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Naika Foroutan startete die 25. „Dresdner Reden“-Saison

Diskurs Naika Foroutan startete die 25. „Dresdner Reden“-Saison

Es war ein furioser Auftakt der Dresdner Reden im 25. Jahrgang, die 1992 mit Günter Gaus und Christoph Hein im Großen Haus begannen, in Zeiten, als man noch dachte, der damalige Mitorganisator Bertelsmann sei nur ein Buch- und Leserklub. Zu Gast am Eröffnungssonntag 2016 war Naika Foroutan.

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Naika Foroutan
 

Quelle: Daniel Koch / Staatsschauspiel Dresden

Dresden.  Es war ein furioser Auftakt der Dresdner Reden im 25. Jahrgang, die einst, also 1992, mit Günter Gaus und Christoph Hein im Großen Haus begannen, in Zeiten, als man noch dachte, der damalige Mitorganisator Bertelsmann sei nur ein Buch- und Leserklub. In den Folgejahren kamen sie fast alle zu Wort: wichtige Politiker, große Dichter wie namhafte Publizisten, aber auch Architekten wie Regisseure, und betrieben politische Aufklärung oder brillante Rhetorik. Das Haus war fast immer voll, Enttäuschung recht selten.

Denn in der Liste findet sich quasi der Kanon der Intellektuellen, die sich heute durch unterzivilisierte Talkshows quälen müssen, um latent Gehör zu finden. Für unnötige Aufregung sorgten nur Ausnahmen wie Jonathan Meese oder Sibylle Lewitscharoff, letztere nutzte vor zwei Jahren – direkt hinter Roger Willemsen und Jürgen Trittin – ihr Podium für einen künstlich befruchteten Aufschrei.

Recht selten stand Wissensgewinn im Vordergrund, doch die Auftritte von Philosophen oder Soziologen waren immer Höhepunkte. Auch weil sie – so wie Heinz Bude zum Auftakt vor einem Jahr – systematischer, ergo genauer und nachhaltiger am Puls der Zeit zu fühlen vermögen als andere redende Berufsgruppen. Ein garantiert ähnlich wirkender Impuls gelang nun bei der 95. Rede mit Naika Foroutan. Sie ist als ordentliche Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik gleichzeitig stellvertretende Direktorin des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung, angesiedelt an der Humboldt-Uni, und sorgte für Aufsehen, als sie einige empirische Schwächen von Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ offenbarte.

Nun bot sie den Dresdnern einen viergeteilten Vortrag mit dem Titel „Postmigrantische Gesellschaften. Was es für Deutschland bedeutet, ein Einwanderungsland zu sein“ – also ganz ohne Fragezeichen. Warum, das begründet die Tochter einer Rheinländerin und eines Iraners gleich anfangs, nachdem sie an ihren ersten Dresdner Auftritt vor 15 Jahren anlässlich der Synagogen-Einweihung erinnert hatte, wo sie über Zivilisationskonflikte zu reden geladen war: Schon 1848, als das neue Deutschland erstmals verfasst wurde, war es kein homogenes Reich – und hat sich, bis auf eine kurze, düstere Episode als Ausnahme, nie als solches definiert. Spätestens seit 2001, nach der Süßmuth-Kommission, stellt sich Deutschland dem Fakt der Einwanderung, die schon 1992 mit knapp 800 000 Überschuss im Saldo einen Rekord verzeichnete, auch gesetzlich und schuf neue Einbürgerungsregularien, die heute statistische Unklarheit hervorrufen: Von 82 Millionen Bundesbürgern haben heuer 16,5 Millionen Migrationshintergrund (darunter jedes dritte Kind, in Frankfurt sogar 72 Prozent aller Kinder), davon wiederum sind aber 9,2 Millionen offiziell Deutsche.

Das ganze garnierte Naika Foroutan mit herausragenden Ergebnissen jüngster Sozialforschung, wobei die Einwanderungswelle aus dem vergangenen Jahr noch auf des Easy-System des Migrationsbundesamtes beruhen, bereinigt um Schätzungen der Bundesstatistiker. Das ergäbe, so Foroutan, mit einem Plus von 900 000 Einwanderungen einen neuen Rekord, darunter 800 000 aus muslimischen Ländern, was vor allem deren hiesigen Communities bei einem rasanten Aufwuchs von 4,2 auf 5 Millionen in Sachen Integrationsleistung arg fordere, während der Anstieg in ganz Deutschland von einem Prozent Deutschland nicht überfordere und ungefähr dem entspreche, was ein Einwanderungsgesetz wohl als Quote festlegen würde.

Ambivalentes Deutschland

Aber sie verweist auch auf die Wahrnehmung in der Bevölkerung, was sie als „ambivalentes Deutschland“ bezeichnet: Schon allein der Anteil der Muslime wird von über der Hälfte der deutschen Bevölkerung arg überschätzt – um den Faktor zwei bis vier, auch im Osten, und um deren messbar wachsende Ängste, dargelegt am ARD-Deutschlandtrend.

Spannender als die Zahlen im zweiten Teil, die im Rahmen einer solcher Rede zwangsläufig unterkomplex und unsystematisch bleiben und die als akademische Präsentation per Beamer für die meisten nur mit Opernglas gut lesbar waren und daher bald auf der Theaternetzpräsenz verlinkt werden, während die Rede in „Theater heute“ veröffentlicht werden soll, sind die Schlussfolgerungen der preisgekrönten Berliner Professorin: Denn sie fordert mit der „Abwehr der Narrative“, ihrem Lieblingswort, eine kognitive Überwindung der emotionalen Distanz, um eine Demokratieerosion durch Exklusion einzelner Gruppen, vor allem der Muslime, zu vermeiden. Für eine Verfassungsänderung, die einem neuen Leitbild mit aktiver Partizipation Geltung verschaffen könne, hat sie auch schon den passenden Platz: Als Zusatz zu Artikel 20 im Grundgesetz, gleich unter Umwelt- und Tierschutz (großes Gelächter ).

Aber im Ernst fordert sie, auch leibhaftig im wissenschaftlichen „Rat für Migration“ statt einer einseitigen Integrationsverpflichtung einen gegen-, also allseitigen Integrationsvertrag, bei dem auch die allgegenwärtige „Verfassungsdistanz“ der Eingeborenen auf den Prüfstand und ausgeräumt gehöre. Dafür gab es großen Beifall, die Diskussion ging nach knapp 90 Minuten mit sechs Publikumsfragen über 45 Minuten in die Verlängerung. Dabei erläuterte Naika Foroutan klug und übergreifend die akute Sorge der Soziologen um Europa: 20 Prozent einer offenen Gesellschaft sind als Quertreiber völlig normal, also unvermeidlich und verkraftbar. Aber ab 30 Prozent beginnt eine gefährliche Dynamisierung – so wie in Großbritannien, Frankreich, Schweden oder der Schweiz derzeit. Der Kampf um diese zehn Prozent müsse hierzulande jetzt geführt werden.

Nun folgen an den nächsten drei Sonntagen zur besten Gottesdienstzeit mit Peter Richter, Giovanni di Lorenzo und Joachim Klement drei Männer, die in ihren Reflexionen das Phänomen Dresdner Wutbürger nicht ausklammern können. Zur Geburtstagsedition 2017, die ja dann die 99. und 100. Rede umfasst, wünscht man sich vor allem ein großes Geschenk ans Publikum: keine Politiker!

Nächste Reden: Peter Richter am 21. Februar, Giovanni di Lorenzo am 28. Februar und Joachim Klement am 6. März.

Von Andreas Herrmann

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