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Neues Standartwerk zur Gartenstadt Hellerau erschienen

Neues Standartwerk zur Gartenstadt Hellerau erschienen

Die frühe Moderne auf den Gebieten der Architektur und des Design wird in Deutschland zumeist mit dem Bauhaus und der Weimarer Republik verbunden. Der Aufbruch zu neuen Formen der Kunst und des Bauens, der Lebens- und Umweltgestaltung fand jedoch schon vor dem Ersten Weltkrieg statt, und das vitalste Zentrum dieses Neubeginns war Hellerau im Norden Dresdens.

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Das vitalste Zentrum des Aufbruchs zu neuen Formen der Kunst und des Bauens, der Lebens- und Umweltgestaltung war Hellerau.

Quelle: Verlag

Hier revolutionierten die Deutschen Werkstätten für Handwerkskunst das Design von Möbeln und Wohnungsinterieurs, hier entstand nach englischem Vorbild die bedeutendste deutsche Gartenstadt, hier bündelten sich im Festspielhaus Heinrich Tessenows vielfältige neue Ideen in Musik, Tanz und darstellender Kunst - Hellerau steht wie kein zweiter Ort für den Beginn der Moderne in Deutschland.

Hellerau - nur eine Randrolle für die Stadt Dresden

Vor diesem Hintergrund ist es befremdlich, dass Hellerau in der Selbstdarstellung Dresdens nur eine Randrolle spielt und sich im Umfeld und innerhalb der Gartenstadt kaum Wegweiser zu ihren bedeutendsten Baudenkmalen finden. So ist das "Laboratorium der Moderne" weder in Dresden noch darüber hinaus in breiten Bevölkerungsschichten bekannt, und es ist noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten, bis Hellerau als Weltkulturerbe anerkannt wird.

Immerhin liegt nun mit Nils M. Schinkers Monografie über die Gartenstadt Hellerau von 1909 bis 1945 erstmals ein Standardwerk zur Architektur- und Sozialgeschichte Helleraus zu einem eher moderaten Preis vor, das allen späteren Studien zur Gartenstadt als Grundlage dienen und zugleich den politischen Initiativen zur Förderung Helleraus ein solides wissenschaftliches Fundament liefern wird. An Büchern über Hellerau herrschte zwar auch zuvor kein Mangel, sie bezogen sich aber zumeist nur auf einzelne Aspekte des Gesamtphänomens, wie das Möbeldesign und die rhythmische Gymnastik, oder waren als Bildbände oder knappe Architekturführer konzipiert.

Von der Sozialstruktur bis zu den verschiedenen Haustypen

Das aus einer von Professor Thomas Will betreuten Doktorarbeit an der Architekturfakultät der TU Dresden hervorgegangene Werk Schinkers, das mit seinen gut 500 Seiten in großzügigem Breitformat auch im wörtlichen Sinn als gewichtig gelten kann, setzt nun weit profunder an und liefert eine erstaunlich vielseitige Geschichte Helleraus von den Anfängen der Gartenstadt bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Wirtschafts- und Organisationsgeschichte verzahnt sich hier intensiv mit der Baugeschichte der Gartenstadt, und es ist geradezu faszinierend, wie genau der Autor die Bevölkerungsstruktur der Kleinhausviertel und der Villen von Hellerau, ja vielfach die in den einzelnen Häusern lebenden Persönlichkeiten zu bestimmen weiß.

All dies wird mit einem opulenten Kartenmaterial von einzigartiger Präzision illustriert, so dass der Leser sich mit wenigen Blicken über die Anteile der entwerfenden Architekten, die Wohnungsgrößen, die Eigentumsverhältnisse, die Sozialstruktur der Bewohner und mehrere andere Aspekte informieren kann (in den Grafiken zur Verteilung der Berufszweige übersah der Autor leider die Lehrer und übrigen Beamten). Die im hinteren Teil der Arbeit vorgestellten Haustypen und Einzelhäuser erscheinen mit ihren Grundrissen in einer Fülle von Detailkarten, die von großem Nutzen für zukünftige Planungen in Hellerau sind. Bei der schieren Masse an Kartenmaterial vermisst man allerdings eine aktuelle Gesamtkarte von Hellerau mit allen Straßen und ihren Namen, die dem Leser eine rasche Zuordnung der Detailpläne erlauben würde.

Zu erwähnen sind auch die vielen historischen Fotografien der Häuser, die den dokumentarischen Wert des Bandes zusätzlich erhöhen - leider sind sie zum Teil recht klein abgedruckt. Auf die bildliche Darstellung des heutigen Zustandes von Hellerau hat der Autor grundsätzlich verzichtet. Generell leidet der Band etwas unter der Fülle des präsentierten Materials: Nach der "Chronologie der Gartenstadt Hellerau" und einem Kapitel über "Stadtbaukunst und Gemeinschaft" werden die einzelnen Häuser und Häusergruppen im Kapitel "Gebäudetypologien und Wohnmodelle" eingehend untersucht; das wertvolle Planmaterial zu den behandelten Häusern folgt in einem äußerst umfangreichen Kartenteil, der leider keine Rückverweise auf die Hausanalysen enthält, so dass der Leser immer wieder zu umständlichem Suchen gezwungen wird. Positiv betrachtet, handelt es sich um einen Band, der während der Lektüre zu vielfältigen Entdeckungsreisen einlädt.

