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Neue Bilder von Johannes Heisig in der Galerie Himmel

Nachtwachender Zeitzeuge Neue Bilder von Johannes Heisig in der Galerie Himmel

Als "Monologe" fasst ein wenig irritierend Johannes Heisig die Auswahl seiner neuen Bilder zusammen, die er zur Zeit in der Dresdner Galerie Himmel vorstellt. Bei den mehr als zwanzig Gemälden handelt es sich mehrheitlich um Stillleben, daneben surreale Szenen, (Stadt)landschaften.

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Johannes Heisig. Mach dir ein Bild!, 2014/2015, Öl auf Leinwand, 170 x 210 cm.

Quelle: Dieter Haber/Galerie

Dresden. Im Unterschied zu der Ausstellung vor drei Jahren zeigt der Künstler nur ein einziges (Selbst)porträt. Mit leicht geneigtem Kopf, an der Staffelei vorbei, blickt er den Betrachter an, mit einem auf den ersten Blick freundlich-verschmitzt wirkenden Lächeln, das aber bald einen Anflug von Skepsis, eine ironische bis bittere Beimischung erkennen lässt, auch wenn man den Titel des Bildes noch gar nicht registriert hat. Der Nachtwächter also. Einer, der viel Zeit hat, zur Traumzeit durch die Stadt zu gehen, mit den Dingen zu reden, über die Welt zu sinnieren, die kaum noch einer versteht. Maximal ironiefrei ließe sich von einem Zeitzeugen reden, der keine Müdigkeit aufkommen lässt, wachgehalten im Widerstreit zwischen (Mit)fühlen und kritischer Distanz. Sein Heiliger Sebastian ist schwarz und ganz konventionell gepeinigt. Die Verfolger sieht man nicht, freilich eher dumpf wirkende Gestalten, argwöhnisch zurückblickend, auf dem Weg "Heimwärts", was für ein Spaziergang.

Hier leuchten die Neonfarben aus der Nacht, wo vergnügungssüchtiges junges Volk waghalsig eine "Halfpipe" ausmisst, da lässt das durchfurchte Blau des Himmels über der "Liegewiese" unversehens in die Schwärze des Alls blicken. "Lizard King (Wagneriana)" - der Operngigant trifft Jim Morrison? Eine vermummte Gestalt mit riesigen Fäusten schwingt einen blutigen Zweihänder, den Knauf über einem bleichen Gesicht, trifft das Instrument eines verzückten Trompeters. Im hoch und tief gestaffelten Hintergrund eine Kreuzigung kopfüber, noch weiter ein Dirigent im Frack, aufbegehrende Gestalten sind vielleicht dabei, einen Grenzzaun zu überwinden, eine Madonna, ebenso überdimensional wie ein offenes Ohr - ein figurenreiches Rätsel zwischen Chaos und Verheißung, dem Heisig mit dem Titel noch die Krone aufsetzt. "Mach dir ein Bild!" ruft er einem aufgeschreckten Pianisten zu, in eine räumliche Enge, die von einer spiegelnden Weltkugel mit dem Kreuz beherrscht wird und wo dennoch Martyrien stattfinden. Das Auge einer Kamera aber, aus einem Aluminiumkoffer hervorlugend, definiert sich als das "Herz der Bilder".

Es geht also wieder um nichts Geringeres als um die Welt und den Platz des Künstlers darin, beides schwer bestimmbar, aber jedenfalls veränderlich. Das Besondere daran scheint, wie der Künstler bar aller Illusionen selbst Veränderungen sucht, sich dazu auch bekennt, offenen Auges und ohne Larmoyanz. Heisig ist kürzlich erst umgezogen, von Berlin in ein kleines Dorf in der Priegnitz. Was einem dabei so durch die Hände geht...

"Meine Puppen in Teetz" erweisen sich hier als das wohl lichteste, freundlichste Motiv, wie sie da ausdrucksvoll und zart in ihrem Eigensinn am Fenster hängen. Vielleicht ein Refugium, aber wohl nicht dafür auserkoren, die Zeit anzuhalten, schon gar nicht in Gesichertem zu schwelgen. Allzu ersichtlich ist es Herbst geworden. Die Sträuße, die Blumen an den Fenstern sind verdorrt, neben einem fahlen Schweineschädel erinnern sie an den Kopf eines toten Vogels. Wie ein gefällter Baum liegt der Schirmpilz (Der Riesenschirm), grau schrundige Haut und feinstes Lamellenfutter unterm Hut. Mit pastoser Farbe trifft der Pinsel diffizile Nuancen, aber ohne vordergründige Delikatesse.

Heisigs neue Bilder sind noch etwas sperriger, verweigern Harmonie, Wohlklang, jegliches Gefühl der Geborgenheit. Was sie vielmehr auszeichnet, ist ihre Intensität, die nicht aus furiosen Gesten kommt, sondern aus der Hartnäckigkeit, mit der die Motive befragt werden, bis sich in den Kernzonen die Farbe zu gebirgigen Reliefs auftürmt. Erkundungen neben Erinnerungen, die große Stadt noch gegenwärtig. Der "Maler über dem Hackeschen Markt" blickt in eine Schlucht, von spiegelnden Gleisen durchzogen. Im "Unwetter über der Baustelle (Mariannenplatz)" ist die Natur ein einziges Gebraus, in dem sich fragile Stahlkonstruktionen widersinnig behaupten. Die oft widerwärtige Faszination des Widersprüchlichen steht über dem Frust, die ebenso skeptische wie süchtige Neugier des Nachtwächters über der lähmenden Resignation.

"Monologe" in der Galerie Himmel, Obergraben 8, bis zum 9. Januar Mo bis Fr 10-18, Sa 10-16 Uhr, sonn- und feiertags geschlossen

von Tomas Petzold

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