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Nach schwieriger Geburtsphase begann vor 20 Jahren die Arbeit der Kulturstiftung des Freistaates

Nach schwieriger Geburtsphase begann vor 20 Jahren die Arbeit der Kulturstiftung des Freistaates

Ein Kulturland wie Sachsen habe schon ein eigenes Kulturministerium verdient, wenn 1990 nach der beschlossenen bundesstaatlichen Einheit auch die Wiedergründung des Freistaates bevorstünde.

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Am 22. April 1993 verabschiedete der Sächsische Landtag das Gesetz über die Kulturstiftung Sachsen.

Quelle: PR

Das meinten damals nicht nur CDU-Kulturpolitiker wie der Schriftsteller und spätere Akademiepräsident Ingo Zimmermann. Diesem administrativen Denken setzte Ministerpräsident Kurt Biedenkopf in einer seiner wortgewaltigen Sonntagsreden die Idee einer staatsfernen Stiftung entgegen, in der sich Kultur selbst verwalten und organisieren sollte. In die disziplinierte Form einer Regierungserklärung gegossen, lautete diese typisch Biedenkopfsche Vision so: "Ich habe die Absicht, dem Landtag die Gründung einer Kulturstiftung vorzuschlagen, in der die wesentlichen kulturellen Aktivitäten des Landes zusammengefasst werden sollen."

Förderwürdig sind grundsätzlich Projekte von landesweiter Bedeutung, die auch bestimmte Qualitätskriterien erfüllen.

Damit war einesteils die Linie klar. Zugleich entbrannte aber auch die Diskussion, ob dieses allein der Schönheit geweihte und über die Niederungen der Politik erhobene Instrument eine Art Ersatzministerium darstellen oder als ergänzende Förderinstitution wirken sollte. Mit dem Zuschnitt der Ministerien im Herbst 1990 wurde klar, dass die "wesentlichen kulturellen Aktivitäten des Landes" ihren Ansprechpartner auf Regierungsebene eben im Wissenschafts- und Kunstministerium haben. Weshalb es mit der Gründung einer sächsischen Kulturstiftung auch keine so große Eile mehr hatte und die Vision des Lenkers der sächsischen Wieder-Gründerjahre in der Folge um etliche Dimensionen schrumpfte.

Am 22. April 1993, also vor fast genau 20 Jahren, verabschiedete der Landtag dann das Gesetz über die Kulturstiftung Sachsen. Anlass für die Stiftung, sich am gestrigen Abend an ihrem Sitz gegenüber vom Festspielhaus Hellerau zu feiern. Seinerzeit war die Feierstimmung nicht allzu ausgeprägt. In zweieinhalb Jahren wurde über Aufgaben und Umfang der Stiftung nicht nur zwischen der allein regierenden CDU und der Opposition, sondern auch mit dem Aufbaustab gerungen. Den leitete der spätere erste Stiftungsdirektor Jürgen Uwe Ohlau, der sich übrigens nach 22 verdienstvollen und weit über die Pensionierung hinaus reichenden Jahren in der sächsischen Kulturpolitik in Kürze nach München verabschieden wird. Im ersten CDU-Papier vom Juni 1991 stand noch ein vierstufiger Stiftungsaufbau, unter anderem mit einem 31-köpfigen Senat. Sollte es sich um eine öffentlich-rechtliche oder eine privatrechtliche Stiftung handeln? Woher sollte das Stiftungskapital kommen, um nennenswerte Erträge verteilen zu können?

Kaum mehr als eine Million Mark konnte die Stiftung in den ersten Jahren an Fördergeldern ausreichen. Fast keine Erträge, sondern im Wesentlichen Zuwendungen des Freistaates. Eine "echte" Stiftung mit zählbarer Kapitalausstattung wurde die sächsische erst 1998 mit dem Austritt aus der gemeinsamen Stiftung Kulturfonds der ostdeutschen Länder. Eine Entscheidung, die in anderen Bundesländern als sächsisch-egoistischer Alleingang kommentiert wurde, zumal damit in der Folge auch die Aufgabe der Künstlerhäuser in Wiepersdorf und Ahrenshoop verbunden war. Auf einen Schlag verfügte die Kulturstiftung Sachsen mit der Übernahme des Kulturfonds-Anteils über knapp 32 Millionen Mark Kapital. Sie bilden bis heute den Hauptanteil, bei 17 Millionen Euro Einlage ist nicht viel hinzugekommen. Vergleiche etwa mit der Bayerischen Kulturstiftung und ihren 650 Millionen Euro Ausstattung sollte man gar nicht erst ziehen.

