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Neueröffnung des Dresdner Münzkabinetts: Schatzkästlein der Numismatik

Neueröffnung des Dresdner Münzkabinetts: Schatzkästlein der Numismatik

Frage: Goethe war zeitlebens nicht nur den Büchern und den Frauen zugetan, sondern war auch ein begeisterter Münzen- und Medaillensammler. Im "Faust" schreibt er: "Das ist es ja, was man begehrt / Der Rost macht erst die Münze wert.

" Ist das so? Sollte man Münzen besser nicht putzen, auch aus Respekt vor dem historischen Zustand?

Rainer Grund: Man richtet zumeist Schaden an. Der erfahrene Sammler weiß, dass eine über lange Zeit gereifte Patina eine Schutzschicht ist, die unter keinen Umständen entfernt werden sollte. Vor einigen Wochen hatte ich es mit einer alten Dame aus Meißen zu tun, die mir stolz ein blankgeputztes Talerstück zeigte. Ich musste ihr mitteilen, dass die Reinigung leider zu einer Wertminderung geführt habe. Die Patina der Zeit gehört zur Münze und Medaille.

Wann erfolgten denn die ersten Überlegungen zur neuen Präsentation für das Münzkabinett? Erste Pläne zum Wiederaufbau des Dresdner Schlosses gab es ja schon zu DDR-Zeiten?

Ernsthaft begannen die Planungen fürs Münzkabinett, als es Ende 2007 darum ging, die Ausstellungsbereiche im Georgenbau einzurichten. Man entschied sich letztlich dann dafür, das Architekturbüro AFF in Berlin mit der Aufgabe zu betreuen, diese Ausstellungsbereiche zu konzipieren. AFF hat auch ein Büro in Chemnitz, das ist das Architekturbüro, das zum Beispiel die Ausstellungsgestaltung der "Terra Mineralia" in Schloss Freudenstein in Freiberg umgesetzt hat.

Wo steht das Münzkabinett Dresden im nationalen Vergleich?

Im Vergleich unter Gleichen gehören wir zu den drei großen Häusern in Deutschland nach Berlin und München. Wir haben 300 000 Objekte, wie etwa München. Berlin verfügt über gut 500 000 Stücke aller Art.

Wodurch zeichnet sich die Dresdner Sammlung aus, zu der neben Münzen und Medaillen auch Orden, Ehrenzeichen oder historische Wertpapiere gehören? Was ist in der Sammlung stark vertreten, was andere so nicht haben?

Wir sind gut bestückt im deutschen Mittelalter, was die Brakteaten-Zeit betrifft. Brakteaten sind einseitig geprägte Pfennige aus dünnem Silberblech, die in Mitteldeutschland weit verbreitet waren und ihren künstlerischen Höhepunkt als Kleinkunstwerke der Spätromanik in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts erreichen.

Wie viele Mitarbeiter zählen im engeren Sinne zu ihrem Haus?

Das Münzkabinett ist das älteste Kunstmuseum im Verbund der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, gehört aber personell zu den kleineren Museen. Im Zuge des allgemeinen Planstellen-Abbaus mussten auch wir Federn lassen, so dass wir auf vier feste Planstellen runtergerutscht sind. An sich sollte das Museum ja erst im Herbst wiedereröffnet werden, aber als man uns mitteilte, dass man den Finanzministern im Zuge des G7-Gipfels schon die Räume präsentieren wollte, meldeten wir mehr Bedarf an Mitteln und Personal an. Dem wurde nachgekommen.

Was war besonders schwierig bei der Gestaltung?

Die Höhe in den Schloss-Räumlichkeiten. Das ist wie die Quadratur des Kreises. Sie können die in der Regel kleinen Objekte nun mal kaum über Augenhöhe präsentieren. Aber die Architekten lieferten gute Vorschläge und Entwürfe, wie man dem Dilemma beikommt. Die Kabinette sollten etwas Schatzartiges zeigen, indem man die Konzentration wirklich auf die Objekte lenkt und nicht abschweift. Das erreichte man mit der Anordnung der Vitrinen in Wandabläufen und durch lichtgesteuerte Betonung dessen, worauf es ankommt: die Objekte. Im Elbsaal hat man dann ein anderes Raumerlebnis. Die Wände sind frei, und man erlebt Ausstellungsinhalte in acht gleichartigen Turmvitrinen.

