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"Nichts. Was im Leben wichtig ist": Inszenierung am Dresdner Staatsschauspiel nach Janne Tellers Jugendbuch

"Nichts. Was im Leben wichtig ist": Inszenierung am Dresdner Staatsschauspiel nach Janne Tellers Jugendbuch

Nach einem Grundstudium und Einsätzen in verschiedenen laufenden Inszenierungen treten die Mitglieder des Schauspielstudios Dresden, Studenten der Leipziger Hochschule für Musik und Theater, gemeinsam in einer Studioinszenierung auf.

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Szene mit Christine-Marie Günther, Lea Ruckpaul, Julia Keiling, Gregor Knop, Andreas Hammer, Jonas Friedrich Leonhardi.

Quelle: David Baltzer

Der neue Studio-Jahrgang 2011/12 präsentierte sich nun im Kleinen Haus mit einer Bühnenfassung nach dem Jugendbuch "Nichts. Was im Leben wichtig ist" von der Dänin Janne Teller unter der Regie von Tilmann Köhler.

Selten eignete sich ein Stoff besser als "Feuertaufe" für junge spielhungrige Schauspielstudenten wie dieses dünne, provokante Buch, mit dem die dänische Autorin im Jahr 2000 zuerst in ihrer Heimat, dann international für Aufregung sorgte. Das Buch beginnt mit dem lässig aufgeworfenen Zweifel des Siebtklässlers Pierre Anthon am Sinn des Lebens: "Nichts bedeutet irgendetwas. Deshalb lohnt es sich nicht, irgendetwas zu tun." Dann setzt er sich in einen Pflaumenbaum, bewirft seine Klassenkameraden mit Kernen und traktiert sie mit abgrundtiefen Gedanken: "In demselben Moment, in dem ihr geboren werdet, fangt ihr an zu sterben." Seine Mitschüler reagieren zuerst "klassisch" und bewerfen den Provokateur mit Steinen, dann kommt ihnen eine Idee zur Beweisführung des Gegenteils von Nichts. In einem stillgelegten Sägewerk soll heimlich ein "Berg der Bedeutung" entstehen, um es dem kleinen Rotzlöffel-Nihilisten Pierre-Anthon so richtig zu zeigen. Die Auswahl der Opfergaben startet harmlos mit grünen Lieblingssandalen, geht über Demütigung und Vergewaltigung und endet in Totschlag.

Keiner wehrt sich, keiner zieht die Notbremse in diesem brutalen Spiel um Bedeutung, bei dem die erwachsene Welt lange ausgeblendet ist. Erst am Ende tauchen die Erwachsenen in den Worten der Ich-Erzählerin Agnes auf und machen das Ganze noch schlimmer - mit Beschuldigungen, dann mit dem Ritterschlag des Bergs der Bedeutung zum Kunstobjekt und vor allem durch die falsche polizeiliche Schlussfolgerung über den Tod von Pierre-Anthon.

Die Schuld bleibt ungesühnt, die Schuldigen bleiben unbestraft, all die Fragen unbeantwortet. Gerade dieser "unpädagogische" Schluss brachte in Dänemark Eltern, Lehrer und Kirchenträger gegen das Buch auf, die sich schützend vor dem Zielpublikum junger Leser werfen wollten. Dies bewirkte genau das Gegenteil: Die Popularität des Buchs, auch als polemischer Lehrstoff, wuchs, die Autorin bekam Auszeichnungen.

"Nichts" hat also ein provokantes Thema, das eine beklemmende Wirkung entfaltet. Trotzdem ist "Nichts" ein Glücksfall für die Schauspielstudenten Christine-Marie Günther, Julia Keiling, Lea Ruckpaul, Andreas Hammer, Robert Höller, Thomas Kitsche, Gregor Knop und Jonas Friedrich Leonhardi. Sie sind vom Alter her nahe dran an die 13-14-jährigen Protagonisten und Regisseur Tilmann Köhler lässt ihnen Räume, um kindisch und laut zu sein. Die Studenten dürfen auch ein bisschen improvisieren, indem sie die im Publikum eingesammelten Gegenstände "von Bedeutung" phantasievoll interpretieren: ein Löffel wird der ersten Raumfahrtmission zugeordnet, ein Büchlein zum Termin-Kalender des Intendanten mit geheimen Informationen über die nächste Spielzeit erklärt.

Überhaupt beginnt alles als Spiel, die Zuschauer können schmunzeln, wie Eltern, die ihren gesunden tobenden Kindern auf dem Spielplatz zuschauen und jeden Quatsch lustig finden. Bühnenbildner Karoly Risz hatte die tolle Idee, bergeweise Holzpaletten auf der Bühne aufzuschichten, auf die herumgetollt werden darf. Das Bühnengeschehen wird auf eine große Leinwand aus der Vogelperspektive projiziert - dadurch entsteht eine zusätzliche dokumentarisch-voyeuristisch Ebene, ein schräges Überwachungs-Video.

In der Dresdner Inszenierung wird die Ich-Erzähler-Perspektive aufgelöst und als gemeinsame Erinnerung auf die Gruppe verteilt. Das unterstreicht noch die Gruppendynamik, den gemeinsamen Sog in zunehmende Gewalt, dem sich keiner der Schüler der Klasse 7a entziehen will oder kann. Was der Regie von Tilmann Köhler vor allem großartig gelungen ist, sind die vielen kleinen persönlichen Momente der Figuren bei ihren Opfergaben, die immer böser und perfider werden. Das erreichen die Darsteller durch schauspielerische Verwandlungen aus der Gruppe heraus: die Verwandlung in einen jungen Moslem namens Hussein, der seinen ihm heiligen Gebetsteppich abgeben muss, oder in einen verletzlichen homosexuellen Jungen, der das Tagebuch mit seinen intimsten Gedanken auf dem Berg der Bedeutung zu opfern hat. Auch für die szenische Umsetzung findet die Regie frische Ideen - die Szene auf dem Friedhof, wo ein kleiner toter Bruder als Bedeutungsträger aus dem Grab geholt wird, entsteht im düsteren Licht als Geräusch-Spiel. Eine der stärksten Szenen ist die faktische Vergewaltigung eines der Mädchen, von dem ihre Unschuld als Bedeutungsnachweis verlangt wird. Keine Worte, keine Schreie, das Mädchen ist hinter den Paletten verschwunden und nicht zu sehen, vier Jungen mit nacktem Oberkörper rennen minutenlang wie besessen im Kreis über die Palettenstufen.

Mit der letzten Dresdner Studioinszenierung auch in der Regie von Tilmann Köhler vor zwei Jahren, "Italienische Nacht" von Horváth, haben die Studenten vom Vorgänger-Studio einen Preis für ihre schauspielerische Leistung bekommen. Mit dieser "Nichts"-Inszenierung hat das gegenwärtige Schauspiel-Studio Dresden ebenso einen Preis verdient. Den begeisterten Beifall des Premieren-Publikums hat das Inszenierungsteam schon mal sicher in der Tasche.

Aufführungen: 7. und 13.4., Kleines Haus

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.04.2012

Bistra Klunker

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