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Nicht lustig, aber -Volker Pispers im Schauspielhaus Dresden

Nicht lustig, aber -Volker Pispers im Schauspielhaus Dresden

Nehmen wir an, Volker Pispers wirft die gängige Internet-Suchmachine mit G an und hört beim Eintippen seines Vornamens nach dem K auf. Er belegt trotzdem einen ordentlichen Platz, allerdings hat er das Volk vor sich, einen Autokonzern und eine Bank.

Pispers befindet sich also in trefflicher Gesellschaft. Drei Lieblingsziele seiner kabarettistischen Dartpfeile in unmittelbarer virtueller Umgebung. Zack! Mittenrein! 50 Punkte.

Politisches Kabarett, das gute, ist nicht lustig. Oder es ist nur lustig, um zu ködern und sich danach schmerzhaft in Herz, Hirn und Hornhaut zu verhaken. Natürlich wurde auch diesmal im ausverkauften Dresdner Schauspielhaus wieder gelacht. Denn Volker Pispers gehört zu den wenigen Speerspitzen in Deutschland, die politisches Kabarett nicht als Fähnlein schwenken, sondern mit Inhalten füllen. Er hofft wohl darauf, dass die vielen Lacher am Abend den langen Gedankengang am Tage danach öffnen, nicht verschütten mögen. Er füttert mit schnellen Bonmots an, bedient galant Erwartungen, kontert sie aber ebenso geschickt wieder aus. Volker Pispers ist nicht Georg Schramm, kein Schauspielerkabarettist, der in Rollen schlüpft und Rampen ausschreitet. Pispers wirbelt nur etwas Staub auf, wenn er ins Schwadronieren kommt. Das, was er stehend sagt, sitzt. Zumeist.

Pispers hatte kein neues Programm dabei, sondern "aktualisiert ständig das alte", wie er es nennt. Wieder kommen am Ende 160 Minuten total dabei heraus, wieder ist es ein Kraft-Paket des Vordenkens und -tragens, und natürlich vertrüge diese Mischung aus älteren sowie neuen Texten Straffung, den Verzicht auf die eine oder andere schon durchs Fernsehen oder von Auftritten bekannte Passage. Pferdefleisch in der Lasagne, Vogelgrippe, eine Lapidarie wie der Vergleich der Kanzlerin mit dem Loriot-Hund oder ein Satz wie "Angela Merkel ist der FC Bayern München der deutschen Politik, allerdings halt ohne Pep", sind eigentlich unter Pispers-Level. Doch der 56-Jährige besitzt mutmaßlich festen Glauben daran, dass es immer wieder Menschen gelingt, Karten für seine Auftritte zu ergattern, die ihn noch nie erleben durften, die also neu sind "im Zirkel". Und den anderen scheint es völlig egal zu sein, zum zweiten oder x-ten Mal seine Einfälle zu goutieren. Denn wenn Volker Pispers kommt, ist das Volk einfach mal Publikum, mittendrin im "folgenlosen Um-die-Ohren-Schlagen der eigenen Meinung".

Fangen Sie an, in Zusammenhängen zu denken!

Es scheint, als würde Pispers mit dem ersten nur den zweiten Teil des Abends vorbereiten. Letzteren beginnt er so: "Wir müssen über den Kapitalismus sprechen." Was folgt, ist eine straffe, in Phasen vehement anklagende Fortsetzung der Reihe "Dresdner Reden" am selben Ort. Vor der Pause klang das mit typischen Zahlenspielen zu Riester-Rente, Grundsicherung und Aufstockern an. Dann aber ging es um Religionsersatz ("Man kauft Dinge, die man nicht braucht, von Geld, das man nicht hat, um Menschen zu beeindrucken, die man nicht leiden kann.") und Schuldenschnitt ("Sparen in Spanien, Griechenland, Portugal - für diese Methode muss es warm genug sein."), um systemverändernde Dinge, endlose Versprechen, Abgrund, Arroganz und Lethargie. Pispers analysiert, heruntergebrochen auf Alltagsdeutsch, weltweites Zinsgerangel, die "Relevanz" von Banken, das Schüren kollektiver Angst. Er bohrt und bohrt noch mal nach, verfällt auch ins Pauschalisieren (Lieblingsthema: DIE Medien), fängt sich aber immer wieder auf, indem er einfach Wir sagt.

Nicht die Spur brenzlig wird diese Situation: Volker Pispers begegnet einem starken Beifall im Schauspielhaus mit den Worten: "Das Furchtbare ist, dass ein Großteil der Menschen, die hier klatschen, bei der letzten Wahl eine Partei gewählt haben, die Politik im Land nur für die zehn Prozent Reichen macht." "Stimmt nicht", kommt es aus dem Zuschauerraum. Pispers: "Ich habe gesagt, ein großer Teil. Fangen Sie an, in Zusammenhängen zu denken!" Fünf Parteien bringen bei jeder Wahl 80 Prozent - noch Fragen?

Volker Pispers hat seine Themen und Personen im Über-Blick. Er spricht Gauck, von der Leyen und Bosbach direkt an, wirft gezielt die Contenance von sich ab, als er Alice Schwarzer eine "dumme Punze" nennt, Hoeneß, Vettel, Schumacher und Beckenbauer ihren Ruf als Idole abspricht, sie stattdessen als "asoziale egoistische Drecksäcke" bezeichnet. Auch wenn er nach Steigerungsformen von Arschloch und Verarsche sucht, erinnert er eher an den latent zynischen Ton seines Kollegen Dietmar Wischmeyer. Auch ihm steht das gut.

"Ich mach' seit 31 Jahren politisches Kabarett über dieselben Themen: Rente, Steuergerechtigkeit, Gesundheit, Bildung, Arbeitslosigkeit. Doch die Altersmilde kommt bei mir nicht.", sagt Volker Pispers. Das zumindest soll so bleiben. Denn gestern, heute, morgen ging und geht es ums Sinne schärfen, um genaues Hinhören, Hinsehen. Und am Lack kratzen! Es hat meistens mit den anderen zu tun, in entscheidenden Momenten aber mit uns.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.04.2014

Andreas Körner

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