Seit wann sammelt man Münzen?

Das Münzsammeln ist eine Leidenschaft, die in der Renaissance aufgekommen ist. Es heißt, dass der italienische Dichter Francesco Petrarca der erste Münzsammler gewesen sei. Ihm sind dann bürgerliche Gelehrte und Fürsten mit Sinn für Kostbares und Kurioses gefolgt, zumal im Boden Italiens nicht zu knapp archäologische Artefakte in Gestalt von Münzen schlummerten. Es waren vor allem die römischen Münzen der Kaiserzeit, die propagandistisch auch eine Legitimation des Herrschaftsanspruchs ausdrückten, an denen Gefallen gefunden wurde. An vielen Residenzen war es nicht zuletzt eine Art Prestigefrage, auch in punkto Münzen etwas vorweisen zu können.

Am Ende der Barockzeit erfolgte unter dem Einfluss der Aufklärung der Wandel von der fürstlichen Sammelleidenschaft hin zur ernstzunehmenden Wissenschaft. 1786 hat dann Kurfürst Friedrich August der Gerechte das Japanische Palais als erstes Museum für die Öffentlichkeit einrichten lassen. Untergebracht waren dort die kurfürstliche Bibliothek, die Antikengalerie und das Münzkabinett. Seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entwickelte sich das Münzkabinett auch zu einem wissenschaftlichen Forschungszentrum in Deutschland. Diese Stellung auszubauen und weiterzuentwickeln, ist eine Aufgabe, der auch wir uns stellen müssen.

Was ist der Unterschied zwischen einer Münze und einer Medaille?

Die Medaille ist ein handliches kleines Erinnerungsstück, zumeist aus Metall, das an eine Person oder an ein Ereignis erinnern soll und im Unterschied zur Münze keinen Zahlungscharakter hat. Eine Medaille ist eine Sonderform der kleinplastischen Reliefkunst, kann aber technisch wie die Münze hergestellt werden, als Prägung. Eine Medaille kann aber auch gegossen sein. Der erste Medaillenkünstler überhaupt, der in der kunstgeschichtlichen Entwicklung genannt wird, ist Antonio Pisano, der 1438/39 eine Medaille auf dem Konzil in Ferrara auf den byzantinischen Kaiser Johann VIII. Paläologos geschaffen hat. Es gibt allerdings auch bereits Vorformen in der Antike, also besonders repräsentative Objekte in Metall, die schon zu der Zeit nicht als Zahlungsmittel gegolten haben. Letztlich ist die Medaille eine Erfindung der italienischen Frührenaissance, hat sich aber schnell ausgebreitet in Europa. Die Entstehung der Medaille hat nicht zuletzt damit zu tun, dass der Mensch in den Mittelpunkt des Bewusstseins gerückt ist. Und er nun ein Medium gefunden hat, um seine Persönlichkeit darstellen zu lassen, das auch noch viel stabiler als etwa ein grafisches Porträt war. Der bedeutendste sächsische Medailleur der Renaissance war wohl Hans Reinhart der Ältere, dem wir u.a. die Dreifaltigkeitsmedaille von 1544 zu verdanken haben.

Ich frage jetzt mal etwas überspitzt: Ist die Numismatik in erster Linie was für ältere Herren? Wie will man jüngere Leute für Münzen und Medaillen begeistern?

