Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Google+
Neugier gewinnt: Das Thalia Gardens Festival in Dresden beginnt

Neugier gewinnt: Das Thalia Gardens Festival in Dresden beginnt

Ohne Neugier wird es nicht gehen. Das Thalia Gardens Festival (TGF) ist auch in seinem zweiten Jahrgang nichts für Freunde von gesetzten Nummern, für das Abarbeiten reißbrettartig gezogener Formen und Strukturen.

Voriger Artikel
Zwischen Zoten und Poesie: Ina Müller zu Gast in Dresden
Nächster Artikel
Lustspiel als Leibesreigen: "Die Hose" im Societätstheater Dresden

Das zweite Mal beim Thalia Gardens Festival dabei: Die Mighty Oaks aus Berlin, bestehend aus (v.l.) Ian Hooper (USA), Claudio Donizelli (Italien) und Craig Saunders (Großbritannien).

Quelle: PR

Entdeckerlust ist gefragt. Überraschungs- und überwälti- gungsfreie Zonen wird es keine geben, dafür je eine Bühne im Saal des Kinos Thalia auf der Görlitzer Straße, im Bar-Foyer und vor allem im lauschigen Lauschgarten. Das Wetter wird mitspielen - es ist angerichtet. Und wer auch nur mit einem Löffelchen Interesse mehr die Alltags-Arbeit der Organisatoren Stephan Raack (Thalia) und Paul Simang (Sunset Mission) verfolgt, wird merken, dass das sehr eigene TGF-Konzept auf vorzügliche Weise deren Ideen für zeitgemäße Kulturangebote und künstlerische Wertevorstellungen bündelt. Wenn es eines Codewortes bedarf, so lautet es "Relevanz".

Die offen- und engluftigen Räume bekommen nationale und internationale Künstler, die wirklich zu ihnen passen. Lagoonbird ist eine Einmann-Band. Der Betreiber heißt Rune Simonsen, und böse Kenner-Zungen würden am liebsten behaupten, damit kehre der Norweger zu seinen Wurzeln zurück. Denn als führender Songschreiber und Komponist für Washington, später Mount Washington, hat er die schlichten Strukturen von akustisch dominierten Songs wiederentdeckt, nachdem die Stammband zuletzt einen nicht gerade stimmigen Flirt mit flachem Synthi-Pop eingegangen ist. Da hat der temporäre Wohnsitz Berlin für die Truppe einen nicht unbedingt guten Einfluss gehabt. Was nicht heißt, dass die nord-nordische Heimat Tromsø allein für das gedämpfte im Folk zuständig war. Zum TGF kommt Simonsen solo und mit dem Material der 2014 erscheinenden CD, die schon einen Namen hat: "Parliament Of Owls". Dass sie von Lichte beschienen sein wird, steht schon fest.

Mohna ist Minimalistin und bedient sich trotzdem einem üppigen Instrumentarium sowie Modulationen ihrer aparten Stimme. Die Hamburgerin raunt, säuselt, flüstert, bangt, betet, und das auf sanften Beats, flockigem Plick und Plack, auf eingeworfene Sprengsel von Bass, Klavier, Klarinette, Spieluhr. Seit 2009 zieht sie damit solo durchs Land, nachdem sie zuvor bei der Elektronik-Pop-Band Me Succeeds an Keyboard und Mikro stand. Im Vorjahr erschien Mohnas zweite CD namens "The Idea Of It". Und wenn es den Prototyp für eine "Isländerin von hier" gibt - Mona Steinwidder ist es!

Gabriel Miller Phillips erzählt die Geschichte seines "Karrierebeginns" mittlerweile nicht mehr so gern. Weil er weiß, dass es eh geschrieben wird, wenn es um Konzerte mit ihm geht. Da der US-Amerikaner jetzt aber in Dresden debütiert, dürfen wir noch. 21 Jahre war Miller Phillips alt, als er in seinem Heim in Massachusetts darniederlag. Gezwungenermaßen. Mehrere Operationen am Bein fesselten ihn über zwei Jahre lang ans Bett, "Streckung der Knochen", so lautete die Therapie. Der Singer/Songwriter brachte sich also liegend in Fahrt, komponierte, bastelte Stimmungen und Sounds, veröffentlichte die EP "Shoot The Moon". Für den ersten Longplayer konnte er endlich wieder laufen, flog nach New York, schnappte sich Musiker von Phosphorescent, Regina Spektor und Antony & The Johnsons, pumpte die vorerst spartanischen Songs auf, ohne den Folkrock-Kontext zu verlassen. Interessanter Mann!

