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Neue Lesart: Das Semperoper Ballett Dresden zeigt "Romeo und Julia"

Neue Lesart: Das Semperoper Ballett Dresden zeigt "Romeo und Julia"

"Romeo und Julia", das ist die unsterbliche Geschichte einer tödlichen und gerade deshalb so berührenden Liebe, die Shakespeare nach einem Ereignis von 1303 in Verona zu einem seiner großen Stücke machte.

Bald schon ein Stoff, der Komponisten anregt und wie geschaffen ist für den Tanz. Aber erst die Uraufführung des Balletts zur Musik von Sergej Prokofjew, vor 75 Jahren in Brünn, macht die getanzte Version des Dramas zu einem der erfolgreichsten Stoffe der Ballettgeschichte. In der Semperoper erlebte jetzt die choreografische Uraufführung des Balletts von dem belgischen Choreografen Stijn Celis eine triumphale Premiere.

Der mit Spannung erwartete Abend beginnt mit einem dramatischen Aufschrei. Die Musik setzt ein mit gewaltigen Akkorden. Die Scheinwerfer blenden kurz und grell das Publikum. Dann erhellen sie einen von dunklen Fassaden umstellten Platz. Ein Mann kommt aus der Dunkelheit einer schmalen Gasse über den Platz auf uns zu. Er trägt den leblosen Körper einer jungen Frau. Der Mann ist Graf Capulet, die junge Frau ist seine Tochter Julia.

Einen Moment bleibt Oleg Klymyuk an der Rampe stehen, dann geht er zurück ins Dunkel. Dann ist auch der Aufschrei der Musik vorbei, gänzlich vergessen wird man dieses knappe, eindringliche Vorspiel zum dritten Akt nicht, das in der für Dresden gewählten Moskauer Fassung des Werkes dem Geschehen vorangestellt ist. Und wenn diese Musik erneut, scharf und unerbittlich, erklingt, gegen Ende zu, dann ist eine weitere Dimension hinzu gekommen, es gibt kein Zurück, keine Versöhnung, keine Hoffnung über den Tod hinaus, hier kann am Ende nur konsequent der eiserne Vorhang herunterfahren.

Der Choreograf Stijn Celis nimmt Shakespeare ernst, er nimmt die Musik ernst und den Tanz, er nimmt uns, das Publikum, ernst, weil er uns einen so spannenden wie aufwühlenden, aber auch eigenwilligen Abend zumutet. Er erzählt die Geschichte als Rückblick, und wir sehen zu. Aber uns wird keine ferne, historische oder gar eine sogenannte zeitlose Geschichte geboten, wir sind unmissverständlich in der Gegenwart. Doch vermeiden Celis und die Kostümbildnerin Catherine Voeffray auch nur den Anflug kunstloser, pseudonaturalistischer Anbiederungen.

Die Bühne ist der öffentliche Platz von Jan Versweyveld, an dessen hinterer Begrenzung nur eine schmale Gasse das Haus, in dem Romeo wohnt, von dem der Capulets trennt, deren Tochter heißt Julia. Romeo und seine Freunde sind die Kings vom Kiez, Julias Eltern und ihre Freunde stehen sozial höher, ihre Rituale sind erstarrt, Julia, die schon den Dresscode verweigert, steigt aus. Und Romeo, durch das Erlebnis der Liebe zu ihr beflügelt, will das auch. Wir wissen, das geht nicht. Und eine zentrale Szene, die Liebesnacht der heimlich Verheirateten, wird zum zutiefst berührenden Tanz zweier Menschen in einer ausweglosen Situation, eine großartige choreografische und tänzerische Leistung, verstärkt noch durch Julias Solo, wenn sie allein bleibt und Romeo auf der Flucht ist. Julia Weiss und Jirí Bubenícek werden für ihre Leistungen als Julia und Romeo stürmisch gefeiert, zwei starke Künstler, exzellente Tänzerpersönlichkeiten. Hier wird ja nicht auf Spitze getanzt, es gibt keine klassischen oder neoklassischen Variationen, dennoch ist alles da, was das Ballett so aufregend machen kann, so einzig unter den darstellenden Künsten.

Dazu kommt, dass Stijn Celis sehr genau ist in der Darstellung innerer Vorgänge, in der Ausarbeitung der Beziehungen und Konflikte, und die Tänzer scheinen eine so genaue Arbeit zu genießen. Selten hat man so überzeugende Körpersprache ohne jede Allü-ren, ohne jedes Klischee gesehen. Und es sind die grotesken, die tragikomischen Gestalten, die bleibende Eindrücke hinterlassen, Carola Schwab als Nonne, Pavel Moskovito als junger Pater Lorenzo oder Anna Presta als Amme, die wohl vom Lande kommt und noch immer nicht im modischen Schuh-werk stöckeln kann. Solche heiteren Momente des Trauerspiels dürften ganz im Sinne Shakespeares sein, der in der Figur des Mercutio, einem von Romeos Freunden, genial beides vermischt. In Dresden ist Jón Vallejo ein Mercutio der Sonderklasse, ist ein Charmebolzen, Herzensbrecher, toller Typ, immer ein Spaß, immer ein irrer Sprung, er kann sogar dem Tod noch eine kleine Weile Leben abtanzen.

Und diese fulminante Präsenz, die hat die gesamte Kompanie, kaum vorstellbar, die Damen demnächst wieder als Schwäne zu erleben, die Herren als Prinzen und Höflinge in Strumpfhosen, aber das ist es, was die Kraft der Dresdner Kompanie ausmacht, wer sicher ist in den klassischen Grundlagen, kann modern und zeitgenössisch tanzen, ohne sich modisch verkrampfen zu müssen.

Ein besonderes Debüt noch gab es zur fulminanten Ballettpremiere. Weil die Sächsische Staatskapelle in Salzburg gastiert (siehe Seite 8), übernehmen die Mitglieder der NDR Radiophilharmonie aus Hannover unter der Leitung von Paul Connely deren Part. Das Publikum spart nicht mit Applaus für die Gäste und den Dirigenten. Denn bei großer Klangpräsenz vernimmt man die harten, die schroffen, gewalttätigen Passagen, aber auch ist die visionäre Sanftheit lyrischer Melodik. Es gibt harte Schnitte, scharfe Akzentuierung des Tänzerischen und Momente, die den Stillstand brauchen, als müsse man immer wieder innehalten, um zu verkraften, was geschieht. Tanz und Musik, Musik und Tanz in stimmiger Korrespondenz.

Aufführungen: 26., 29., 31.3., Semperoper

www.semperoper.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.03.2013

Boris Michael Gruhl

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