Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Google+
Neues vom Wagner: Ein Internationales Symposion debattierte in Dresden Thesen und Themen

Neues vom Wagner: Ein Internationales Symposion debattierte in Dresden Thesen und Themen

Dresden wäre nicht Dresden, würde die Stadt nicht den Anspruch erheben, dass Richard Wagner just hier zu dem wurde, wofür der Meister heute in aller Welt bekannt ist.

Wo mag das gewesen sein? In seiner Geburtsstadt Leipzig, wo der Dichter-Komponist 1813 zur Welt kam? Im vorrevolutionären Dresden, wo er 1849 steckbrieflich gesucht wurde und vermutlich nur knapp der Todesstrafe entging? Auf Lebensstationen wie Magdeburg, Riga, Paris, wo er höchst arbeitsam gegen die stets noch höheren Geldschulden anzugehen versuchte? Oder vielleicht doch in Bayreuth, wo Wagner schließlich seine Villa Wahnfried beziehen und das Lebenswerk mit dem Festspielhaus auf dem Grünen Hügel krönen konnte?

Heutige Wagner-Interpretation

Eine gewiss nicht unbedingt von Wagnerianern angeregte Marketing-Kampagne durchzieht derzeit die Stadt mit dem schnöden Spruch "Dresden - Wo Wagner Wagner wurde". Bescheidener geht es nicht, wo jeder Inhalt völlig ausgehöhlt wird, um merkantile Bilanzen zu schönen.

Just am vergangenen Wochenende ging ein Internationales Symposion den Bezügen zwischen Ewigkeits-Künstler und Elbtal-Kommune aber doch etwas tiefer auf den Grund. "Richard Wagner in Dresden - Richard Wagner und Dresden" war das Treffen überschrieben, das sich vordergründig der heutigen Wagner-Interpretation widmen sollte. Ausgerichtet im Blockhaus der Sächsischen Akademie der Künste, beteiligten sich mit dem Lehrstuhl für Musikwissenschaft an der TU Dresden und der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber auch die Sächsische Staatskapelle und die Sächsische Staatsoper an dem viertägigen Kolloquium, das erstaunlichen Publikumszuspruch fand.

Der Berliner Musikpublizist Boris Kehrmann, der die von Proben- und Konzertbesuchen ergänzte Tagung im Resümee als vielseitig und äußerst bereichernd einschätzte, sah in dem unbedingten Bezug Wagners auf Dresden einen tatsächlichen Vorteil: "An einem authentischen Ort lässt sich vieles wesentlich plausibler vermitteln als irgendwo sonst auf der Welt. Wagners Bezüge zur Alten Musik und insbesondere zu A-cappella-Aufführungen sind angesichts der hiesigen Kirchenräume unbedingt nachvollziehbar. Das wäre beispielsweise in Washington überhaupt nicht möglich."

Wagner-Symposien gibt es zum 200. Geburtsjahr weltweit zu Hauf. Die Besonderheit des Dresdner Treffens, das in Themenvorträge und Rundtischgespräche gegliedert war, galt in der Tat vorrangig den Details zur musikalischen Aufführungsgeschichte und da in besonderer Weise der Bewahrung und Weitergabe von Klangidealen durch die Sächsische Staatskapelle. Inwieweit ein originärer Wagner-Klang jedoch im 21. Jahrhundert noch realisierbar sei, rief auch sehr kontroverse Ansichten hervor. Als Gewissheit wurde herausgearbeitet, wie sehr der Dirigent Wagner hier ein Vorreiter in interpretatorischen Fragen gewesen sei. Eher heimatgeschichtliche Bezüge ergaben sich aus einer Analyse der auf Dresden gemünzten Tagebuchnotizen von Cosima, der zweiten Ehefrau des "Ring"-Meisters. Quintessenz: Viel Neues zu Dresden gäbe es da nicht zu sagen. Auffällig jedoch: Keine andere Stadt, in der er lebte, kam später so häufig in seinen Alpträumen vor.

Trotz der nachweislich hier errungenen Erfolge als Hofkapellmeister habe Richard Wagner laut einem Brief an Minna, der ersten Gattin, auf Dauer keine Perspektive in Dresden gesehen. Also nicht erst die politischen Aktivitäten mit ihren Folgen haben Wagner zum Weltbürger gemacht? Solche Aussagen und Nachweise rührten dann doch heftig am Dresdner Seelenleben, provozierten hier und da zu munterem Widerspruch.

Boris Kehrmann, der am gestrigen Vormittag die Moderation des abschließenden Rundtischgespräches bestritt, bekam einen Hang zur Polemik denn auch hautnah zu spüren. Aus Medienfragen wurde ein nachträglicher Ost-West-Konflikt destilliert, der Blick aufs Bildungsbürgertum vernebelte die bei Wagner unabdingbare Antisemitismus-Debatte. Da half dann auch nur der Verweis auf die kluge Fragestellung von Walter Schmitz, der in seinem Vortrag "Parsifal im Tal der Ahnungslosen - Zur Bildung des Publikums" einen Kosmos aus Medien und Mythen entwarf, der den Missbrauch Wagners ebenso beinhaltete wie Neudeutungen durch Film und Literatur. Mit diesem Bezug mahnte der Musikwissenschaftler Michael Heinemann an "Was hören wir?" und "Was wollen wir wissen?" - zwei höchst nützliche Fragen, wenn man in seiner Sicht auf Wagner einen Schritt vorankommen will.

Antworten darauf klangen denn auch immer nach einem Gegensog, um etwaiger Selbstbeweihräucherung den Wind aus den Segeln zu nehmen. Erhellend hingegen die strukturellen Neuerungen Wagners in der Orchesterkultur, was neben rein künstlerischen Belangen auch soziale Aspekte berücksichtigt hat, die bis heute nachwirken. Erkenntnisse, wie Wagner als Konzertdirigent agiert hat, wie zeitgenössische Kritiker das beschrieben haben, welche Rolle seine politischen Aktivitäten in Bezug auf die künstlerische Arbeit gespielt haben, bilanzierte Kehrmann als bleibendes Resultat dieser Zusammenkunft.

Tagungsband geplant

Man hätte dieser Internationalen Tagung gewiss mehr jüngeres Publikum wünschen dürfen, vielleicht auch mehr Öffnung und Ausstrahlungskraft in die Stadt hinein. Von bleibender Wirkung - nicht nur für die unmittelbar Beteiligten - dürfte ein Tagungsband sein, den der für dieses Symposion federführende Musikwissenschaftler Hans-Günter Ottenberg ankündigte. Die lebendige Streitkultur mancher Runde wird darin jedoch ebenso wenig aufzufinden sein wie ein rares Wagner-Dokument, das der Leipziger Medienexperte Steffen Lieberwirth präsentierte; Fritz Busch dirigiert da die "Tannhäuser"-Ouvertüre und vermittelte ein Gefühl, "dass die Luft brennt". Dieser weltweit erste Musiktonfilm entstand 1932 und lief europaweit in den Kinos - Wagner als Medienneuheit! Wurde Wagner in Dresden also zumindest zum Leinwandhelden?

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.01.2013

Michael Ernst

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr