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Nina Jäckle stellte ihren Roman "Der lange Atem" in Dresden vor

Nina Jäckle stellte ihren Roman "Der lange Atem" in Dresden vor

Todestages (29. Juli) von Erich Kästner (1899-1974) sind Vergänglichkeit, Tod und das dennoch Bleibende in der Literatur Thema der ihm gewidmeten Museumstage.

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Nina Jäckle

Quelle: Verlag

Im Jahr des 40. Nach der Lesung von Nina Jäckle am Eröffnungsabend in der Villa Augustin wurde es sehr still. Die aus dem Schwarzwald stammende Autorin, Jahrgang 1966, führte die etwa 20 Zuhörer mit der Premiere ihres neuen Romans "Der lange Atem" tief hinein in die Katastrophe. In eine der schlimmsten, die Japan je erlebte. Sie bildet den Hintergrund: der Tsunami am 11. März 2011, die ungeheure Flutwelle, die einem schweren Erdbeben folgte.

Nicht um das Ereignis, sondern um seine Folgen geht es in dem Buch. Es erzählt vom verzweifelten Versuch, das unübersehbare Ausmaß an Tod und Vernichtung auszuhalten. Die Autorin stellt eine exemplarische Figur als Ich-Erzähler in den Mittelpunkt: einen Polizeiinspektor, Phantombildzeichner. Eine Art Rekonstrukteur: Nach Fotos der gefundenen, entstellten Toten zeichnet er deren Gesichter in ihren unversehrten Zustand zurück. Seine Bilder legt man den Angehörigen vor, damit sie die Identifizierung überhaupt ertragen.

Es ist ein letzter humaner Dienst, den er Menschen angesichts massenhaften Sterbens erweisen kann. Die Handlung ist auf ein Minimum reduziert. Episoden, Begegnungen folgen aufeinander. Wir vernehmen sie aus der Perspektive jenes alten Mannes, der das Geschehen unablässig durchdenkt. Die Autorin findet dafür eine poetische, hoch verdichtete Sprache, einen Fluss von Sätzen, in dem es bewusst Wiederholungen gibt. Es ist ein unablässiges Kreisen, die Gedanken bewegen sich in Schleifen.

Sie zeigt uns die Widersprüchlichkeit dieses Dienstes an der Pietät: "Strich um Strich verheimliche ich, was unserem Körper zustoßen kann." Seine Zeichnungen leugnen das Zerstörungswerk der Natur am menschlichen Körper. Das nicht wieder Herstellbare stellt er wieder her - "als könnte es einen guten Ausgang nehmen". Ein Fälscher aus Rücksicht? Solche Fragen drängen sich in diesem Text auf. Der so düster ist, dass man ihn einem seelisch instabilen Leser guten Gewissens nicht empfehlen kann.

Nicht einmal, dass der Zeichner und dessen Frau überlebt haben, lässt sie aufatmen. Denn: "Dieses Glück gehabt zu haben, diese Gnade ist auch eine Ungerechtigkeit." Und am Ende - nur so viel sei angedeutet -, bleiben auch die Davongekommenen nicht ungeschoren.

Nichts von Lokalkolorit finden wir in den Schilderungen. Nina Jäckle lenkt unseren Blick in die Innenwelt des Erzählers. Sie bekennt, für die Recherche nie in Japan gewesen zu sein. Das ist legitim. Denn dieser Text überhöht das konkrete Ereignis zur Parabel über den Umgang von Menschen mit Katastrophen.

Für das Schrecklichste, zeigt sie, gibt es keine Worte.

"Unerbittlichkeit ist lückenlos und klar." Und doch lässt sie diesen Mann aktiv sein, lässt ihn sprechen.

Gibt es ein Gegengewicht zum Zerstörerischen? Wenn überhaupt, ist es federleicht. Ein schwaches Glimmen in der großen Nacht des Verhängnisses. Schönheit der Natur? Der Erzähler nimmt die Schönheit des Meeres nur noch als Lüge wahr: "das Ungeheuer schnurrt, bevor es sein tatsächliches Maul aufreißt". Betrachtet er spielende Kinder, sieht er sie schon um ihr Leben laufen. Fortzufahren mit dem täglichen Tun wird zum "Trotz allem". Kaum ein Trost.

Herzlich wenig ist möglich: "Das Einzige aber, was uns allen zu tun bleibt, ist zu helfen, sich selbst und jedem zu helfen." Das zumindest tut dieser Zeichner. Am Ende steht die Erkenntnis, dass nichts mehr so sein kann wie zuvor. Dass alles seine Arglosigkeit verloren hat. "Jeder Glücksmoment sollte ausgesprochen werden, all das sollte ausgesprochen werden, was wir seit jenem Tag nicht mehr auf selbstverständliche Weise im Kopf tragen."

Nina Jäckle: Der lange Atem. Klöpfer & Meyer. 172 S., 19 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.02.2014

Tomas Gärtner

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