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Niemals taktlos - Zum 70. Geburtstag des Dresdner Musikers Günter Baby Sommers

Niemals taktlos - Zum 70. Geburtstag des Dresdner Musikers Günter Baby Sommers

Günter Baby Sommer wird 70 Jahre alt und ist als Trommelwunder agil, facettenreich, kreativ und vital wie eh und je. Meistens ist er, das liegt in der Natur seines Instrumentariums, ziemlich laut.

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Günter Baby Sommer in Aktion

Quelle: Matthias Creutziger

Wenn es sein muss, auch mal sehr, sehr laut. Aber, kein Widerspruch, der Jazzschlagzeuger kann auch die leisen Töne anschlagen. Das hat er auf seiner nun schon sechs Jahrzehnte währenden Klangsuche immer wieder bewiesen.

In seiner Generation gehört er zu den Vorreitern des Free Jazz. Der hat Wurzeln und speist sich aus diversen Einflüssen, steht mitunter im Ruf, inhaltsfrei Kunst um der Kunst willen zu sein. Nicht so bei Günter Baby Sommer, der um seine musikalischen Vorbilder und Weggefährten zwar weiß, deren Pfade wohl auch immer wieder begutachtete, dank seiner unstillbaren Neugier diesen ausgetretenen Wegen aber nie lange gefolgt ist, sondern stets nach links und rechts, vor allem weit nach vorn geschaut hat, um eigene Spuren zu legen. Sommer hat da auch tief in sich reingehört und die Rolle des Künstlers als eine des Einmischers verstanden. Wiederholt überrannte er dafür sämtliche Genregrenzen, mixte Schlagzeug mit Gesang und mit gesprochener Stimme, fabrizierte mit selbsterfundenen Klangmitteln wahnwitzige Höreindrücke, baute eindrucksvoll Brücken zwischen Jazz und Literatur. Bis heute ist er in wachsendem Maße ein Multiinstrumentalist, feilt an konventionellen Schlagwerken und verbindet sie mit Alltagsgegenständen, denen immer wieder eine tonal ganz besondere Nuance abzuringen ist.

Dabei hat der am 25. August 1943 in Dresden geborene Jazzschlagzeuger, der heute in Radebeul lebt und Jazzern in aller Welt ein Begriff ist, seinen Einstieg in die musikalischen Landschaften ganz anders begonnen. Zunächst hat er Akkordeon gespielt, konnte sich aber mit dem Repertoire seines Musiklehrers nicht anfreunden. Rasch erfolgte der Wechsel zur Trompete, mit der er dann als Jugendlicher bei den Radebeuler Tanzrhythmikern mitwirkte. Das hätte zu einer Karriere führen können - wenn nicht eines Tages der Hocker des Schlagzeugers freigeworden wäre. Der bisherige Drummer musste zum Angeln. Und Sommer musste zum Schlager. Tapfer hielt er eine Weile durch, war aber längst infiltriert von dem, was er nächtens im Westradio hörte, insbesondere bei Voice of America.

Nach einer Damenwahl, die im Wunsch nach einem Walzer gipfelte, war Schluss: Günter Sommer verließ die Bühne und flüchtete aus dem Fenster der Garderobe. "Das war das Ende meiner Karriere bei den Radebeuler Tanzrhythmikern", erinnert er sich. Mit der für ihn typischen Neugier wuchs er allmählich in die ostdeutsche Jazzszene hinein, war in den Bands aber immer der Jüngste. Ein Rat, den er heute jungen Musikern gern weitergibt: "Sucht euch Ältere, sucht euch Erfahrene, steckt auch mal Niederlagen ein. Nur so könnt ihr wirklich was lernen!"

Bald nach dem ersten eigenen Jazzkonzert mit einer zusammengewürfelten Gruppe an der damaligen Verkehrshochschule war Sommer Mitbegründer des legendären Boheme Sextett, das Stücke von Art Blakey, Horace Silver und den Jazz Cruisaders adaptierte. Großen Einfluss übte Max Roach auf den Heranwachsenden aus: "Mich hat in der Jazzmusik immer der revolutionäre Charakter interessiert, dieser Tritt gegen die Wohlgefälligkeit des Kleinbürgertums. Es ist eine Musik, die anfasst."

