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Neues Buch von Peter Handke

Literatur Neues Buch von Peter Handke

Peter Handke veröffentlicht in seinem neuen Buch „Vor der Baumschattenwand nachts. Zeichen und Anflüge von der Peripherie. 2007–2015“ Notizen aus den vergangenen Jahren, die seine Beobachtungen zu Sprache werden lassen.

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Der österreichische Schriftsteller Peter Handke, 1942 in Griffen (Kärnten) geboren.

Quelle: Foto: APA

Dresden.

„Achtlosigkeit als Vorstufe zum Verrat?“ fragt da Peter Handke an einer Stelle in seinem neuen Buch „Vor der Baumschattenwand nachts“. Und antwortet sogleich: „Achtlosigkeit als Verrat“. Und man liest diesen knappen klaren Satz und verspürt sofort den Impuls, ein Ausrufezeichen dahinter setzen zu müssen. Natürlich nicht nur, aber gerade auch, weil er wie so viele Sätze in diesem Buch einer ist, hinter dem überhaupt kein Schlusszeichen steht. Kein Punkt, kein Frage- oder Ausrufezeichen. Nichts.

Man kennt das aus einschlägigen Arbeiten Peter Handkes, ist doch „Vor der Baumschattenwand nachts“ ein weiterer Band jener Reihe, deren erster („Das Gewicht der Welt“) vor nunmehr fast 40 Jahren erschien. Es sind Bücher, die insgesamt mit dem gern dafür verwendeten Gattungsbegriff „Journal“ nur unzulänglich umklammert sind. Im Œuvre des Autors gleichsam Zwischen- oder Parallelwerke, bilden sie ein autonomes, sich fortspinnendes und verzweigendes Sammelsurium an mit knappster Genauigkeit skizzierten Beobachtungen, aphoristischen Dialogfetzen, Lektüre-Reflexionen und Gedankengang-Notizen. Und entsprechen dabei letztlich auch in all ihrer Unterschiedlichkeit dem, was jetzt in der Unterzeile zur „Baumschattenwand“ so schön mit „Zeichen und Anflüge von der Peripherie“ beschrieben ist.

Aus den Jahren 2007 bis 2015 stammen diese Aufzeichnungen und wirken oft wie aus dem Augenwinkel wahrgenommen, wie ein Blick über die Schulter, innehaltend im Gehen: „Wenn das Gehen von alleine ein Pilgern wird, ohne Pilgerziel: Ideal“ heißt es da einmal, und es klingt wie ein Tipp auch für diese Lektüre, durch die man tatsächlich pilgern kann (und sollte), wie eben ein Pilger ohne Ziel.

Menschen begegnen einem dabei (der Regisseur John Ford, die Mystiker Jakob Böhme oder Ibn Arabi, die Schriftsteller Franz Kafka oder John Cheever, Goethe vor allem), des Weiteren unterschiedliche Landschaften, Bücher natürlich. Und dann immer wieder, hervorgehoben wie ein Wegweiser, das Bindewort „und“. Die Konjunktion, von Handke wie leitmotivisch umkreist, als Vermittler, Zwischenraum und Geheimnis: „Gewitterdüster und Zucken weißer Schmetterlinge“, „Schönheit und Aufatmen“, „Licht und Versprechen“ verfügt er da. Und ohne „und“ dann einmal die: „Morgenbrise, Taglichttaufe“.

Immer wieder gibt es solch Verknappungen und Wortfindungen, in denen sich Stimmungen, Bilder und Welten eröffnen (auch deshalb ja kein Schlusszeichen, machen die doch etwas zu, was hier offen bleiben muss), angesichts derer man manchmal nur staunen mag. Aber wie steht es geschrieben: „Das Staunen wird uns retten“ Und so staunt eben auch Handke selbst immer wieder. Zum Beispiel darüber: „Johnny Cash auf seiner letzten Platte: Ein Sterbender singt – aber wie!“ Klar: so ein Satz braucht – unbedingt! – ein Ausrufezeichen. Und Handke setzt es dann auch.

Süffisant oder garstig kann er freilich auch sein, gelegentlich: „Wie halten die Dummköpfe die eigene Blödheit bloß aus? Dank ihrer Blödheit“ Oder: „In der Metro: Die Schönen steigen aus und die Hässlichen bleiben, und bleiben“. Oder: „Die aktuellen Dichterhorden und ihre Lyrikfeste: falsche Sinnstifter“.

Die „falschen Sinnstifter“ nun, die professionellen Meinungsmeiner und krakelenden Bescheidwisser jedweder Art – sie allesamt sind ja vor allem auch eins: Achtlos. Und sind in ihrer Achtlosigkeit nicht nur Unachtsame, sondern darüber hinaus eben oft fern jeglicher Achtung vor und vorm Anderen überhaupt. Auch dem anderen Leben gegenüber.

Der 13. November 2015 ist ein Datum, das Handke festhält in diesem Buch, in dem Zeit sonst ein zyklisches Kommen und Gehen der Jahreszeiten jenseits fixierter Datierungen ist: „Massaker um Massaker im Namen des Barmherzigen“ notiert er am Tag der Pariser Terroranschläge. Und freilich: Auch hier steht kein Schlusspunkt am Ende des Satzes. Darf dort nicht stehen. Die Gründe sind bekannt. Und bitter genug.

Achtsamkeit. Darin steckt das Wort „achten“, wie im Wort Aufmerksamkeit „aufmerken“ steckt. Und „aufmerken“, als Steigerungsform des bloßen Bemerkens und Registrierens, lässt „Vor der Baumschattenwand nachts“ immer wieder. Aufmerken, innehalten, durchatmen. Ein Buch wider die Achtlosigkeit. Und kein Schlusszeichen an dessen Schluss! Man nimmt das gern als ein Versprechen.

Von Steffen Georgi

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