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"Neuverhandlung 25" - Dresdner Sezession 89

"Neuverhandlung 25" - Dresdner Sezession 89

Jubiläums meldet sich die Künstlerinnenvereinigung Dresdner Sezession 89 mit einer Ausstellungsreihe zu Wort. Seit einigen Wochen lädt Nummer eins in den Neubau des Justizzentrums in der Roßbachstraße am Sachsenplatz, in dem seit Eröffnung bereits ein mehrere Wände überspannendes Kunstwerk von Kerstin Franke-Gneuß die Aufmerksamkeit auf sich zieht.

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Angela Hampel. Bettina von Arnim und Karoline von Günderrode, Mischtechnik auf Papier. Zu sehen in der Ausstellung in der Galerie Mitte bis 13.9.

Quelle: flyer

Anlässlich ihres 25. In der kleinen aktuellen Schau verweisen 14 Sezessionistinnen mit jeweils einer Arbeit auf ganz unterschiedliche künstlerische Herkünfte: Christa Donner, Kerstin Franke-Gneuß, Angela Hampel, Christine Heitmann, Karin Heyne, Bärbel Kuntsche, Christiane Latendorf, Gerda Lepke, Kerstin Quandt, Gabriele Reinemer, Thea Richter, Annerose Schulze, Petra Vohland und Irene Wieland. Die meisten der Genannten und die Galeristin Karin Weber (Galerie Mitte) waren bereits am 19. Dezember 1989 unter den 23 Gründerinnen. Mit Christiane Latendorf und Irene Wieland sind aber auch Mitglieder jüngeren Datums beteiligt.

Es ist (nicht nur angesichts des Ortes) kein Zufall, dass die Präsentation "Neuverhandlung 25" heißt. Dazu macht es Sinn, sich der Gründungsphase der Sezession zu erinnern, die mit dem Ende der DDR zusammenfiel. Die Wurzeln der Idee einer Selbstorganisation von Künstlerinnen liegen also in einer Zeit, als viele im Osten Deutschlands noch meinten, eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen, sich zugleich aber zeigte, dass es auf grundsätzliche Probleme mit dem Verweis auf die Lösung der Klassenfrage keine Antwort gab.

Das galt für die Emanzipation der Geschlechter wie die Ökologie, von der Demokratie ganz zu schweigen. Künstlerinnen sahen vieles - etwa hartnäckige patriarchalische Strukturen - wohl mit besonderer Sensibilität. Zugleich fanden sie wenig Gehör und Verständnis - auch unter Kollegen. Wenn sich insgesamt in der Kunst in den 1980ern vieles bewegte, so bedurfte die auf emanzipatorische Aspekte verweisende Stimme zusätzlicher "Lautstärke", um sich Gehör zu verschaffen, wurde sie doch oft als "Nebengleis" abgetan. Es gab also gute Gründe für eine Künstlerinnenvereinigung. Das Jahr 1989 mit seinen vielen demokratischen Ansätzen bot die besten Voraussetzungen für eine auch organisatorische Etablierung, die schließlich im Frühjahr 1990 ihren Abschluss fand.

Wer in die beiden großen Kataloge schaut, die zum einen ziemlich am Beginn der Existenz der Vereinigung anlässlich einer Ausstellung 1992 in Salzburg und zum anderen anlässlich des Zehnjährigen 1999 entstanden, wird an die ungeheure Lebendigkeit dieser Jahre erinnert, das Zusammenwirken mit anderen Kräften wie dem Unabhängigen Frauenverband oder Greenpeace, aber auch den vielfältigen Austausch mit Künstlerinnen in West und Ost. Zugleich war dies durchaus eine Zeit voller Verunsicherungen, die sich nicht zuletzt im wiederholten, wegen neuer Nutzung der Immobilien ergebenden Wechsel der Galerieräume manifestierten. Die Galerie Comenius fiel an eine Bank, die Galerie Nord war bald sanierungsbedürftig. So wurde die galerie drei in der Prießnitzstraße 1996 zum Domizil.

Besonders im Gedächtnis geblieben sind Aktionen im öffentlichen Raum, die oft viele hundert Menschen anzogen (einige Skulpturen blieben in der Stadt als Spuren zurück - etwa Angela Hampels "Undine" an der Elbe in Pieschen). 1993 entstieg "Melusine" dem Zwingerteich, 1994/95 machte "Mnemosyne" künstlerisch auf alte Umweltsünden aufmerksam: Das Projekt wurde entlang des (teils verrohrten) Kaitzbaches realisiert, erstreckte sich bis zur Prießnitz. Höhepunkte waren wunderbare Aktionen am Zwingerteich und am Carolasee. Gewiss nicht zufällig ist "Mnemosyne" nun auf der Ostrale wieder "aufgetaucht", fand unter diesem Motto doch wohl eine der wirkmächtigsten Aktivitäten der Dresdner Sezession 89 statt.

Die vergangenen 25 Jahre waren und sind bekanntlich für die gesamte deutsche Gesellschaft von tiefen Wandlungen gekennzeichnet. Diese schlagen selbstverständlich auch auf die Künstlerinnenvereinigung und jede einzelne Beteiligte durch. Das fängt bei reduzierten Fördermitteln an und hört bei den auch die Kultur immer stärker durchdringenden Marktmechanismen keineswegs auf. Die Erfolgsstrukturen des Kunstmarktes dürften hochgradig männlich geprägt sein, selbst wenn sich im schwer durchschaubaren Kulturbetrieb und als Galeristin viele Frauen tummeln. Der Glaube - und einzelne erfolgreiche Frauen scheinen dies zu belegen -, dass in der kapitalistischen Gesellschaft nur die eigene Leistung zählt, ist hartnäckig. Die Diskussion um die "Quote" belegt es. Und dann ist da noch der überall bemerkbare, medial verstärkte Sexismus.

Wenn die Sezession nach 25 Jahren noch besteht, ist das auch ein Erfolg hinsichtlich der Interessenwahrung von Künstlerinnen und ebenso ein Zeichen von möglicher (weiblicher) Solidarität. Immer noch gilt: Gemeinsamkeit macht stark, vorausgesetzt die Zusammenwirkenden haben selbst eine gewisse Stärke, ein Bewusstsein für gemeinsame Interessen und die Bereitschaft, etwas dafür zu tun. Dass dieses Zusammenwirken unter sich wandelnden Bedingungen immer wieder neu hergestellt werden muss - auch dies drückt der Ausstellungstitel "Neuverhandlung 25" aus. Es ist ein sinnreiches Motto, dass vom Bewusstsein spricht, dass man sich selbst immer wieder wandeln muss, um Impulse zu senden für Wandlungen über das unmittelbar Eigene hinaus - auch, um neue Sezessionistinnen zu gewinnen.

Bis 10.9., Justizzentrum Roßbachstraße, Mo-Do 8-16, Fr 8-14 Uhr

Weitere Ausstellungen: KünstlerINNEN, Galerie Mitte, bis 13.9.; omnis diversitas, Palais im Großen Garten, ab 5.9. bis 5.10., Vernissage: 4.9., 17 Uhr; jubilé, galerie drei, 29.11. bis 3.1., Vernissage: 28.11., 19.30 Uhr; Mnemosyne-Wasser-Kunst-Weg auf der OSTRALE`014, bis 28.9.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.08.2014

Lisa Werner-Art

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