Sachsen übernahm 1998 aber auch die bislang von der Stiftung Kulturfonds geförderten Großprojekte wie die Leipziger "euro scene", das Dokfilmfestival oder das Dresdner Filmfest. Mit den zugleich im Stiftungsvorstand beschlossenen neuen Förderrichtlinien schärfte sich damals das Förderprofil in Richtung zeitgenössischer Kunst und Nachwuchsförderung. Nicht nur formal erweiterte sich für die Kulturstiftung im Jahre 2005 das Aufgabenspektrum, als zunächst für zwei Probejahre Aufgaben wie die Film- oder Literaturförderung vom Kunstministerium auf die Stiftung übertragen wurden. Ein Schritt also in Richtung der Ursprungsidee. 2007 wurde die Stiftungsarbeit daraufhin evaluiert. Der damalige Bericht liest sich aus heutiger Sicht etwas überzogen in seiner Kritik. Denn die Kulturstiftung des Freistaates ist im Rahmen ihrer Möglichkeiten auch nach dem Eindruck der Künstler, die von ihr profitieren, weitgehend jene "Vorzeigeeinrichtung" geworden, von der Direktor Ralph Lindner selbstbewusst spricht.

Staunen macht vor allem die Förderwirkung angesichts der nach wie vor bescheidenen Fördersumme, die die Stiftung ausreichen kann. Alles in allem rund dreieinhalb Millionen Euro jährlich, wobei die Koalitionsfraktionen die laufenden Zuwendungen des Freistaates im Doppelhaushalt 2013/14 um 250 000 Euro aufgestockt haben. "Wir sind aber eine echte Stiftung", betont Ralph Lindner. Etwa 400 000 Euro kommen an Kapitalerträgen herein, eine Summe, die mit der Finanzmarktkrise dank langfristiger und seriöser Anlagen nicht alarmierend zurückgegangen ist. Die Hoffnung auf weitere Zustiftungen hat sich leider nicht erfüllt und ist weit hinter den Gründungsintentionen zurückgeblieben. Dafür muss man den Stiftungsmitteln noch eine reichliche Million eingeworbener Drittmittel hinzurechnen. "Fördern und Beraten bilden eine Einheit", betont Direktor Lindner. Und weil der Förderanteil maximal 50 Prozent beträgt, vervielfacht sich der finanzielle Effekt durch die Eigenanteile der Antragsteller.

Bei 600 bis 800 Anträgen jährlich konnten beispielsweise im Vorjahr 264 Projekte gefördert, 33 Kunstwerke angekauft und 44 Stipendien vergeben werden.

Die sind mit den Jahren immer zahlreicher geworden. Ein Indiz für das Ansehen der Stiftung, aber auch mit dem Preis des Erfolgs verknüpft, dass sogar gute Projekte manchmal abgelehnt werden müssen. Förderwürdig sind grundsätzlich erst einmal Projekte von landesweiter Bedeutung, die auch bestimmte Qualitätskriterien erfüllen. Über sie befinden zunächst einmal 34 Künstler, Kunstvermittler, Wissenschaftler und Praktiker in den autonomen Fachbeiräten, bevor der Stiftungsvorstand entscheidet. Der Gefahr von Vetternwirtschaft wird dadurch begegnet, dass die Beiräte nur für drei Jahre bestätigt werden, auf Vorschlag des Direktors allerdings. "Sie bilden die eigentliche Macht der Kulturstiftung", lächelt Ralph Lindner. Die Aufteilung der Fördermittel auf die einzelnen Sparten ist vorgegeben, die Nachfrage allerdings schwankend. Durch die Musik- und Kunsthochschulen im Freistaat werden diese beiden Sparten schneller überzeichnet, denn "viele Absolventen der Hochschulen schlagen bei uns auf", wie Stiftungspräsident Ulf Großmann formuliert.

Das ist ganz im Sinne des Stiftungszwecks, schließt aber auch Erbepflege wie beispielsweise das mehrjährige Schütz-Projekt des Dresdner Kammerchores nicht aus. Bei 600 bis 800 Anträgen jährlich konnten beispielsweise im Vorjahr 264 Projekte gefördert, 33 Kunstwerke angekauft und 44 Stipendien vergeben werden. Eine Auswahl der getätigten Kunstankäufe ist ja derzeit im Lipsiusbau an der Kunstakademie zu sehen. Nicht zu vergessen, dass die Stiftung mit operativen Projekten auch selbst Akzente setzt. Große Konferenzen zum demografischen Wandel, zu Hellerau, zur Industriekultur oder zur Kreativwirtschaft, meist mit Partnern veranstaltet, sind in lebhafter Erinnerung. Auch Gutachten zur Festivallandschaft oder den Theatern und Orchestern belebten die öffentliche Diskussion. Und diese Öffentlichkeit gehört zum Selbstverständnis. "Wir sind eine Gemeinwohlveranstaltung", spitzt Direktor Lindner halb scherzend zu. Was beim immanenten und unverzichtbaren Risikocharakter der Kunst einschließt, dass Projekte auch scheitern dürfen. Gescheitert aber ist nach dem jahrelangen Prozess der Positionsfindung auf keinen Fall das zentrale Kunstförderinstrument Kulturstiftung.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.04.2013

Michael Bartsch

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