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Neustart nach hartem Schnitt

Bautzener Bühnenvolk Neustart nach hartem Schnitt

Gestern war der erste Bühnenvolkabend der Neuzeit, oben auf dem Burgtheater, über den Dächern von Bautzen. Geboten wurde Oliver Bukowskis „Nach dem Kuss“ – eine zeitgenössische Ode an die Kraft der Liebe auch in schweren sozialen Randgruppenzeiten.

Anspruchsvoller Stoff für den Neustart: Das Bautzener Bühnenvolk brachte gestern Oliver Bukowskis „Nach dem Kuss“ im Burgtheater zur Premiere.

Quelle: Lena Schwing

Bautzen. Gestern war der erste Bühnenvolkabend der Neuzeit, oben auf dem Burgtheater, über den Dächern von Bautzen. Geboten wurde Oliver Bukowskis „Nach dem Kuss“ – eine zeitgenössische Ode an die Kraft der Liebe auch in schweren sozialen Randgruppenzeiten mit dynamischem Trunkentum.

Das wäre nicht weiter erwähnenswert – spielt hier eine Amateurtheatergruppe per Einmietung im Puppen- und Studioneubau des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters –, ginge der Premiere nicht eine Odyssee voraus, die in Dresden am 24. Februar 2015, 2.02 Uhr morgens, per Grimassennetzwerk publik wurde. Denn auf Einladung von Spielbrett, der ältesten freien Theatergruppe der sächsischen Neuzeit, die just heute ihren 30. Ehrentag mit einer großen Gala im Micktener Theaterhaus Rudi bis tief in die Nacht feiert, war hier drei Tage zuvor das Steinhaustheater Bautzen mit „Celestina“ zu Gast. Im von Spielbrett öffentlich wirksam geteilten Aufschrei heißt es: „Liebe Fans. Ich habe das traurige Los, Euch mitzuteilen, dass das Steinhaustheater nicht mehr existiert.“ Dieses Dresdner Gastspiel sei die letzte Vorstellung – nach „über 21 Jahren erfolgreicher Theaterarbeit mit über 100 Mitspielern, 14 Inszenierungen, unzähligen Vorstellungen“.

Es sollte der letzte Akt der Ära sein, die ebenso blumig beschrieben startete, wie sie endete. „Alles begann Anfang der 90er Jahre. In einer Stadt, wo die letzte echte Kneipe einem Konsumtempel geopfert wird. Genau damals versammelten sich etwa 20 vom Sandmann verschonte, aber von Neugier Getriebene im einzigen, schon vom Baudreck gesäuberten Raum des Steinhauses – der Küche – und gründeten jenes einzigartige Amateurtheater. Leiter und Gründungsmitglied der Gruppe ist der Schauspieler und Regisseur Hans-Michael Linke, der auch fast alle Stücke inszeniert und betreut.“ Diese Botschaften sind dem spezifischen Humor von Linke zu verdanken, der auch Warnungen wie „Achtung, unaufgefordert eingesendete TV-Zeitschriften, Emails, Textbücher oder verschrottete Fernsehapparate werden niemals zurückerstattet!“ ins Impressum schreibt. Nun, siebeneinhalb Monate später, ist er wieder oben auf, auch wenn die alte Netzpräsenz immer noch weit mehr als die neue erzählt, die vorerst als statische Visitenkarte nur Stücktitel, Spiel- und Trainingsstätte verrät.

Auch mag er gar nicht mehr ans Steinhaus denken, das als eines von vier großen soziokulturellen Zentren in der Lausitz in den vergangenen drei Jahren für über vier Millionen Euro eine üppige Runderneuerung erfuhr und heuer so clean aussieht wie eines dieser unsympathisch modernen Würfelhäuser, die sich im Dresdner Stadtzentrum ungeheuerlich vermehren. Auch der nagelneue Theatersaal ist technisch top – mit dem 48-stelligen Mischpult könnte man ein ganzes Sinfonieorchester aussteuern. Nur Platz für sechs Theatergruppen, darunter zwei Puppen- und ein Schwarzlichttheater, die früher hier probten und auftraten, ist leider nicht mehr.

Heute findet man unter „Tanz und Theater“ wöchentliches Breakdancetraining für Kinder und Jugendliche für fünf Euro pro Monat und Improtheater mit Nadja Kruse aus Großhennersdorf für zehn Euro. Echte Bühnenauftritte verstecken sich derweil nur unter dem Punkt „Kabarett/Kleinkunst“, der einzige Termin bis zum Jahresende war gestern „Gallensteins Lager“ der Dresdner Herkuleskeule – also genau zeitgleich mit Linkes Premiere, aber die Karten jeweils zehn Euro teurer. Für Linke war schon Ende 2014 Schluss, sein freier Honorarvertrag wurde einfach nicht verlängert, nachdem er mit seiner Truppe drei Gastspiele auf eigene Faust, Vorkosten und Abrechnung organisiert hatte. „Wir hatten einfach die Nase voll vom Betteln um Termine und Werbung, dem Steinhaus sind dadurch keinerlei Aufwand oder Schaden entstanden“, erklärt Linke heute den Abschied, den alle bis auf einen mitmachten. Damit habe man den Geburtsfehler, als Amateurtheatergruppe damals keinen eigenen Verein gegründet zu haben, behoben.

Auch hatte er gute Argumente respektive Kontakte, um eine Bank, eine städtische Gesellschaft und das Bautzner Theater zu überzeugen, den Neustart zu wagen. So kamen Gelder, ein Probenraum und die neue Spielstätte rasch zusammen – zumal Linke als Ex-Schauspieler einst für zwei Jahre das Sorbische Studio leitete. „Eigentlich wäre Volksbühne programmatisch der beste Name für uns – aber aus Respekt vorm Berliner Original und dem Theater haben wir es rumgedreht“, erklärt er schmunzelnd den neuen Namen, der demokratisch per Doodleliste abgestimmt sei. Sein bestes Argument: Wenn Google antwortet: „Meinen Sie Bienenvolk?“, dann sei der Name schon recht originär bis originell.

Der gleichnamige Verein hat inzwischen 15 Mitglieder, zehn davon stehen selbst auf der Bühne; Linke, der Oliver Bukowski persönlich kennt, führt wie gehabt Regie. „Wissen Sie, ich bin kein Misanthrop. Ich will nicht Blut, Kotze und Sperma auf der Bühne“, erklärt er die Stückwahl. Hier liebe der Autor seine Figuren, die auch als Hartzer der Liebe Aufschrei spürten.

Während die gestrige Premiere im Burgtheater Bautzen, Ortenburg 7, fast ausverkauft geriet, gibt es für heute um 19.30 Uhr noch Karten an der Abendkasse. Da ist Linke aber als Gratulant bei Spielbrett in Dresden, wo sich für ihn der Jahreskreis schließt.

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