Aufgrund der geringen Personaldecke benötigen wir Multiplikatoren, die wir anleiten. Wir mühen uns, Kunstvermittler zu schulen, die dann in der Lage sein sollen, auch Kinder- und Jugendgruppen durch die Räumlichkeiten zu führen. Sehr rührig ist zudem die Abteilung Bildung und Vermittlung, die ehemalige Museumspädagogik. Wir haben auch einen Audio-Guide realisiert, der auf dem schon vorhandenen Guide zur Schlossführung mit eingespeist wird. Es sind etwa 60 Minuten Text - und ein Angebot, um in das komplexe und schwierige Gebiet Numismatik hineinzufinden.

Kooperieren Sie mit dem Numismatischen Verein zu Dresden e.V.?

Es gibt eine jahrzehntealte Beziehung zu dem Verein, der sich seit Jahren auch als Förderverein versteht, der zumindest kleine Wünsche erfüllen kann. Der Verein hat zur Zeit ca. 70 eingetragene Mitglieder, ich gehöre auch dazu. Das Münzkabinett und der Numismatische Verein richten übrigens auch eine gemeinsame Vortragsreihe aus.

Geht die Zeit der Münzen und Scheine zu Ende? Es mehren sich die Stimmen von Ökonomen, die für die Abschaffung des Bargeldes plädieren.

Ich selbst glaube nicht an ein so baldiges Ende des materiellen Geldes. Dem Buch war auch schon mehrfach der Untergang vorausgesagt. Der Mensch hat auch ein haptisches Bedürfnis, was nicht absterben sollte, sonst fehlt ihm etwas. Das Haptische ist ein wesentlicher Sinn, der das Menschsein in Kontakt mit seiner Umwelt ausmacht.

1945 wurde das Münzkabinett von den Trophäenbrigaden der Roten Armee als Kriegsbeute nach Moskau verschleppt. Kam 1958 alles zurück?

Der allergrößte Teil der Sammlungen wurde dankenswerter Weise zurückgegeben. Leider ist die wissenschaftliche Verzettelung mit den Provenienzangaben ist verschwunden, das erschwert nun die Erfassung und Inventarisierung innerhalb des Daphne-Projektes.

Stichwort "Institutionelle Vernetzung", die im heutigen Kulturbetrieb ja immer wieder eingefordert wird. Wie machen Sie überregional auf sich aufmerksam?

Kooperationen mit anderen Sammlungen und Museen gibt es schon lange, schon seit DDR-Zeiten. Bereits mein Amtsvorgänger, der langjährige Direktor Professor Dr. Paul Arnold, hatte weit vor der Wende ein internationales Renommee und entsprechende Kontakte aufgebaut. Derzeit gibt es eine überregionale Werbekampagne. Wie einst bei der Eröffnung der "Türckischen Cammer" wird in anderen deutschen Städten mit Plakaten geworben.

Wie schaut es mit Publikationen aus?

Dadurch, dass die Dauerausstellung einzurichten war, waren wir als Wissenschaftler im Publizieren in letzter Zeit "etwas gebremst". Auch hier macht sich der allgemeine Stellenabbau leider negativ bemerkbar. Normalerweise sind wir schon im internationalen Diskurs verankert, ob nun auf Tagungen oder durch Aufsätze in Fachpublikationen.

Verfügen Sie über einen Ankaufsetat?

Nicht wirklich, aber Erwerbungen sind auch über Schenkungen möglich. Man ist auf Unterstützung durch Drittmittel angewiesen. Wir haben in Bautzen einen Sponsor, der nicht genannt werden will und uns seit Jahren regelmäßig durch Sachobjekte unterstützt. Wir sind diesbezüglich sehr sehr dankbar.

Wie schaut es sonst mit Drittmitteln aus?

Drittmittel-Beschaffung ist mit enormen Aufwand verbunden. Die bürokratische Prozedur ist enorm, aber die Chancen, Geld zu bekommen, sind in Deutschland nichts aussichtslos. Man muss halt wissen, wo der richtige Geldhahn für welches Projekt sitzt. Der Münzhandel ist in vielen Fällen ein Ansprechpartner. Der hat zum Beispiel uns bei der Herausgabe der letzten Ausgabe der Dresdner Numismatischen Hefte unterstützt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.06.2015

Christian Ruf

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