Genau solche Musik hat er geliebt und ausprobiert, nach ersten Begegnungen mit Leuten wie Peter Kowald ging er auf Distanz zu den amerikanischen Vorbildern und probierte Neues aus. Was gegen Ende der 1960er Jahre zu seinem Künstlernamen geführt hat; damals war er Mitglied im Klaus-Lenz-Sextett und der Chef schnauzte ihn an: "Was machst'n da für'n Scheiß, willst'e alles nochmal neu erfinden wie Baby Dodds?" Ein Kollege, erinnert sich Sommer, half ihm aus der Patsche und meinte: "Das ist nicht Baby Dodds, das ist Baby Sommer!" Tausendfach hat er diese Story erzählt - mit berechtigtem Stolz, den Namen des legendären Warren Baby Dodds (1898-1959) in die Welt zu tragen.

Die große weite Welt ereignete sich für den Jazz in der DDR ausgerechnet in Peitz, einem Provinznest in Brandenburg. Sessions mit Evan Parker, Alexander von Schlippenbach und vielen anderen internationalen Stars boten ein nachhaltiges Rüstzeug für den aufstrebenden Musiker, der schon bald mit Conrad Bauer, Ulrich Gumpert und Ernst-Ludwig Petrowsky das bis heute existierende Zentralquartett gründete. Vor genau vierzig Jahren entstand es, damals noch unter dem Namen Synopsis, in Warschau.

Das Zusammenspiel mit anderen Koryphäen ist nur einer der künstlerischen Wege des Jubilars. In seinen Soloprojekten wie den "Hörmusiken" überzeugt Sommer als Solitär, als Partner von Literaten wie Christa Wolf, Volker Braun, Christoph Hein, Günter Grass, Rafik Schami und jüngst immer öfter mit Nora Gomringer lässt er die Genres miteinander verschmelzen und macht so auch den intellektuellen Gehalt seiner Musik deutlich. Das ist schließlich seine Sprache zur Welt, in ihr äußert er sich mit deutlicher Positionierung gegen Gewalt und Unrecht. So auch im griechischen Kommeno, wo 1943, genau neun Tage von Sommers Geburt, 317 unschuldige Menschen einem bis heute ungesühnten Massaker der deutschen Wehrmacht zum Opfer fielen. Voriges Jahr gab es dort die Uraufführung der "Songs for Kommeno" (DNN berichteten), diesmal erarbeitete Günter Baby Sommer ein neues Projekt, in dem sich Historie, Literatur und Jazz berührt haben.

Die Einwohner von Kommeno haben ihn längst zum Ehrenbürger erhoben, vielfach wurde der bis zu seiner Emeritierung an der Dresdner Musikhochschule als Jazzprofessor wirkende Künstler auch mit anderen Würdigungen bedacht, so vor zwei Jahren - trotz der zeitgleich von einem Musiker erhobenen Vorwürfe früherer Stasi-Kontakte - mit dem Kunstpreis der Stadt Dresden. Pünktlich zum Geburtstag erschien jetzt bei Intakt Records die Scheibe "Dedications", auf der Sommer trommelnde Würdigungen an einstige Vorbilder versammelt hat.

Er ist in der kommenden Woche bei Meisterkursen an der Dresdner Musikhochschule zu Gast, gibt am 29. August im Rahmen seiner "Erstbegegnung" an der TU Dresden ein Konzert und wird am 11. Oktober in einem All-Star-Trio zum Gedenken an John Tchicai wieder im Jazzclub Tonne auftreten.

iDas Kulturmagazin "Aufgefallen" widmet ihm am Montag ((26.8.)) ab 22.05 Uhr eine Stundensendung (MDR 1)

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.08.2013

Michael Ernst

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