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Nicht jeder Schuss trifft: "Annie Get Your Gun" an den Landesbühnen in Radebeul

Nicht jeder Schuss trifft: "Annie Get Your Gun" an den Landesbühnen in Radebeul

Sie schießt mit der Knarre dem Pfarrer die Zigarre aus dem Mund, weil sie klar sehen kann. Sie schießt eine Fliege dem Baby von der Wiege, die geniale Scharfschützin Annie Oakley in dem Musical-Klassiker "Annie Get Your Gun" mit den Ohrwürmern von Irving Berlin, von dem auch die Liedtexte stammen im Buch von Herbert und Dorothy Fields.

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Die Liebe zum Schießen vereint Annie (Susanne Engelhardt) und Frank (Michael König).

Quelle: Hagen König

Unaufhaltsam war der Siegeszug des Stückes seit der Uraufführung, am 16. Mai 1946, im New Yorker Imperial Theatre am Broadway. Die erste deutsche Fassung gibt es schon ein Jahr später in Wien, in Deutschland erobert die treffsichere Annie den Westen und den Osten.

Diese so sagenhafte wie treffsichere Annie gab es wirklich. Sie hieß Phoebe Ann Moses, kam aus einfachen Verhältnissen, hatte keine Schule besucht und sich das Schießen selbst beigebracht. Sie tourte als Schieß-Star in einer Wild West Show, setzte an und traf, auch das Herz ihres Konkurrenten Frank Butler, dass die beiden heirateten, ist ebenso historisch verbürgt wie die Tatsache, dass der legendäre Häuptling Sitting Bull von dieser Frau begeistert war, dass er sie wirklich adoptierte, ist urkundlich bisher nicht nachweisbar.

Die echte Annie starb 1926. Seit ihrer musikalischen Auferstehung zwanzig Jahre später am Broadway ist sie einfach nicht von den Bühnen zu kriegen.

Das Musical mischt der Historie viel Herzschmerz bei. Auf immer neuen Umwegen soll die Spannung gehalten werden: Kriegt Annie ihren Frank oder nicht? Zu allem Übel macht die Show in der Show auch noch pleite. Aber die der Konkurrenz auch. Armut macht erfinderisch, beide schmeißen die Schulden zusammen und schießen gemeinsam wieder Geld in die Kasse.

Auch wenn Annies Trick am Ende, auf weisen Rat von Sitting Bull hin, den Macho-Meisterschützen im finalen Wettkampf gewinnen zu lassen, neuesten feministischen Standards nicht mehr entspricht, ihre Schüsse mit Musik und Tanz haben längst die Herzen des Publikums getroffen. Annie siegt. Allerdings bleibt zu bezweifeln, ob es wirklich der Volltreffer ihres Lebens ist, den Macho zu heiraten. Aber nach gut drei Stunden muss Schluss sein, ganz klar, mit Happy End.

In der neuen Inszenierung der Landesbühnen von Manuel Schöbel, in der Ausstattung von Tilo Staudte mit Christian Voss am Pult der Elblandphilharmonie, kürt das Publikum Susanne Engelhardt als Annie und Michael König als Frank zu den Siegern des Abends. Anlaufschwierigkeiten haben sie beide. Und wenn sie das Duett singen "Alles was du kannst, das kann ich viel besser", dann heimst sie auch hier die höhere Trefferquote ein.

Aber wie heißt es im von Frank Tannhäuser überarbeiteten und auch noch ergänzten Text: "Alles hat seine Zeit". Und auch wenn es den schönen Song gibt "Weil es ganz von selber geht...", Tempo und flotte Eleganz der Dialoge im ziemlich wortreichen Stück stellen sich eben nicht von selber ein, etwas mehr Pfiff und Pointensicherheit, auch straffere Regie, hätten ganz gut getan.

So bleibt der Premierenabend ziemlich brav. "There's No Business Like Show Business", in vielen Varianten unabhängig von diesem Stück be-kannt geworden, ist so etwas wie das Hauptmotiv des Musicals. Die pfiffige Musik ist das eine, die choreografischen Vorgaben von Winfried Schneider haben in der Ausführung durch das große Ensemble, bei dem auch Mitglieder des Chores kleinere Rollen übernehmen müssen, nicht immer etwas von eben jener besungenen Show, die in den Videozuspielungen historischer Plakate und Anzeigen immerhin als die größte der Welt angekündigt wird.

Die größte Show in Radebeul dürfte es aber immerhin derzeit sein. Schade auch, dass Naturkind Annie nicht wie im Original des Musicals Macho Frank vollends in die Schranken weist, wenn sie vom Motorrad aus alle Zielscheiben treffsicher zu Fall bringt. In der Landesbühnen-Show schwingt sie auf einer Schaukel, das wirkt ein wenig gemütlich. Sehr hübsch überrascht Susanne Engelhardt das Publikum mit einer kleinen Steptanzeinlage, charmant eingerahmt von den Tänzern Till Geier und Marc Wandsleb. Als indianisches Orakel in einer schwebenden Choreografie an hängenden Tüchern verblüfft Wencke Kriemer de Matos. Und wenn die beiden Herren der Tanzkompanie zum Schlussapplaus einfach nicht mehr still stehen können und ihnen der Rhythmus in die Glieder fährt, dann ahnt man etwas von den Möglichkeiten, die vielleicht noch nicht ganz angemessen ausgeschöpft werden konnten.

Herzlicher Applaus im ausverkauften Stammhaus der Landesbühnen in Radebeul. Deftig, zum Mitklatschen, spielen dazu die Musiker der Elblandphilharmonie, jetzt ohne Dirigenten, was hoffentlich nicht missverstanden wird als Angebot für ministerielle Herren des Rotstiftes.

weitere Aufführungen in Radebeul: 16. & 23.3., 30.5.

www.landesbuehnen-sachsen.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.01.2014

Boris Gruhl

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