Fülle bislang unbekannten Materials veröffentlicht

Knapp und prägnant erzählt Nils M. Schinker im ersten Teil des Buches die Geschichte der Gartenstadt und räumt den frühen Ideen und Planungen des Leiters der Deutschen Werkstätten, Karl Schmidt, den Gründungen der Baugenossenschaft Hellerau und der Gartenstadt Hellerau GmbH sowie den architektonisch-städtebaulichen Planungen der Architekten Richard Riemerschmid, Hermann Muthesius, Heinrich Tessenow und Kurt Frick genügend Raum ein. Diese schon häufig dargestellten Zusammenhänge werden hier allerdings nicht überbetont, denn sie bilden nur die Basis für einen Entwicklungsbogen, der die gesamte erste Hälfte des 20. Jahrhunderts überspannt.

Der große Zugewinn des vorliegenden Werkes besteht in der detaillierten Aufarbeitung der Geschichte Helleraus nach 1914, einer Geschichte voller neuer Ideen und Pläne, die zugleich von zahlreichen Rückschlägen geprägt war. Hier wird, auch in der großzügigen Abbildung historischer Pläne, eine Fülle bislang weitgehend unbekannten Materials ausgebreitet, die die Komplexität des Phänomens Hellerau eindrucksvoll unter Beweis stellt.

Nebenbei erfährt man so auch etwas über den persönlichen Zugang des Autors zu seinem Thema: Aufgrund familiärer Verbindungen zum Bauherrn hatte Nils M. Schinker das 1929-30 von H. Walter Reitz errichtete Haus des progressiven Regierungsrats Dr. Walter Chrambach am Hohen Weg 11, den prägnantesten Bau der klassischen Moderne in Hellerau, erforscht. Auf dieser Grundlage verfasste Schinker einen Beitrag über die Gartenstadterweiterung nach dem Ersten Weltkrieg in dem von Ralph Lindner und Hans-Peter Lühr 2008 herausgegebenen Sammelband über Hellerau, der gegenüber der neuen Publikation den Vorteil der reichen aktuellen Bebilderung hat. Wichtig ist das Anliegen des Autors, die Vielfalt und hohe Qualität der architektonischen Lösungen im Hellerau der zwanziger und frühen dreißiger Jahre zu zeigen: sie reichte von den seriellen Holzhäusern der Siedlung Am Sonnenhang über das Plattenhaus von Bruno Paul bis zu den vielen interessanten Häusern des noch zu wenig bekannten Architekten Gustav Lüdecke - und eben dem Haus Chrambach als radikalstem Vertreter des Neuen Bauens.

Zentrum politischer Auseinandersetzungen

Spannend ist aber auch die in dem Buch thematisierte politische Ausrichtung der Bewohner Helleraus in der Zeit der Weimarer Republik - hier baut Schinker auf den Studien Thomas Nitschkes auf. Auf der einen Seite gab es vielfältige Versuche des rechtsextremen Lagers, Hellerau zu vereinnahmen; so richtete Bruno Tanzmann 1918 in der berühmten, an Goethes Gartenhaus in Weimar orientierten Tessenow-Villa am Heideweg 24/26 die Redaktion des Hakenkreuz-Verlags ein, musste dieses Quartier aber 1928/29 wieder aufgeben. Auf der anderen Seite war Hellerau ein bevorzugter Wohnort linker und liberaler Intellektueller, die hier freie pädagogische Konzepte verfolgten und künstlerische Kreise um sich sammelten. Dieses zwiespältige Bild setzte sich auch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten fort: Mehrere Architekten entwickelten auch unter dem NS-Regime neue Siedlungsprojekte - Riemerschmid entwarf 1937 gar einen dörflichen Rundling für den Heideweg -, die aber zumeist nicht zur Realisierung gelangten. Andererseits konnte sich das liberale intellektuelle Milieu in Hellerau zumindest partiell halten, wie der zähe Widerstand gegen die SS-Polizeischule zeigt, die 1939 in den neuen Seitengebäuden des Festspielhauses untergebracht wurde. Diese gerade in Restaurierung befindlichen Gebäude haben die seitlich auf das Festspielhaus zulaufenden Straßen abgetrennt und damit die stadträumliche Einbindung des Hauptwerks von Tessenow bis heute gründlich zerstört - in der Planrekonstruktion Schinkers (S. 384) wird die ursprünglich nur von locker gruppierten Pensionshäusern eingerahmte Position des Festspielhauses wieder anschaulich.

Auf dieser Grundlage drängt sich der Wunsch geradezu auf, dieses große Werk der europäischen Moderne eines Tages wieder in ursprünglicher freier Position erleben zu können.

Nils M. Schinker: Die Gartenstadt Hellerau 1909-1945. Stadtbaukunst - Kleinwohnungsbau - Sozial- und Bodenreform, Dresden: Sandstein Verlag 2013, 504 S., 79 Euro. ISBN 978-3-95498-066-6

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 07.11.2014

Henrik Karge

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