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Nachtmail mit sozialem Sprengstoff - Vertreter der Freien Szene in Dresden fürchten ums Bühnenüberleben

Nachtmail mit sozialem Sprengstoff - Vertreter der Freien Szene in Dresden fürchten ums Bühnenüberleben

Der Ruf aus Dresdens Freier Szene, unterzeichnet von 15 Künstlern und verpackt in einer Mail an Dresdens Kultur- und Finanzpolitiker und ausgewählte Kulturredakteure, kam Dienstagmorgen 0.16 Uhr in die Welt.

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Andreas Nattermann

Quelle: Archiv

Der Inhalt des "Hilferufes der Freien Theaterschaffenden Dresdens betreffend die Zukunft des Societaetstheaters Dresden und die Arbeitsbedingungen freischaffender darstellender Künstler dieser Stadt" eröffnet den großen Reigen mühsam unterdrückter Begehrlichkeiten querbeet.

Das kommt nicht von ungefähr, denn für viele Arten von Bühnenkunst liefert das "Soci" als feines Gastspielhaus ohne eigenes Ensemble einen wichtigen Baustein zum puren Überleben. Andreas Nattermann als Geschäftsführer hatte mit vier Künstlergruppen - shot-AG, Theater La Lune, Cie. Freaks und Fremde und the guts company - am Societaetstheater eine Art Rahmenvertrag geschlossen, der über drei Jahre jeweils eine neue Produktion pro Spielzeit zusichert - mit der Chance auf eine erquickliche Zahl von Folgevorstellungen, je nach Publikumsgunst. Das ist mit einem Produktionskostenzuschuss (je bis zu 5000 Euro) und Spielhonoraren verbunden. Nun, in Kenntnis der ersten Vorstellungen im Dresdner Doppelhaushalt für 2015/2016, in dem die vor zwei Jahren fraktionsübergreifend gegebene Finanzspritze von 50 000 Euro pro Jahr wieder fehlt, sah sich Nattermann außer Lage, diese Vereinbarung aufrecht zu erhalten und teilte das den vier ausgewählten Companien per Brief mit.

Die Reaktion als offene Nachtmail kam auch für Nattermann überraschend, doch er bestätigt auf DNN-Nachfrage Fakten und Sachlage. Und er äußert Verständnis für die Künstler. "Wir wirtschaften seit der Eröffnung 1999 mit einem festen Budget von 721 000 Euro pro Jahr. Aber ich habe allein für Energie 2013 rund 57 000 Euro bezahlt - rund 8000 Euro mehr als im Jahr zuvor. Der einzige Posten, wo ich wirklich gegensteuern kann, ist die Kunst." So schlage jede Kostenerhöhung, egal welcher Art, direkt als Kunstkürzung durch.

Die Personalkosten, sonst in der Kommune mit zwei Prozent pro Jahr mehr berechnet, unterschlägt die Konstruktion als eigenständige GmbH sowieso, die zudem dem Finanz-, nicht dem Kulturbürgermeister unterstellt ist und einen Großteil der Förderung sofort als Miete für das Haus wieder an die Stadt zurückzahlt.

In seiner Amtszeit, so rechnet Andreas Nattermann vor, haben sich die Einnahmen verdoppelt, und die Zahl der Besucher stieg von 13 500 auf 25 000 per anno. Abgesehen vom Imagewandel, denn viele Häuser, nicht nur in Dresden, könnten mittlerweile neidisch auf die Jugend im Publikum sein. Doch um die dauerhafte Existenz zu sichern, bedarf es nicht nur eines Zu-schusses, sondern größerer Veränderungen. So fordern die Künstler jetzt nicht nur "umgehendes Handeln" zur Wahrung des status quo auf dem Niveau von 2013/2014 und einen konstruktiven Dialog, um "Besonnenheit, Kraft und Sicherheit zu haben für mittel- und langfristige Lösungen und Veränderungen, die anstehen, um dieses Theater lebens- und arbeitsfähig zu halten".

Solidarität schlägt ihnen dabei seitens der kulturpolitischen Sprecher entgegen. Sebastian Kieslich, scheidender CDU-Stadtrat, schlägt vor, dass sich Verwaltung, Stadtrat und die Verantwortlichen vom Theater so schnell wie möglich zusammenfinden, um eine Lösung zu erarbeiten. Möglichst noch vor der Sommerpause. Es müssten darüber hinaus aber für alle Häuser, die durch die Stadt finanziert werden - also auch Operette, Philharmonie, Schütz-Konservatorium - langfristige Lösungen gefunden werden, um steigende Sach- und Personalkosten aufzufangen.

SPD-Obmann Wilm Heinrich macht noch mehr Mut: "Ich habe im Societaetstheater auch in dieser Spielzeit wieder großartige Inszenierungen erlebt und schätze die Arbeit des Hauses sehr. Der Etat des Theaters darf auf keinen Fall reduziert werden. Wir werden für eine Erhöhung streiten. Ich bin recht optimistisch, dass der neu gewählte Stadtrat mehrheitlich das Societaetstheater besser fördern wird." Auch Annekatrin Klepsch von den Linken unterstützt das Anliegen prinzipiell und verweist die Initiatoren aber auch an den Finanzausschuss. Sie erwartet den ersten Haushaltsentwurf Mitte September im neuen Stadtrat, dann beginne die richtige Debatte.

"Wir müssen in einer Koalition der politisch, buchhalterisch und künstlerisch Verantwortlichen neu über den Sinn dieses Theaters nachdenken", heißt es auch in dem offenen Schreiben der Künstler, und: "Was für ein Theater möchte die Stadt hier eigentlich haben?" Die Unterzeichnenden fordern dafür einen runden Tisch, um die Zukunft "tabufrei zu diskutieren", und erklären, dass die Freie Theaterszene "so lebendig und produktiv wie zuletzt Mitte der 1990er Jahre" sei. Das allerdings ist auch eine Feststellung, die noch diskutiert werden darf.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.06.2014

Kerstin Leiße und Andreas Herrm

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