt sie mit Eleganz. In diesem Fall mit einem "Ikea-Text", in dem ein Tisch gebaut wird, unter den zwei Menschen vier Füße stecken.

Die Sopranistinnen, Alt, Tenor und Bariton von Wortart untermalen Gomringers Performance mal sacht, wiederholen einzelne Worte. Finden gut zusammen. Dann wieder lösen sie sich voneinander, liefern eigene Parts. Schichten Gedichtzeilen kanongleich übereinander, bauen, Jazzbesen oder Drumcomputer imitierend, raffinierte Klangarchitekturen und lassen die in angenehmstem Satzgesang auslaufen. Versetzen Gomringers "Mathematische Phantasie" (Aufgabenstellung: Geometrie erotisch klingen lassen) in einen immer schnelleren und erregteren Tanz, der in einem zärtlichen Flüsterchaos endet.

Ihre Interpretationen überraschen mit originellen Einfällen. Sie strahlen die Ruhe des Wohlklangs aus, schnurren ab wie ein munteres Räderwerk, wirken selbst noch in leidenschaftlichen Momenten diszipliniert, ihr Witz ist seriöser Natur. Das Zusammenspiel von Vokalensemble und Dichter-Solistin an diesem Abend darf man geglückt nennen. Eine erfrischende Klangvorstellung.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.01.2013

Tomas Gärtner

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