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Nichts für schnelle Ohren - Neues Album der Dresdner Band "The Gentle Lurch"

Nichts für schnelle Ohren - Neues Album der Dresdner Band "The Gentle Lurch"

Das Leben ist nicht leicht. Vor allem dann nicht, wenn man die magische 30 mit Siebenmeilenstiefeln überschritten hat und irgendwo zwischen Arbeit, Familie und Supermarkt feststellen muss, dass sich hier so schnell nichts mehr ändert.

Lars Hiller von der Dresdner Americana-Folk-Band The Gentle Lurch, die jüngst ihre neue Platte Workingman's Lurch auf den Markt gebracht hat, nennt das im Gespräch "Handlungsmöglichkeiten einbüßen". Im ersten Titel der Platte "The Darkest Grove Of Pines" findet er dafür weitaus poetischere Worte: "Our prospects and our fears are wiggling - In and out of sight" (Unsere Perspektiven und Ängste kippeln - aus dem Blick und wieder rein). Die thematische Marschrichtung des Albums ist so schnell klar: Es geht irgendwie um die Pfade des Lebens, und die scheinen langsam ausgetreten.

Bei allem Weltschmerz, die Texte bewegen. ohne kitschig zu sein. und sind kryptisch genug, um Klischees aus dem Weg zu gehen - ein Liebeslied sucht man vergebens. Doch der eigentliche Leckerbissen ist die Musik. "To lurch" heißt soviel wie schlingern oder torkeln, und das ist auf dem Album Programm. Da wird das Tempo gewechselt. Minimalistisches Banjo und Gitarrengezupfe auf einmal mit Streichern hinterlegt - die der musikalische Tausendsassa Ludwig Bauer (ehemals Polarkreis 18) beigesteuert hat) - und schon sind sie wieder weg. Das gleiche gilt für den Gesang. Neli Mothes, die sich für das Songwriting für "Cannot", "Don't Tell My Brother" und "On How To Tamp Leaks" verantwortlich zeigt, löst Lars Hiller in ihren eigenen Liedern am Mikrofon ab. Das Ergebnis: Ein riesen Kontrast zwischen Hiller, der gerade in "Our Bodies Become The Ground" stark an Nick Cave erinnert, und Mothes, die viel souliger unterwegs ist und die Aufnahme erst richtig zugänglich macht.

Sperrig ist das dritte Album von The Gentle Lurch, das geschlagene sieben Jahre auf sich warten ließ, dennoch. Nichts für eben mal anhören und schnell runterschlucken. Der Vorteil: Auch nach dem zehnten Anlauf offenbaren sich neue Details, und auf einmal kann man es kaum erwarten, bis etwa der Refrain in "On How To Tamp Leaks" fasst schon kreischend und flehend in die gospellastige Strophe einschleift und dem Groove damit ein abruptes Ende bereitet - absolut hörenswert.

Das mit anderer Musik zu vergleichen, fällt schwer. Lambchop - eine der Lieblingsbands von Hiller - und Iron And Wine drängen sich auf oder die bereits erwähnten Nick Cave and the Back Seeds. Wenn Neli Mothes singt, klingt es manchmal ein bisschen nach den Smashing Pumpkins ohne harte Gitarrenriffs. Aber das sollte man, um die Folkseele zu schonen, sicher nicht zu laut sagen.

"Ich bin stolz auf die Aufnahme und kann das Album auch jetzt noch hören. Was bei eigenen Sachen eher selten ist", bestätigt Hiller den Eindruck und berichtet, dass die Band, die neben Gründungsmitglied Frank Heim mit Timo Lippold am Bass und Ronny Wunderwald am Schlagzeug Zuwachs bekommen hat, lange an Workingman's Lurch basteln musste. Grund dafür sei auch, dass eben alle Bandmitglieder berufstätig sind - die schöne Studentenzeit ist nunmal vorbei. "Wir haben aber vor allem viel Zeit im Proberaum verbracht und versucht, uns im Vergleich zu den alten Sachen anders zu orientieren. Da musst du so lange probieren, bis es dich anspringt".

Die eigentliche Produktion übernahm dann der in Nashville ausgebildete Johannes Gerstengarbe, der seit vergangenem Jahr u.a. mit seinen Ballroom Sessions im Hechtviertel auf sich aufmerksam macht. Die Aufnahmen entstanden in Gerstengarbes Studio in der Alten Schokoladenfabrik in der Johannstadt. Die Umgebung musste als Inspirationsquelle für das Albumcover herhalten. Zwei Männer in Blau lehnen unscharf an einer Hakenstange für Wäscheleinen, wie man sie zwischen Ost-Plattenbauten findet, ein WBS 70-Block dient dann auch als Hintergrund.

Die Platte ist auf CD und Vinyl beim Dresdner Label K&F Rekords - Hiller arbeitet hier - erschienen. K&F ist gerade, wenn es um Folk und Ähnliches geht, eine gute Adresse. So zeigt sich das Label auch für das Sound of Bronkow Festival verantwortlich. The Gentle Lurch traten hier leider nicht auf. Dafür spielen sie am 21. Oktober, 20 Uhr, im Societaetstheater. Die Karten kosten 12 Euro an der Abendkasse und 10 Euro im Vorverkauf.

Workingman's Lurch, KF Records, ISBN: 4250137204475

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.09.2014

Hauke Heuer

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