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Neue Gedichte von Synke Köhler, Joachim Zünder und Manfred Hans Gruhler

Neue Gedichte von Synke Köhler, Joachim Zünder und Manfred Hans Gruhler

Die Geschichte von dem alten chinesischen Maler, der seine fassungslos schauenden Freunde zurücklässt und in seinem eigenen Bild verschwindet, ist hinlänglich bekannt.

Man kann sie auch als Sinnbild höchster Vollendung lesen - oder als bescheidenes Zurücktreten des Künstlers hinter seinem Werk. Joachim Zünders dritter Gedichtband "Rauchgeister" (Kaamos Press, Berlin 2012) hebt an mit einem ähnlichen Bekenntnis: "In den schluchten seiner unzugehörigkeit / ist der dichter das allerstumpfsinnigste geschöpf", heißt es dort zunächst, und dann, ein paar Zeilen weiter: "hier wird jemand ausgelöscht! / sagt er / zu sich selbst."

"Wie lebt man in einer Tiefkühltruhe?"

Joachim Zünder, 1956 in Troisdorf im Rheinland geboren, ist tatsächlich ein Unzugehöriger, der am liebsten im hohen Norden die Rauchgeister um sich versammelt, Meister Eckhart als Kronzeugen anruft oder mit Fernando Pessoa in den Aufzeichnungen des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares blättert. "Die Welt, eine Tiefkühltruhe. Wie lebt man in einer Tiefkühltruhe?" fragt sich der Dichter im finnländischen Ort Jyväskylä, in dem die atemberaubenden lyrischen Aufzeichnungen seines neuen Bandes entstanden sind. Vielleicht, indem man sich der Poesie anheimgibt, die für Zünder ein "von allen Beschränkungen und Auflagen sich freisprechendes Bewußtsein" erzeugt (oder voraussetzt)?

Da schärft einer, fern der Metropolen, kontinuierlich sein lyrisches Sensorium und weigert sich ganz offenkundig, die Art Weltbürgerdichtung zu schreiben, mit der man heute ganze Bibliotheken füllen kann. Joachim Zünders Poesie kommt nicht aus dem Bescheidwissen, sondern aus einem gleißenden und flirrenden "Nichtwissen", aus "Abenden, sehr hell im Wald", wo der Schnee das Licht trägt, noch in der Dunkelheit: "Der Schnee reflektiert die Aufmerksamkeit." Aufmerksam ist dieser Dichter, und wieder drinnen in seiner Hütte, ruft er sich zu: "Im Feuer bleiben und das, was brennt, nicht erschöpfen."

Joachim Zünders Poesie brennt gar nicht schnell herunter: Wenn man das Buch schon aus den Händen gelegt hat, wirkt sie noch lange nach. Denn durch die Welt des Staunens gehen dieses Dichters Reisen - seine äußeren Landschaften sind das Baltikum und andere Winterzonen, ebenso Berlin, wo Zünder, zumindest für einen Teil des Jahres, lebt.

Besonders aber die knappen, durchnummerierten Aufzeichnungen seines Bandes erweisen sich als intensive Suchbewegungen eines lyrischen Ichs, das gewillt ist, mit seiner Imagination "in das Innere des Strohhalms" zu schauen, an den es sich doch klammert. Nach innen also geht hier der geheimnisvolle Weg - und unserer grell ausgeleuchteten Gegenwart begegnet Joachim Zünder beispielsweise mit folgendem Credo: "Keine Vernunft ohne Verzicht auf Vernunft." Man mag darüber nachdenken und sich die Zeit nehmen, diesen außerordentlichen Dichter kennenzulernen.

Lange Zeit für die Schublade geschrieben hat der 1950 in Rottweil geborene und heute in Crailsheim lebende Autor Manfred Hans Gruhler, dessen Gedichte und Notate sein Verleger Hubert Klöpfer sehr treffend "prosa-philosophische Blitzlichter" nennt. Gruhlers Texten eignet etwas durchaus Augenblickhaftes, aber aus dieser Spontaneität beziehen die besten Gedichte des Bandes "Das Grün der Geier" (Klöpfer & Meyer, Tübingen 2012) auch ihre Kraft: "Mal steht ein Tief, mal / Liegt ein Hof und oftmals / Umvertauscht, Sie wissen's / Immer regnet es die Feuer / Vorm Rauch", heißt es in dem der Dichterin Nelly Sachs gewidmeten Text "Unter den Feuern Gomorrahs". Das Spruch- und Sentenzenhafte ist ihm nah, diesem Dichter, und in Anspielung auf Max Frisch nennt Gruhler sein schönes Weltentstehungsgedicht "Der Mensch erscheint im Pleistozän". Doch ein Mensch kommt gar nicht vor, dafür drei Frösche und allerlei anderes Getier: "Die allererste Nacht, diese erste / Nach dem Regen gehört den Fröschen / Etwas lag lange in der Luft / Die Schnecke gräbt aus / Dem aufgeweichten Boden sich / Aus..." Manfred Hans Gruhlers Gedichte sind von barocker Deftigkeit oder dialektischer Finesse, es lohnt, in dem 260 Seiten starken Band, den der Mathematikliebhaber in zweimal fünf Kapitel vor- und rückwärts gegliedert hat, zu blättern.

Ihren Debütband mit dem Titel "waldoffen" (LyrikEdition 2000, München 2012) legt die 1970 in Dresden geborene Lyrikerin Synke Köhler vor, die im vergangenen Jahr bereits in der im Verlag luxbooks erschienenen Anthologie "freie radikale", die Dichter kurz vor ihrem ersten Buch vorstellte, auffiel. Synke Köhlers Sprache zittert vor der Folie einer verhaltenen Privatheit, die sich jedoch nie zur Schau stellt. Eher ist es wie in den "Ewig alten Filmen" (so einer ihrer Gedichttitel), wo zwischen den Gefühlen der Filmhelden und der Empathie der Zuschauer ja immer noch die Leinwand steht. Synke Köhler genügen wenige Zeilen, um etwas offen zu legen, das doch nie ganz ausgesprochen werden muss - kann sie doch mit mündigen Lesern rechnen, die vermutlich auch Kubricks Film "Dr. Seltsam oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben" kennen: "ich lehne mich in die sozialistischen / polster und lache ich pazifistin / an meinem körper keine knöpfe / ich mit deinem freund in dem film / wie ich lernte die bombe zu lieben."

Synke Köhlers Poesie ist eine der Andeutungen

Das Buch ist in fünf Kapitel unterteilt, die vom Meer, der Großstadt, der Vergänglichkeit, der Poesie des Films und immer wieder von menschlichen Gefühlen handeln. In "postkarte vom meer" ist die Rede von einem "strand voller Körbe" und von Wiesen, die "dünnhäutig" sind, man sollte diesen Text durchaus als lyrisches Vexierspiel lesen, das es erst noch zu entschlüsseln gilt: "der regen ist hier sehr hell / der strand voller körbe / und das meer kaum sexuell / denk dir nichts dabei."

Köhler schreibt eine Poesie der Andeutungen, sie liebt das Enjambement und die behutsame Metapher, es ist eine beinahe scheue Poesie, aber wie heißt es doch in jenem Gedicht, das ihrem ersten Band den Titel gegeben hat: "sanftmutig streichst du // die zweige von meinen / zittrigen Lippen / wenn wir scheu sind / sind wir waldoffen." Volker Sielaff

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.05.2012

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