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Nichts für schwache Nerven: Das Theaterstück "Dementia" im Festspielhaus Hellerau

Nichts für schwache Nerven: Das Theaterstück "Dementia" im Festspielhaus Hellerau

Es heißt, dass sich einst der Schweizer Schriftsteller Robert Walser (1878-1956) so halbwegs freiwillig in Heil- und Pflegeanstalten begeben habe, um als Gesunder in einer kranken Welt dem Wahnsinn zu entfliehen.

Szene aus "Dementia".

Quelle: Martón Ágh

Er sei zu den sogenannten Geisteskranken gekommen, meint dazu der Biograf Jürg Amann, um der Vergeblichkeit des Schreibens zu entgehen. Weil ja der Wahnsinn der Welt dadurch niemals ganz aufhöre. Und so werde das Schreiben selber zum Wahnsinn und deshalb habe er seinen Geist in den Ruhestand versetzt.

An diesen so außergewöhnlichen Dichter muss man unausweichlich denken bei der jüngsten Produktion des bekannten ungarischen Theater- und Filmregisseurs Kornél Mundruczó, der auf seine spezielle Weise den Faden eines "ganz normalen Wahnsinns" weiter gesponnen und daraus das verrückte Theaterstück "Dementia, or the day of my great happiness" gemacht hat, uraufgeführt im Oktober 2013 im Budapester Trafó Theatre. Eine Kooperation auch mit Hellerau, dem Europäischen Zentrum der Künste Dresden, und die beiden Aufführungen in ungarischer Sprache am Wochenende im Festspielhaus Hellerau haben in ihrer Eigenart das Publikum deutlich irritiert wie ebenso in den Bann gezogen.

Die wahre Geschichte daran ist, dass vor wenigen Jahren das psychiatrische Krankenhaus im Budapester Viertel Lipótvárus (Leopoldstadt) geschlossen wurde. Ein Investor hatte das alte Gebäude erworben, und die Patienten wurden "freigesetzt". Seither verfällt das Bauwerk. Und Mundruczó hat das Unfassbare in einer musikalisch-drastischen "Fortsetzung" quasi als Metapher für die aktuelle Situation in Ungarn auf die Bühne gebracht, gemeinsam mit Kata Wéber als Ko-Autorin und in Zusammenarbeit mit dem Team vom Proton Theatre. Da werden auch die Schaulustigen in Hellerau zur Besichtigung des Dilemmas zunächst durch jenen verfallenen letzten Krankensaal (Bühne/Kostüme: Márton Ágh) geführt. Denn mit "Dementia" gibt es wieder eine kleine, verschanzte Gruppe von Patienten, die mit dem für alles anfälligen Arzt sowie der jeglicher Verführung erliegenden Schwester eine Art Überlebensgemeinschaft bildet.

Das ist schon ganz schön heftig und verstörend, was da auf der Bühne wie auch in projizierten Videoaufnahmen passiert. Und manchmal möchte man gar nicht mehr hinschauen bei all diesen verschissenen, blutigen, lüsternen Exzessen. Doch da hilft ein sich erbarmendes Ausblenden über den quälenden Moment hinweg oder die Situation verändert sich überraschend. Und das Verstörende bekommt plötzlich etwas zutiefst Menschliches, weitet sich aus zu einem so kuriosen Geschehen, dass man mit dem Nachdenken gar nicht mehr hinterher kommt. Überhaupt lässt sich Mundruczó wohl in keine auch nur irgendwie geartete Schublade einpassen; launig zieht er das Publikum im "engen Bretterhaus" an Nase, Ohr und Zunge vom Himmel durch die Welt zur Hölle.

Doch die alles andere als heile Welt da draußen bricht ein in die verletzliche, bröckelnde Oase der Vergessenen in Gestalt eines windigen Geschäftemachers, der mit seiner wahrhaft beachtlichen Stimme die Musiktherapie des Doktors zum dissonanten Wohlklang aufwertet. So hat man manch Bekanntes wohl noch nie gehört, beispielsweise die "Herr Marquise"-Arie aus der "Fledermaus", begleitet von den stets einsatzbereiten "Spital-Musikern". Aber dem Scharlatan ist offenbar nichts heiliger als der Profit. Und dafür dürfen auch gern ein paar Schwache der Gesellschaft über die Klinge springen, werden übertölpelt mit allseits bekannten, erfindungsreichen Methoden, bis er schlussendlich selbst dran glauben muss.

Nicht alles, was Mundruczó an szenischen Mitteln verwendet, ist so gänzlich neu. Und die auch musikalisch ausgefeilten Ideen von Marthaler beispielsweise haben sich nun mal bei jedermann fest eingeprägt. Mundruczó aber erfindet das eben dann auf seine Weise. Wie in dem Moment, als das junge, verstörte Mädchen beim Öffnen der Kühlschranktür auf markante "Tonkonserven" stößt und verschreckt reagiert. Oder er nutzt manch aberwitzigen Einfall aus dem Patienten-Alltag, wo es schon mal vorkommen kann, dass kein kranker Zahn, sondern eben eine gesund-geschwinde Zunge extrahiert wird. Der Regisseur lässt einfach nichts aus, aber er vertraut auch dem Können und der Intelligenz seiner Darsteller. Sämtlich hervorragende Schauspieler, und allein daran hat man schon seine Freude.

Schwer war es nur für all jene, die sich dafür entscheiden mussten, ob sie nun mit den Augen beim Spiel bleiben oder auf die eingeblendeten deutschen Übersetzungen achten sollten. Und das war oft äußerst schwierig, führte bei einem Stück mit derartigem Wortwitz und politischer Brisanz zwangsläufig zu Fehlstellen. Kein Wunder also, wenn die Resonanz in Deutschland bei solchen Defiziten etwas verhaltener ausfällt. Aber auf die ungarische Sprache möchte man hier dennoch keinesfalls verzichten. Mundruczó war übrigens in Dresden auch schon beim 8. Festival Politik im Freien Theater mit seiner Inszenierung "Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein" dabei.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.03.2014

Gabriele Gorgas

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