Selbst die Mighty Oaks haben endlich ihren ersten Tonträger fertig. "Just One Day" erschien als EP vor wenigen Tagen, trotzdem haben sie gerade in Dresden längst Fuß gefasst. Nicht zuletzt, weil sie beim ersten Thalia Gardens zu den herausragenden Acts gehörten. Das in Berlin lebende internationale Trio, bestehend aus Ian Hooper (USA), Craig Saunders (Großbritannien) und Claudio Donizelli (Italien), hat sich zunächst auf Bühnen geschunden, bis ein Tonträger gewachsen ist. Gut, im Vorprogramm der Kings Of Leon zu stehen, wie kürzlich auf der Berliner Waldbühne, kann man nicht unbedingt als Schinden bezeichnen, aber das Tagesgeschäft sieht bekanntlich anders aus.

Auch A Forest arbeiten noch am ersten Album. Sie stehen also ebenso für einen wichtigen Aspekt der Thalia-Gardens-Idee, keine "fertigen" Künstler zu präsentieren, die einfach innerhalb eine Reihe von Sommerkonzerten in Dresden spielen, sondern sich an einem "losen" Punkt ihrer Laufbahn befinden. A Forest ist dabei ein Trio, das Electronics mit verschiedenen Kammerspielarten des Pop verbindet. Electro-Pop und Klavier vereinen sich auch bei der jungen Dänin Jenny Rossander alias Lydmor, während beim Liverpooler Douglas Dare der Fokus vor allem auch auf der handgeschriebenen Lyrik liegt. Aus Gedichten und Kurzgeschichten entstehen bei ihm die Songs.

Der große Erfolg der Live-DJ-Sets im Foyer des Thalia nach den Konzerten im Garten und im Kinosaal führte in diesem Jahr zum Ausbau dieser Nachtschichten. Die gesamte Palette von Minimal, Progressive, House, Dubstep, Techno, Hip Hop bis Disco-Retro werden sich in den Auftritten von gleich acht Projekten wiederfinden.

Begonnen und beendet wird das 2013er TGF mit - klar, an diesem Ort - einem Film. An selber Stelle war vor geraumer Zeit schon der erste Efterklang-Streifen "An Island" zu sehen, Stephan Raack holte die grandiose Entdecker-Doku "Searching For Sugar Man" nach Dresden - hier hat also auch Efterklang-Film Nummer 2 seinen idealen Platz, nachdem die dänische Band vor wenigen Wochen wieder live in der Stadt war. Und "The Ghost Of Piramida" ist für die Leinwand bald wichtiger, spannender und essenzieller als die letzte Efterklang-Platte. Die heißt zwar auch "Piramida", gibt sich musikalisch aber mit einem transparenten Pop-Gewand zufrieden. Nur entfernt sind einige der über 1000 Feldaufnahmen zu hören, die Efterklang auf ihrer Neun-Tage-Expedition in eine verlassene russische Satellitenstadt unternommen haben. Die 1998 stillgelegte Bergarbeiterstadt Pyramiden liegt in Spitzbergen, hoch über dem Nordpol. Bizarr und mystisch erzählt sie mit menschenleeren Fabrik- und Wohngebäuden eigene Geschichten. Efterklang spielten mit rostigen Badewannen und Ölfässern, vollen Aktenordnern, verwaisten Klavieren, Stahl, Rost, Holz, so, wie sie für Vincent Moons "An Island" ihre Kindheitsinsel neu entdeckten und die Klänge von Regentropfen, Pfützen, Paletten und Matschgras aufnahmen. Der dänische Regisseur Andreas Koefoed hat Efterklang begleitet, gemeinsam haben sie die Historie des Ortes erforscht, ehemalige Bewohner getroffen, sind dem Reiz und der Faszination von Pyramiden erlegen.

In der Filmographie Koefoeds nimmt "The Ghost Of Piramida" eine besondere Stellung ein. Bislang drehte er u.a. Dokumentationen über Schweinezüchter, Turniertänzer, einen Achtjährigen mit krebskranker Mutter, einen 14-jährigen Chorsänger im Stimmbruch, Männer in einem Kairoer Café oder einen Fahrrad fahrenden Inder. Ein genauer Blick auf seine Website www.andreaskoefoed.com lohnt, denn dort ist auch der einzigartige Kurzfilm "Albert - A Big Brother To Be" in voller Länge zu sehen. Neugier gewinnt also auch hier.

Programm

Donnerstag: Film "The Ghost Of Piramida"; Bühne: Gabriel Miller Phillips; Foyer: DJ Smut, Fritz Holzhauer

Freitag: Bühne: Mighty Oaks, A Forest, Lagoonbird; Foyer: Aparde, PunktPunkt

Sonnabend: Bühne: Douglas Dare, Lydmor, Mohna; Foyer: Rival Consoles, Kirrin Island, La Boum Fatale

Sonntag: Film "The Ghost Of Piramida"; Bühne: noch offen (Bony King Of Nowhere hat krankheitsbedingt abgesagt); Foyer: Jacques Müller

Beginn jeweils 20.30 Uhr, Einlass ab 19 Uhr. Es gibt Tagestickets und limitierte Festivalpässe

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.07.2013

Andreas Körner

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr